Mittwoch, 16. Januar 2019
-   Meldungen

Power-to-X als globale Chance für Dekarbonisierung in Industrie und Verkehr

Astrid Sonja Fischer

Power-to-X (PtX) wurde bisher vor allem als Anwendung für „Überschussstrom“ aus erneuerbaren Energien verstanden. Eine aktuelle Studie im Auftrag des Weltenergierat – Deutschland sieht in der Technologie hingegen eine globale Chance, die Sektoren Verkehr, Wärme und Industrie bis 2050 zu dekarbonisieren und CO2-freie Energieträger international zu handeln. Von Vorteil ist dabei, dass für mittels Elektrolyse hergestellten Biokraftstoff, Ammoniak, Methan oder Wasserstoff, die vorhandenen Transportwege per Schiff oder Pipeline genutzt werden können.

Weltweit haben sich Staaten zur Reduktion der Treibhausgase bis 2050 verpflichtet. Verbesserte Energieeffizienz und die Nutzung von erneuerbaren Energien auch im Bereich Wärme und Verkehr gelten als zentrale Elemente für die Transformation der Energiesysteme. Nach Einschätzung des Weltenergierat – Deutschland greift eine reine Elektrifizierung aber zu kurz: „Ambitionierte Klimaziele sind nur erreichbar, wenn erneuerbare Energien nicht nur als Strom genutzt werden, sondern als Gas oder flüssiger Brennstoff speicherbar sind“, erklärt Dr. Carsten Rolle, Geschäftsführer des Weltenergierat – Deutschland. 

Dr. Carsten Rolle, Geschäftsführer des Weltenergierat – Deutschland, im Gespräch mit Studienautor Dr. Jens Perner, Frontier Economics, auf dem Energietag 2018 in Berlin | Foto: WEC
Das Beratungsunternehmen Frontier Economics hat in der Studie „Internationale Aspekte einer Power-to-X Roadmap“ untersucht, ob synthetisch erzeugte Produkte, wie Ammoniak, Methan, Diesel, Benzin und Kerosin, die konventionellen Energieträger und Rohstoffe im Bereich Transport, Wärme, Industrie und Stromerzeugung ersetzen können. Die Mehrheit der Alternativen lasse sich dabei in der vorhandenen Infrastruktur nutzen. „Synthetische Kraftstoffe werden sich zur zweiten Säule erneuerbarer Energien entwickeln“, ist Rolle überzeugt. Ein weiterer Vorteil von PtX sei die Speicherbarkeit von Erneuerbaren über die Saison hinweg. Das Gasnetz könne ein Vielfaches an Energie aufnehmen und länger speichern als Batterien.

Deutschland importiert zwei Drittel seines Energiebedarfes, so die Studie. Mit erneuerbarer Produktion aus Europa lasse sich dieser auch 2050 nicht decken. In vielen Regionen der Welt gebe es zudem günstigere Bedingungen für Photovoltaik- und Windanlagen. Neben der Selbstversorgung mit erneuerbaren Energien werde für viele Länder über PtX auch der Export möglich. „Vorreiter wie Norwegen haben die technologische Umsetzung frühzeitig vollzogen und erste Handelsbeziehungen aufgebaut,“ berichtet Rolle anlässlich der Diskussion der Ergebnisse auf dem Energietag 2018. In Chile gebe es einen wirtschaftlichen und regulatorischen Rahmen, um PtX-Projekte zu entwickeln. Weitere Länder mit Ressourcen seien Australien, Marokko und Saudi-Arabien.

Nach Einschätzung der Studie kann ein globaler Markt für synthetische Brenn- und Kraftstoffe eine Größenordnung bis 2050 von 10.000 bis 20.000 TWh pro Jahr erreichen, was etwa 50 % der heutigen globalen Nachfrage nach Rohöl entspricht. Hierfür wären Elektrolyseure von 3.000 bis 6.000 GW nötig. Bisher gebe es Kapazitäten von 20 GW. Bei der Elektrolyse seien die Stromerzeugungskosten ein entscheidender Faktor, so die Analyse. Die Infrastruktur für den Transport von Wasserstoff, Methan oder Ammoniak über Pipelines und Schiffe sei hingegen bereits heute vorhanden und die Kosten damit vergleichsweise gering.

Power-to-X-Roadmap

Bisher wird PtX vor allem in Pilotprojekten erprobt. Die Bundesregierung hat in ihrem 7. Energieforschungsprogramm ein Reallabor dazu vorgesehen. Der Weltenergierat – Deutschland empfiehlt in einer Roadmap, den Markt systematisch aufzubauen: „Power-to-X wird nicht plötzlich da sein, seine Entwicklung braucht eine langfristige Strategie und eine schrittweise Skalierung. Noch sind die deutschen Erwartungen an die Rolle von PtX im Ausland wenig bekannt“, erläutert Rolle.

Der Weltenergierat – Deutschland empfiehlt, die internationale Kooperation zu verstärken, die Wettbewerbsbedingungen für PtX und konventionelle Brenn- und Kraftstoffe anzugleichen und Klimavorteile zu vergüten. Zudem sollten internationale Standards geschaffen werden.
________________________________________________________________________________________________

A. S. Sonja Fischer, Freie Journlistin,
Schönwalde-Glien


Fischer@wirtschaftswort.de

Suche

Aktuelles Heft
Schwerpunkt: Flexibilität
Mit Blockchain gegen Greenwashing
Aggregation im Nachfragebereich; Energiewelt 2035
Konsequenzen eines beschleunigten Braunkohleausstiegs
mehr...
Anzeige
EW Medien und Kongresse GmbH
Kaiserleistraße 8a | D-63067 Offenbach am Main | Telefon +49 (069) 7104487-0 | Telefax: +49 (069) 7104487-459

Aktuelles Heft  | Zukunftsfragen  | Topthema  | Weitere Themen  | Termine  | Heftbestellung  | Mediadaten  | Ansprechpartner

copyright by Friese Media GmbH 2012  |  anmelden  |  Impressum |  AGB  |  Datenschutz