Freitag, 18. August 2017
-   Meinungen & Fakten

Sicher verfügbare Erzeugungsleistung wird knapp

Mit der EEG-Reform 2016 hat der Gesetzgeber einen Ausbaupfad für erneuerbare Energien definiert. Der Schwerpunkt liegt auf Wind- und Photovoltaikanlagen, die allerdings kaum Versorgungssicherheit gewährleisten, da deren Einspeisung stark schwankt und zeitweise nahe Null liegt. Interessant sind in diesem Zusammenhang die Annahmen der Bundesnetzagentur zur energiewirtschaftlichen Entwicklung in dem im Juni 2016 genehmigten Szenariorahmen für die Netzentwicklungspläne Strom 2017–2030. Es stellt sich unmittelbar die Frage: Wenn die sicher verfügbare Erzeugungsleistung knapp wird, wie steht es dann perspektivisch um die Versorgungssicherheit?

Nach dem Energiewirtschaftsgesetz sollen die Netzentwicklungspläne die Bandbreite wahrscheinlicher stromwirtschaftlicher Entwicklungen im Rahmen der energiepolitischen Ziele der Bundesregierung darstellen. Um diese Anforderungen zu erfüllen sind mehrere Szenarien vorgesehen.

Tab: Auszug Genehmigung des Szenariorahmens für die Netzentwicklungspläne Strom 2017–2030
Installierte Leistung
Referenz 2015 Szenario A 2030 Szenario B 2030 Szenario B 2035 Szenario C 2030
Kernenergie [GW] 10,8 0,0 0,0 0,0 0,0
Braunkohle [GW] 21,1 11,5 9,5 9,3 9,3
Steinkohle [GW] 28,6 21,7 14,8 10,8 10,8
Erdgas [GW] 30,3 30,5 37,8 41,5 37,8
Wind Onshore [GW] 41,2 54,2 58,5 61,6 62,1
Wind Offshore [GW] 3,4 14,3 15,0 19,0 15,0
Photovoltaik [GW] 39,3 58,7 66,3 75,3 76,8
Biomasse [GW] 7,0 5,5 6,2 6,0 7,0
Wasserkraft [GW] 5,6 4,8 5,6 5,6 6,2
Nettostromverbrauch [TWh] 532 517 547 547 577
Jahreshöchstlast [GW] 83,7 84,0 84,0 84,0 84,0
Treiber Sektorkopplung
Wärmepumpen [Mio.] 0,6 1,1 2,6 2,9 4,1
Elektroautos [Mio.] 0,0 1,0 3,0 4,5 6,0
Flexibilitätsoptionen
Power-to-Gas [GW] - 1,0 1,5 2,0 2,0
PV-Batteriespeicher [GW] - 3,0 4,5 5,0 6,0
DSM [GW] - 2,0 4,0 5,0 6,0

Die Bundesregierung verfolgt bei der Transformation des deutschen Stromsystems drei Handlungsstränge: den Kernenergieausstieg bis 2023, den Ausbau der erneuerbaren Energien mit einem langfristigen Trendkanal und Maßnahmen unter dem Titel „Strommarkt“. Dabei geht es im Wesentlichen um die Integration der erneuerbaren Energien und das Marktdesign. Damit besteht ein umfassendes Regulativ.

Der Stromverbrauch sollte nach den Annahmen des Energiekonzepts 2010 ausgehend von 2008 bis 2020 um 10 % sinken. In den bisherigen Entwürfen zum Szenariorahmen für die Netzentwicklungspläne wurde dennoch die Annahme zugrunde gelegt, dass sich verbrauchssenkende und verbrauchssteigernde Effekte weitgehend kompensieren. Nun gibt die Bundesnetzagentur abweichend davon vor, auch mit deutlichen Zuwächsen zu rechnen. Die Jahreshöchstlast wird für alle Szenarien auf 84 GW eingeschätzt (Niveau des Referenzjahres 2015).

Aktuelle Kapazitätsannahmen der Bundesnetzagentur

Die Genehmigung des Szenariorahmens für die Netzentwicklungspläne Strom 2017–2030 nennt konkrete Zahlen (siehe Tabelle). Die installierte Leistung, insbesondere von Windkraft- und PV-Anlagen, steigt deutlich an, sicher verfügbare und flexible Kraftwerkskapazitäten werden jedoch gleichzeitig erheblich sinken.

Die Bundesnetzagentur erwartet, dass die Kapazitäten von Stein- und Braunkohlekraftwerken bis 2030 deutlich abnehmen. Das ist auf marktgetriebene Stilllegungen bei der Steinkohle, die Sicherheitsbereitschaft durch Braunkohle und eine rein schematische Annahme zur Lebensdauer (40, 45 oder 50 Jahre) der Kohlekraftwerke zurückzuführen. Die schematische Herangehensweise, insbesondere hinsichtlich der Kohle- und speziell der Braunkohlekraftwerke, wurde im Rahmen des Konsultationsprozesses strittig diskutiert. Details zur Debatte können der Genehmigung entnommen werden [1].

Für Gaskraftwerke wird die Leistung zunächst gleichbleibend, später stark steigend angenommen. Diese Annahmen sind jedoch nicht schlüssig, da Investitionen in Gaskraftwerke bei den Preisannahmen für Brennstoffe und CO2 kaum absehbar sind.

Folgen die Märkte den politischen Erwartungen?

Ob neue Gaskraftwerke errichtet, wie lange bestehende Kohlekraftwerke betrieben werden und wie der Energiemix aus Stein-, Braunkohle- und Gaserzeugung tatsächlich aussieht, wird sich als Marktergebnis einstellen. Es ist ungewiss, ob die Märkte den politischen Erwartungen aus der Genehmigung folgen.

Deswegen bleibt fraglich, ob die in der Genehmigung vom 30.6.2016 vorgegebenen Szenarien die wahrscheinliche Entwicklung tatsächlich erfassen. Im Expertenstreit um den Energiemix, im Kampf für oder gegen einen schnellen Kohleausstieg geht oft unter, dass der Umfang des Netzausbaus nicht dadurch bestimmt wird, ob einige GW Kohlekraftwerke mehr am Netz sind. Möglicherweise ist die Perspektive der Kohlekraft etwas besser als erwartet. Es sei denn, die Politik würde massiv zugunsten von Gas intervenieren. Dabei hat sich die Bundesregierung jüngst wieder zu einem wirtschaftlichen Markt bekannt.

Längerer Betrieb vorhandener Kapazitäten wahrscheinlich

Heute bestehende Kernkraftwerke werden außer Betrieb gehen. Vorgesehen ist auch, dass Kohlekraftwerke nach einer fixen Betriebszeit stillgelegt werden sollen. Ein Teil der Lücke soll annahmegemäß durch neue Gaskraftwerke geschlossen werden. Dabei trägt der starke Ausbau von Wind On- und Offshore sowie Photovoltaik kaum zur Versorgungssicherheit bei.

Unabhängig von der Höhe der Wind- und PV-Kapazität wird es immer Zeiten geben, in denen ihre Einspeisung nahe Null liegt. Es spricht einiges dafür, dass sicher verfügbare Erzeugungsleistung knapp wird und heute vorhandene Kapazitäten länger als angenommen betrieben werden.

„et“-Redaktion

Diesen Artikel können Sie hier als PDF kostenlos downloaden.


  1. Bundesnetzagentur für Elektrizität, Gas, Telekommunikation, Post und Eisenbahnen (Bundesnetzagentur): Genehmigung des Szenariorahmens für die Netzentwicklungspläne Strom 2017–2030, 30.6.2016, S. 82 ff.  ↩

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