Sonntag, 24. September 2017
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Energiehandel im Zeichen der Digitalisierung und neuer Geschäftsmodelle

Die E-world energy & water ist ein trubeliger Treffpunkt für die Branche und Newcomer, bei dem man sich meist nur kurz austauschen kann. Da ist es wohltuend, sich mit Energiehandelsfachleuten aus Stadtwerken, großen und kleinen EVU sowie Vertretern von Handelsplätzen tiefgehender verständigen zu können. Im Mittelpunkt des Experten-Roundtable der Unternehmensberatung d-fine am 8.2.2017 in Essen standen die Auswirkungen der Digitalisierung auf Handel und neue Geschäftsmodelle. „et“ war exklusiver Medienpartner. Es zeigte sich, dass die Auslotung der Möglichkeiten der Digitalisierung mit Hochdruck betrieben wird. Bei der Implementierung darauf basierender neuer Geschäftsmodelle bereitet die preisliche Situation Schwierigkeiten.

Entwicklungen in der Energiewende

Wie geht man in Deutschland strategisch mit der Transformation der Energiewirtschaft speziell im Energiehandel um? Die führende europäische Energiebörse EEX konnte, wie Dr. Dr. Tobias Paulun, CSO der EEX, erläuterte, in den letzten Jahren ein rasantes Wachstum zu einer großen Unternehmensgruppe mit 14 Standorten verzeichnen. Wesentliche Entwicklung war die Stärkung des Marktpreissignals, das durch das Strommarktgesetz und auch durch das EU-Winterpaket bestätigt wurde. Für ein weiteres erfolgreiches Wachstum müssen hohe Ansprüche an die Produkte sowie die Effizienz in den Handels- und Abwicklungsprozessen erfüllt werden. Man ist aktuell auf dem Weg, einerseits über Europa hinaus zu wachsen, andererseits andere Commodities in den Blick zu nehmen. Ziel ist es, neue Teilnehmer zu erschließen sowie Brücken zu neuen Geschäftsfeldern zu schlagen, ohne auf die große bestehende Liquidität zu verzichten. Als Hemmnis erscheinen regulatorische Unsicherheiten, insbesondere die Finanzmarktregulierung. Energiemarktintern bergen das EEG-Förderregime sowie verschiedene Kapazitätsmärkte in Europa Unsicherheiten. Die grundsätzliche Richtung der Entwicklung des energiewirtschaftlichen Rahmens ist aus Sicht der Börse jedoch positiv.

Erfolgreiche neue Marktteilnehmer, die längst kein Start-up mehr sind, wie der Kraftwerksbetreiber und Stromhändler Next Kraftwerke GmbH, Köln, aber weiterhin mit Pioniergeist unterwegs sind, haben inzwischen 2,8 GW Erzeugungsleistung kontrahiert. Dies war, wie Johannes Päffgen, Leiter Energiehandel des Unternehmens, erläuterte, nur möglich, weil ohne großen Kapitaleinsatz Prozesse für virtuelle Kraftwerke neu konzipiert werden konnten. Als Dienstleister ist man mittlerweile auch in Österreich, Frankreich und Belgien unterwegs.

Und die Stadtwerke, das Gesicht zum Kunden? Die Wuppertaler Stadtwerke (WSW) haben mit dem Energiehandel 2004 begonnen. Zu Beginn konzentrierte man sich auf den Strom-Spotmarkt, später auf den Terminmarkt und einige Jahre danach auf Gas. Die Motivation für den Handel war zweiseitig, einerseits wollte man den Geschäftskunden maximale Flexibilität in der Preismodellgestaltung bieten, andererseits baute man damit ein eigenes Feld der Wertschöpfung auf. Das berichtete Andy Völschow, Produkt- und DV-Koordinator des Unternehmens.

Für einen Erdgasgroßhändler und Energiedienstleister wie die VNG AG mit Sitz in Leipzig brachte die Liberalisierung der Gasmärkte große Herausforderungen, aber auch Chancen mit sich, die man genutzt hat. Wie Thomas Herbst, Leiter Risikomanagement/Quantitative Analyse der VNG berichtete, ist die Gruppe heute über die komplette Erdgaswertschöpfungskette, von der Erdgasproduktion in Norwegen bis hin zur Endkundenbelieferung aufgestellt. Der Erdgashandel an den Europäischen Spot- und Terminmärkten nimmt dabei eine zentrale Rolle ein.

Wandel durch Digitalisierung

Was bedeutet nun die vieldiskutierte Digitalisierung für eine zentrale Energiehandelsplattform? Tobias Paulun nannte hierzu zwei Dimensionen: Einerseits verändert sich der Markt durch IT-Technologie, anderseits auch das Unternehmen intern. Man kann damit schneller Handelsprodukte ausprobieren und einführen. Innerhalb der EEX wurde ein Think Tank ins Leben gerufen, der sich Gedanken um die Vernetzung mit Start-ups machen sowie neuen Themen wie Blockchain angehen soll. Insbesondere die Blockchain könnte vielversprechende Möglichkeiten für Handel und Abwicklung bringen, wenngleich es bis heute kein umfassendes Geschäftskonzept dafür gibt. Es kommt aber darauf an, sich so aufzustellen, dass man schnell reagieren kann.

