Mittwoch, 26. Juli 2017
-   Veranstaltungen

Smart Renewables 2017: Durchbruch gelungen

Das durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) gestützte Ziel, die „renewables“ in den Markt zu bringen, ist nach Aussage des Kanzleramtsministers Peter Altmaier bereits in großem Umfang gelungen. Eine erfolgreiche Politik also. Nur mit dem „smart“ ist Altmaier unzufrieden. Bei der 7. Smart Renewables, der BDEW-Leitveranstaltung zu den erneuerbaren Energien (EE) am 22.–23.2.2017 in Berlin, wurden deshalb die Geschäftsmodelle, die mit der Digitalisierung möglich werden, ausführlich diskutiert. Es geht um die Rolle der Energieunternehmen in der künftigen Energieversorgung und um die sich verändernden Kundenwünsche sowie die Frage, wie Energieversorger diese erfüllen können.

Stefan Kapferer, Vorsitzender der BDEW-Hauptgeschäftsführung, wies darauf hin, dass die Energiewelt erneuerbar, dezentral und digital wird. Diese drei Elemente stellen die Energiewirtschaft vor enorme Herausforderungen, bieten aber auch Chancen für die Entwicklung neuer Geschäftsfelder und -modelle. Der durch die Energiewende erzwungene Strukturwandel steht somit im Mittelpunkt der aktuellen Überlegungen. Von besonderer Bedeutung ist dabei, wie die Steuerung des volatilen Systems mithilfe der Digitalisierung und die Nutzung der Sektorkopplung gelingen kann.

Standen in den vergangenen Jahren die politischen Debatten um das EEG im Vordergrund, soll es nunmehr ganz im Sinne des Eintritts in die postideologische Energiewende eher um die pragmatischen Implementationen dieser Energiewende gehen. Es geht um das Gelingen als Ganzes. Dazu gehören aktuelle Entwicklungen im Bereich der Speicher und – eng damit verknüpft – die Frage, wie schnell uns eine Elektrifizierung der Sektoren Mobilität und Wärme gelingt.

Lob und Tadel von der Politik

Als Vertreter der Politik vergab Peter Altmaier, Chef des Bundeskanzleramtes und ehemaliger Bundesumweltminister, Lob und Tadel. Er zeigte sich zufrieden mit den bereits installierten EE. Die Festlegung von Ausbaukorridoren sei wichtig gewesen. Man solle sie nicht vergrößern, damit Planungssicherheit bestehen bleibt. Altmaier ist sich sicher, dass die Entscheidung zum Energy-only-Markt richtig sei. Er wolle daran nichts ändern, auch wenn im Ausland andere Wege beschritten würden (Kapazitätsmärkte). Wichtig sei jedoch, dass man beim Netzausbau vorankomme. Das Abregulieren und die Redispatchkosten müssten verringert werden. Die Energiewende könne nur gelingen, wenn eine hinreichend gute Netzinfrastruktur vorhanden ist.

Unzufrieden zeigte sich Altmaier mit den Erfolgen bei der Flexibilität, z. B. beim Demand-Side-Management, und den nur unzureichend genutzten Chancen der Digitalisierung. Er befürchtet, dass in anderen Branchen Unternehmen die Chancen der Digitalisierung inzwischen besser nutzten als in der Energieversorgung. Er forderte eindringlich die Lösung für das Problem der Volatilität. Den BDEW und seine Mitgliedsfirmen forderte er auf, Vorschläge zu machen, die die Gesamtenergiewende betreffen. Und er sagte zu, dass er alle umsetzbaren Vorschläge auch wirklich umsetzen wolle.

Energieversorger 4.0

Die Nutzung der Digitalisierungsmöglichkeiten steht an erster Stelle. Dabei geht es darum, praktikable Benutzungslösungen zu entwickeln, also von Apple zu lernen. Interessant war auch die Frage, ob in Zukunft noch Kilowattstunden alleine verkauft werden können oder ob die Unternehmen nicht vielmehr Dienstleistungen mit entsprechendem Mehrwert verkaufen müssen. Noch unbeantwortet blieb, ob es je ein „iPhone der Energiewirtschaft“ geben werde.

Auf die Frage, wie smart ein Kunde heute ist, wurde auf die Standardlastprofile verwiesen. Obwohl der Kunde letztlich den Strom bezahlen muss, ist er eigentlich nicht der Entscheider. Alle Energieversorger suchen nämlich nur im Rahmen der derzeitigen Regulierung nach Geschäftsmodellen und weniger nach vom Kunden initiierten Nachfragemodellen.

Die Rolle der Start-ups wird von Energieversorgern und Verbänden als wichtiger Impulsgeber gesehen. Start-ups kümmern sich darum, die Wertschöpfungsketten der kompletten Energiewende zusammenzubringen. Sie denken dabei anders, als bisher im konventionellen Bereich gedacht wurde. Dort plante man in Zyklen von 40 bis 50 Jahren. Das ist heute nicht mehr möglich.

Investitionen in die Energiewende

Inzwischen gehen die Kosten für die EE weiter zurück. Dennoch zeigt sich laut einer Studie von Roland Berger, dass in Deutschland die Energiebranche zu den unbeliebtesten Investitionsbranchen gehört. Obwohl ausreichend Kapital vorhanden und das Umfeld sehr günstig ist, sind private Energieinvestitionen nicht sehr beliebt. Es gibt zwar inzwischen über 900 Energiegenossenschaften, die einmal die Förderung der Energiewende und zum anderen die Stärkung der regionalen Wirtschaft zum Ziel haben. Aber professionelle Geldgeber wie Versicherungen, Pensionskassen, Banken und die Energiebranche sind die größten Investoren.

