Freitag, 15. Dezember 2017
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Die Stromerzeugungsstruktur der EU erfordert eine differenzierte Energiepolitik

Bei der Stromerzeugung in der EU bestehen differenzierte Strukturen, die auf unterschiedlichen natürlichen Gegebenheiten, politischen Entscheidungen und Investitionen vergangener Jahrzehnte beruhen. Seit langem wird engagiert um die „eine und richtige“ Energiepolitik gerungen. Doch gerade wegen der Unterschiede in den einzelnen Ländern kann eine vereinheitlichte Energie- und Klimapolitik für die EU nicht der richtige Weg sein. Vielfalt ist eine Stärke, was die EU-Kommission durchaus berücksichtigt. Mehr Verständnis für die Spezifika in anderen Ländern sollte daher gerade die deutsche Politik und Öffentlichkeit aufbringen, die allzu oft aus eigener Perspektive heraus urteilt.

Seit einigen Jahren veröffentlicht Eurostat die Stromdaten für die europäischen Länder auf Basis einzelner Energieträger. Die Auswertung zeigt zunächst, dass die Stromerzeugung in der EU im Zeitraum von 2002 bis 2014 um etwa 2 % gestiegen ist. Die Schwächephase im Gefolge der Finanzkrise ist noch nicht überwunden.

Kernenergie, Kohle, Gas und die traditionelle Wasserkraft standen im Jahr 2014 für annähernd 85 % der Stromerzeugung in der EU (siehe Abb.). Im Zeitraum 2002 bis 2014 ergibt sich eine Verschiebung hin zu erneuerbaren Energien in einer Größenordnung von etwa 10 %. Ein Wandel ist erkennbar, die Veränderungen erfolgen aber nur schrittweise.

Große Unterschiede zwischen den EU-Ländern

Die hoch aggregierte Darstellung für die EU lässt zunächst auf einen ausgewogenen Brennstoff- und Technologiemix schließen. Es könnte der Eindruck entstehen, dass das, was für die EU insgesamt gilt, auch typisch für die einzelnen Länder sei. Allein ein Blick auf die zwölf größten Stromerzeuger der EU verdeutlicht jedoch, dass große Unterschiede in den Ländern bestehen (Tab.).

Tabelle: Stromerzeugungsstrukturen ausgewählter Staaten 2014
TWH Braun­kohle Stein­kohle Kohle gesamt Öl Erd­gas Kern­ener­gie Er­neuer­bare da­run­ter Was­ser Er­neuer­bare ohne Was­ser Sons­tiges Brutto­strom­erzeu­gung insgesamt
EU 28 321,7 473,9 795,6 57,4 457,4 876,3 874,3 406,5 467,8 129,7 3.190,7
Deutschland 154,2 118,6 272,8 5,7 62,3 97,1 137,3 25,4 111,8 52,7 627,8
Frankreich - 9,5 9,5 1,8 12,7 436,5 95,7 68,6 27,1 6,5 562,8
Vereinigtes Königreich - 100,8 100,8 1,7 100,7 63,7 61,6 8,8 52,9 10,3 338,9
Italien - 43,5 43,5 14,1 93,6 - 114,2 60,3 53,9 14,4 279,8
Spanien - 43,8 43,8 14,1 47,3 57,3 113,2 43,0 70,2 3,1 278,7
Polen 53,4 76,2 129,5 1,6 5,3 - 19,6 2,7 16,8 3,0 159,1
Schweden 0,2 0,3 0,5 0,3 0,4 64,9 85,9 63,9 22,0 1,7 153,7
Niederlande - 29,5 29,5 1,9 51,5 4,1 10,7 0,1 10,6 5,7 103,4
Tschechien 35,7 5,2 40,9 0,0 1,6 30,3 7,6 3,0 4,7 5,4 86,0
Belgien - 2,2 2,2 0,2 19,3 33,7 12,5 1,5 11,0 4,7 72,7
Finnland 3,4 7,9 11,3 0,2 5,5 23,6 25,9 13,4 12,5 1,5 68,1
Rumänien 17,5 0,3 17,8 0,5 8,1 11,7 27,6 19,3 8,3 0,1 65,7
Quelle: Eurostat (Vollständige Tabelle verfügbar unter www.kohlenstatistik.de/16–0-International.html)