Auch für den Bereich der Regulierung bedeutet Digitalisierung erhöhte Geschwindigkeit. Zum einen lässt sich die Technologie für eine effiziente Regulierung nutzen, zum andern kann sie auch Teil der Regulierungsaufgabe selbst sein – nämlich dann, wenn sie Einfluss auf die Erfüllung regulatorischer Ziele hat. Der Regulierer muss technologisch stets up to date sein. Gleiche Geschwindigkeit beim Rahmen wäre jedoch keine gute Idee, es gibt eben viele Technologien. Wichtig trotz aller Geschwindigkeit bleibt nach wie vor die Stabilität der Rahmenbedingungen. So Dr. Clemens Wagner-Bruschek von der österreichischen Regulierungsbehörde E-Control.

Für die WSW sind Prognosen zentrale Basis der Arbeit. Diese müssen automatisiert ablaufen, dabei spielt maschinelles Lernen eine wichtige Rolle. Wie Andy Völschow konstatierte, ist es durchaus eine Herausforderung, mit riesigen Datenmengen zu arbeiten. Während auf der Kraftwerksseite auf dieser Basis langfristige und kurzfristige Vermarktung gut machbar sind, steht auf der Lastseite entgegen, dass man aufgrund des Unbundling z. B. die Situation bei großen Energieverbrauchern nur schwer einschätzen kann. Aufgrund der stark zunehmenden EE-Anlagen ist ein anlagenscharfes Arbeiten in Zukunft sicherlich nur begrenzt sinnvoll, sind Referenzanlagen oder -regionen wahrscheinlich die bessere Alternative.

Automatisierung ist ein wichtiger Teil der Digitalisierung, zum einen, weil beim aktuellen hohen Margendruck ein Dienstleister nur mit schlanken, automatisierten Strukturen wettbewerbsfähig sein kann. Bei Next Kraftwerke geht es, wie Johannes Päffgen erläuterte, darum, das Verhalten von etwa 2.500 Anlagen im Portfolio zu prognostizieren. Das schaffen vollautomatisierte Prognose-Algorithmen nach Energieträgern und teilautomatisierte Prozesse bis zur Börse. Dabei sind Plausibilitätstests unverzichtbar.

Bei der VNG hat man Anfang der 2000er Jahre etwa im Handel begonnen, entsprechende Softwarelösungen zu entwickeln. Inzwischen sind, wie Thomas Herbst berichtete, weite Teile von Geschäftsprozessen, von der Bepreisung von Standardhandelsprodukten im Vertrieb über die Transaktionsabwicklung bis hin zur Marktpartnerkommunikation in IT-Systemen abgebildet. An dem Zielbild, den Grad der Automatisierung weiter zu erhöhen, um sowohl eine höchstmögliche Geschäftsdatentransparenz als auch geringe Prozesskosten zu erreichen, wird festgehalten.

Herausforderungen bei neuen Geschäftsmodellen

Der Großhandelsmarkt hat sich aufgrund der Abgaben und Entgelte vom Endkundenmarkt getrennt. Vor diesem Hintergrund müssen Unternehmen wie die WSW dennoch versuchen, neue Produkte zu entwickeln, die beim Kunden ankommen. Sie verstehen sich dabei als Dienstleister für Optimierung von energetischen Prozessen beim Industriekunden. Im Privatkundensektor erscheinen die Quartiersentwicklung und effiziente Entwicklung urbaner Strukturen als lohnenswerter Ansatzpunkt, insbesondere auch – anders als auf dem Land – die Eigenerzeugung. Dennoch ist heute vieles wirtschaftlich kaum darstellbar.

Im Stromsystem der Gegenwart besteht eine Herkulesaufgabe darin, flexible Verbraucher und Prozesse preisorientiert einzusetzen. Hierzu sind, wie bei Next Kraftwerke angeboten, Preismodelle attraktiv, die über flexibles Verhalten Sparanreize bieten. Johannes Päffgen erläuterte einen variablen Stromtarif für Industrie und Gewerbe (Best of 96), bei dem der Stromverbrauch des Kunden viertelstundengenau an den Börsenverlauf angebunden wird. Bei entsprechendem Verhalten lassen sich bis zu 30 % der Stromkosten einsparen – risikolos durch die Absicherung mit einer Preisobergrenze.

Im Unterschied zu Strom werden in der Gaswirtschaft Thomas Herbst zufolge nicht zuletzt aufgrund der Speicherbarkeit des Mediums schon seit vielen Jahren diverseste Strukturen angeboten – Festpreise, verschiedenste Indizes etc. und das mit sehr hoher Mengen- und Leistungsflexibilität – bis hin zur vereinbarten/geregelten Abschaltung des Kunden.

Das Preissignal stärken

Was wiederholt auf der Veranstaltung deutlich wurde, ist, dass wegen der hohen Netzentgelte und Abgaben beim Kunden Preisanreize nur schwer ankommen. Eine Stärkung des Preissignals ist also für den Erfolg neuer, digitalgestützter Geschäftsmodelle sehr wichtig. Dieses sollte auf europäischer Ebene geregelt werden. Am Ende könnte dann ein einheitliches Preissignal stehen, ergänzt durch regionale Netzampeln.

Franz Lamprecht

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