Dienstag, 27. Juni 2017
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Nationale THG-Ziele erfordern eine nationale Bilanzierung

Deutschland hat sich auf verschiedenen Ebenen zu einer Minderung von Treibhausgasemissionen verpflichtet. Es besteht ein komplexes, zum Teil widersprüchliches Gebilde aus globalen, europäischen, nationalen und sogar regionalen Zielen. Was es jetzt braucht, ist Konsistenz und Klarheit innerhalb dieses Ziele- und Maßnahmenkonstrukts zu schaffen.

Im Rahmen der Verlängerung des Kyoto-Protokolls haben sich die Annex-B-Staaten dazu verpflichtet, ihre Emissionen im Zeitraum von 2013 bis 2020 um insgesamt 18 % gegenüber 1990 zu reduzieren. Mit den Emittenten, die sich an das Kyoto-Protokoll gebunden haben, werden rund 12 % der weltweiten Emissionen abgedeckt. Die Europäische Union hat eine Verringerung ihrer Emissionen um 20 % zugesagt. Individuelle Ziele für die einzelnen EU-Mitgliedstaaten wurden nicht festgelegt. Lediglich für die Sektoren, die ihre Emissionen nicht gemeinschaftlich über das Europäische Emissionshandelssystem (EU-ETS) senken, wurde eine Lastenteilung (Effort-Sharing) mit nationalen Vorgaben vereinbart.

Rein nationaler Minderungsansatz sorgt für Abgrenzungsschwierigkeiten

Obwohl Deutschland in diese Verpflichtungen eingebunden ist und landesspezifische Ziele von der Gemeinschaft für nicht zweckmäßig befunden wurden, hat Deutschland sich selbst auferlegt, seine Treibhausgasemissionen bis 2020 um 40 % zu mindern. Noch dazu verfolgt Deutschland dabei einen auf das eigene Territorium beschränkten Ansatz.

Weil nun aber der deutsche Energie- und Industriesektor integraler Bestandteil des Europäischen Emissionshandels ist, ergeben sich bei einem rein nationalen Ansatz Schwierigkeiten der Abgrenzung und ungewollte Rückwirkungen auf das System, sobald für diese Sektoren zusätzliche Ziele und Maßnahmen anvisiert werden. Es entspricht nicht der Logik des EU-ETS, dass die deutsche Energieversorgung und die Industrie stärker belastet werden und sich einer Doppelregulierung unterziehen müssen. Denn innerhalb eines solchen Systems bedeutet das, dass die ETS-Sektoren anderer Länder dadurch entlastet würden.

Stromhandelssaldo berücksichtigen

Konsequenterweise müssten bei einem ausschließlich nationalen Ansatz bezogen auf die Zielerfüllung auch nationale Maßstäbe bei der Bilanzierung zugrunde gelegt werden. Für den Bereich Stromerzeugung bspw. hieße das, dass die „nationale CO2-Bilanz“ um den Stromaußenhandel zu bereinigen wäre, sodass lediglich die Emissionen des im Inland verbrauchten Stroms abgebildet werden.

Der Einfluss des Stromhandelssaldos wird durch Zahlen, die das Umweltbundesamt (UBA) gem. internationaler Berichtspflichten veröffentlicht, verdeutlicht [1]. 2015 lagen die CO2-Emissionen der Stromerzeugung in Deutschland bei 312 Mio. t, unter Berücksichtigung des Handelssaldos waren es 28 Mio. t weniger (siehe Abb.).

Die Stromflüsse aus dem Ausland lagen in den Jahren 2009 bis 2015 auf relativ konstantem Niveau, während die Stromexporte signifikant angestiegen sind. Mit den steigenden Austauschmengen nimmt auch die Bedeutung zu, den Stromaustauschssaldo bei der Bilanzierung der Emissionsen zu berücksichtigen.

Da aber bei der Erfüllung nationaler Ziele hinsichtlich des Ausbaus erneuerbarer Energien so getan wird, als ob der EE-Strom vollständig im Inland verbraucht würde [2], obwohl die EU auch hier einen europaweiten Standort- und Technologiewettbewerb fordert, müsste der Stromaustausch streng genommen mit dem durchschnittlichen Emissionsfaktor des Strommix bewertet werden, der sich ausschließlich auf fossile Energieträger und Kernenergie bezieht. Die Daten des UBA basieren jedoch auf dem Strommix einschließlich Erneuerbarer. Unter Zugrundelegung des konventionellen Strommix wäre die Differenz zwischen den Werten mit und ohne Berücksichtigung des Stromaustaschsaldos noch deutlicher.

Nationale Emissionsziele in Einklang mit den europäischen Zielen zu bringen

In einer vom UBA in Auftrag gegebenen Studie wurde von den Gutachtern des Öko-Instituts angemerkt, dass „europäische und nationale Minderungsziele in Summe recht nahe beieinanderliegen, es aber große Unterschiede bei der Verteilung der Emissionsminderung auf die Sektoren gibt“ [3]. Das gibt Anlass zu hinterfragen, ob zusätzliche nationale Ziele und strikte Erfüllungsansprüche, insbesondere bezogen auf EU-ETS-Sektoren, überhaupt einen Mehrwert haben. Grundsätzlich wäre es zweckdienlich, nationale Ziele in Einklang mit den europäischen Zielen zu bringen. Eine sinnvolle Maßnahme wäre, bspw. das ETS zu stärken und idealerweise auf weitere Sektoren und Nationen auszuweiten, um auf internationaler Ebene vergleichbare Bedingungen zu schaffen.

Anmerkungen

  1. Umweltbundesamt: Entwicklung der spezifischen CO2-Emissionen des deutschen Strommix in den Jahren 1990 bis 2015. Dessau-Roßlau Juni 2016.  ↩

  2. So wurden im Energiekonzept Zielanteile der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien am Bruttostromverbrauch festgelegt.  ↩

  3. Öko-Institut: Ansätze zur Bewertung und Darstellung der nationalen Emissionsentwicklung unter Berücksichtigung des EU-ETS. Studie im Auftrag des UBA, Freiburg März 2017.  ↩

„et“-Redaktion

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