Die Liste der größten Stromerzeuger Europas, auf die rund 88 % (2.797 TWh) der gesamten Stromproduktion (3.191 TWh) entfällt, wird mit Abstand angeführt von Deutschland (628 TWh) und Frankreich (563 TWh), deren Erzeugungsniveau relativ nah beieinander liegt. Die Stromproduktion des drittgrößten Erzeugers, des Vereinigten Königreichs, ist um bald die Hälfte niedriger die deutsche. In Italien und Spanien liegt sie bei etwa bei 280 TWh. Schon deutlich weniger Strom wird mit um die 160 TWh in Polen und Schweden produziert. Die Länder Niederlande, Tschechien, Belgien, Finnland und Rumänien erzeugen etwa 100 bis 65 TWh. Die Höhe des Strombedarfs korreliert naturgemäß stark mit der Wirtschaftsstruktur und Bevölkerungszahl. Die Struktur ist bestimmt durch die natürlichen Gegebenheiten, politischen Entscheidungen und Investitionen vergangener Jahrzehnte. Das zeigt eine kurze Länderanalyse.

Die Kernenergie macht in der Stromerzeugung der EU im Jahr 2014 einen Anteil von 28 % (876 TWh) aus und ist die wichtigste Stromquelle. Davon werden 437 TWh in französischen Kraftwerken produziert, 97 TWh in Deutschland, 65 TWh in Schweden und jeweils 64 TWh in Spanien und dem Vereinigten Königreich. In Frankreich lag der Kernenergieanteil im Jahr 2014 bei ca. 78 %, in der Slowakei bei 57 %. Auch in Ungarn (53 %), Belgien (46 %), Schweden (42 %) und Slowenien (37 %) ist der Beitrag der Kernenergie hoch.

Auf Basis von Kohle wurden 2014 in der EU 796 TWh (25 %) Strom erzeugt; davon 273 TWh in Deutschland, 130 TWh in Polen und 101 TWh im Vereinigten Königreich. Unersetzlich ist die Kohle für Polen. Dort betrug der Anteil der Kohlestromerzeugung in 2014 etwa 80 %. Ebenso wichtig ist die Kohle für Griechenland, dort lag der Anteil bei 51 %. In Deutschland stellt die Kohle mit knapp 44 % eine bedeutende und stabile Säule der Stromerzeugung dar. Auch die Länder Tschechien (48 %), Bulgarien (42 %), Dänemark (34 %), Vereinigtes Königreich (30 %), Niederlande (29 %), Rumänien (27 %), Irland (25 %) nutzen die Kohle in großem Umfang.

Nur etwa 14 % (457 TWh) des EU-Stroms wurde in Erdgaskraftwerken erzeugt. Die größten Anteile an der Stromerzeugung auf Basis von Erdgas in der EU haben das Vereinigte Königreich mit etwa 101 TWh, Italien mit 94 TWh und Deutschland mit 62 TWh. Hohe Anteile an Gas in ihrer Stromerzeugung haben die Niederlande (50 %), Irland (49 %), Luxemburg (49 %), Lettland (46 %), Litauen (40 %) und Italien (34 %).

Die Stromerzeugung in Gaskraftwerken ging zurück, obwohl die Erdgaskapazitäten in den vergangenen 15 Jahren annähernd verdoppelt wurden. Die Gaspreise waren im Betrachtungszeitraum hoch, die Strompreise sind gesunken. Die ökonomischen Erwartungen bezüglich des Erdgases haben sich nicht erfüllt.

Die traditionelle Wasserkraft hat sich im Zeitraum 2002–2014 stabil entwickelt (Abb.). Die Stromerzeugung aus „neuen Erneuerbaren“ – d. h. Wind, Solar, Biomasse, Müll – wurde in den vergangenen 12 Jahren von 79 auf 468 TWh gesteigert. Das entspricht 14,7 % der europäischen Stromerzeugung in 2014. Davon entfielen 24 % auf Deutschland, 15 % auf Spanien und 12 % auf Italien; damit rund 50 % auf allein drei Länder.

Eine dogmatische Politik greift zu kurz

Die EU sollte bei ihrer Strom- und Klimapolitik die Gegebenheiten und energiepolitischen Entscheidungen zum Energiemix ihrer Mitgliedstaaten weiter berücksichtigen. Eine dogmatische, für alle Länder einheitliche Politik unter der Überschrift CO2-Minderung würde zu kurz greifen. Es geht darum, die Stromversorgung weiter sicher, wirtschaftlich und zunehmend CO2-ärmer zu gestalten. Zu diesem Ziel führen verschiedene Wege, die von Land zu Land unterschiedlich sein können.

„et“-Redaktion

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