Zukunft der Energiespeicher

Unter dem Aspekt der Systemintegration der EE spielen Speicher eine wichtige Rolle. Zunehmend werden von Privathaushalten Speicher mit etwa 3 kW Anschlusswert eingesetzt. Bei der heutigen Anzahl kommt man damit bereits auf 1 GW Regelenergie im Netz. Bewährt haben sich Lithium-Ionen-Akkus, die jährlich ca. 17 % Preisreduktion aufweisen. Bei Autobatterien wird deren Lebenszeit in der Regel nicht durch die Ladezyklen beschränkt. Es bleiben viele Zyklen übrig (second life), die man weiter als Pool von Kleinstspeichersystemen nutzen könnte.

Erneuerbare Energien in der Fernwärmeversorgung

Eine gute Möglichkeit, überschüssigen Strom aus EE zu nutzen, ist der Wärmesektor. Im Bereich der Privatheizungen wird nur ca. 1 % der Anlagen mit EE betrieben. Bei den Fernwärmesystemen sind es in Deutschland ca. 13 %. Fernwärme rechnet sich in dicht besiedelten Gebieten in der Regel immer. Wenn dann noch, wie z. B. in Magdeburg, die Wärme aus Müllverbrennungsanlagen genutzt wird, ist es sinnvoll und finanziell lukrativ. Dennoch bleibt die Wärmeerzeugung aus Gas auf lange Zeit Teil der Wärmeerzeugung.

Um den Strom für den Wärmesektor zu nutzen, müssen jedoch, insbesondere im Bereich des Niederspannungsnetzes, erhebliche Ausbaumaßnahmen ergriffen werden. Diese Maßnahmen können lt. Johannes Kempmann teuer werden. Dennoch empfiehlt er den Stadtwerken, die Sektorkopplung (Wärme, Elektromobilität) als Wachstumsmarkt für den Strom zu nutzen.

Blockchain

Die bereits in der Finanzbranche eingesetzte Blockchain-Technologie, könnte auch im Bereich der Energie durch den direkten Informationsaustausch zu großen Veränderungen führen. Bei Blockchain werden Transaktionen dezentral über Verschlüsselungen schnell abgewickelt und dies bei einer permanenten Validierung. In allen im Netz angeschlossenen Rechnern werden sämtliche Informationen gespeichert. Da permanent geprüft wird, müssten alle Rechner gehackt werden, um hier Manipulationen vorzunehmen. Nachteil ist u. a. der hohe Energiebedarf für die großen Rechenleistungen.

Faire Finanzierung der Energiewende

Das bisherige EEG stützte die Ausnahmen, nämlich die EE. Inzwischen haben sich diese soweit entwickelt, dass sie nahezu die Regel darstellen. Ein EEG 2018 sollte die Menschen, die Wirtschaft und die Ökologie mitnehmen und damit gerechter werden. Stefan Kapferer wies darauf hin, dass das Potenzial der Sektorkopplung nur dann sinnvoll genutzt werden könne, wenn der Strom die ihm zugewiesene größere Rolle auch wirklich spielen könne. Das heutige System biete keine Möglichkeiten für neue Flexibilitäten. So würde z. B. Power-to-Gas o. Ä. nicht sinnvoll einbezogen. Bei den Diskussionsteilnehmern herrschte Einigkeit darüber, dass es auf der ganzen Welt keinen Energiemarkt ohne Einfluss der Politik gibt. Deshalb werden heute Entscheidungen in der Energieversorgung bezüglich der Investitionen nicht aus Markt-, sondern aus regulatorischen Gründen (z. B. Stilllegung von Kraftwerken, Kraftwerksneubau) getroffen.

Aufbruchstimmung

Nachdem die ideologischen Fragen im Zusammenhang mit der Energiewende weitgehend in den Hintergrund getreten sind, wird intensiv nach praktikablen Lösungen für die Energieerzeugung und die Kundenansprache gesucht. Sektorkopplung ist dabei ein wichtiges Stichwort. Die Diskussionsbeiträge der Energieversorger zeugen von einer vorhandenen Aufbruchstimmung und einem gewissen Optimismus, dass nach der Herbstwahl auch die neue Bundesregierung praktikable und sinnvolle Schritte für den Ausbau und die Integration der erneuerbaren Energien gehen wird.

Georg Hillmann, Berlin

Suche

Aktuelles Heft
Inhalt der Ausgabe 7/2017
Schwerpunkt: Flexibilitäten
Energiepolitik: Ist die Energiewende festgefahren?
Stromverteilnetz: Nutzung dezentraler Flexibilitäten; Einspeisemanagement 3.0
Energieeffizienz: Ansätze für eine Energiesuffizienzpolitik
mehr...
 
EW Medien und Kongresse GmbH
Montebruchstraße 20 | D-45219 Essen | Telefon: +49 (02054) 9532-0 | Telefax:  +49 (02054) 9532-60

Aktuelles Heft  | Zukunftsfragen  | Topthema  | Weitere Themen  | Termine  | Heftbestellung  | Mediadaten  | Ansprechpartner

Copyright 2012 by ONexpo  |  anmelden  |  Impressum |  AGB