Donnerstag, 20. September 2018
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Intelligente Sektorenkopplung: Die Energiewende auf feste Füße stellen

Mit gut getimter Sektorenkopplung könnte es mit der Energiewende doch noch was werden. Davon waren beim Energiepolitischen Dialog 2017 der Open Grid Europe in Essen Anfang November alle auf dem Podium überzeugt. Kostengünstige Lösungen in 20 oder 30 Jahren zu beschreiben, das kann nicht mehr ausreichen. Vielmehr kommt es dringend darauf an, die Energiewende zeitnah auf feste Füße zu stellen.
Was ist falsch gelaufen und wie bekommen wir die Energiewende besser hin? So lauteten die zentralen Fragen auf dem Podium in der Zeche Zollverein. Der Blick auf die aktuelle Lage ist wenig ermutigend, droht doch das „Dreieck“ aus Versorgungssicherheit, Umweltverträglichkeit und Bezahlbarkeit aus den Fugen zu geraten. Die energiepolitische Herausforderung habe es mit tiefgreifenden politischen Veränderungen zu tun, speziell mit der Umgestaltung des regulatorischen Rahmens. „Der bisher eingeschlagene Weg führt in eine Sackgasse“, waren sich die Gesprächspartner einig. Wenn der Markt ausgeschaltet sei, könne es keine heile Energiewelt geben.

„90 % der Bevölkerung sprechen sich für eine neue Energiepolitik aus“, ging André Stinka in medias res, „wenn es dann aber ans Eingemachte geht, ist Ebbe.“ Technologieoffene Diskussion sei dringend erforderlich, betonte das Mitglied der SPD-Landtagsfraktion NRW. Jörg Bergmann, Sprecher der Geschäftsführung der Open Grid Europe GmbH, wird deutlich: „Wer noch immer glaubt, wir könnten ausschließlich mit grünem Strom das Klima retten, hat nichts verstanden.“ Auf volkswirtschaftlich günstige Lösungen müsse sich die Aufmerksamkeit konzentrieren. Nur in deren Kontext seien CO2-Vermeidungskosten und Akzeptanz der Bürger entscheidende Größen, indem Energieträger und Techniken auf den Prüfstand kämen.

Für Jörg Bergmann lautet das Keyword „Intelligente Sektorenkopplung“, flankiert durch klare, staatlich gesetzte regulatorische Rahmen. Das Energiesystem komplett auf eine regenerative Grundlage zu stellen, das wäre solch eine politische Grundsatzentscheidung. Die Gasbranche stehe jedenfalls bereit, „Gas grüner zu machen“. So könnten Schlüsseltechnologien wie Power-to-Gas-Verfahren Marktreife erlangen und konkurrenzfähig werden. „Am Ende des Tages werden Lösungen gesucht, die den Kunden überzeugen“, plädiert Carsten Voigtländer, Vorsitzender der Geschäftsführung der Vaillant GmbH, für den Schulterschluss von Politik und Wirtschaft. Bisherige Versäumnisse in der öffentlichen Diskussion ausräumen und problemgerecht und realitätsnah aufklären zu müssen, darin war sich das Podium weitgehend einig.

Christoph Dammermann, Staatssekretär im NRW-Wirtschaftsministerium, überraschte mit dem Appell, „es anders zu machen“: Mit intensiver Überzeugungsarbeit der Industrie soll das Wärme-, Strom- und Treibstoff-Angebot ausgebaut werden. Da fühlte sich Jens Andersen, Konzernbeauftragter Erdgasmobilität der Volkswagen Aktiengesellschaft, direkt angesprochen. „Die Fahne gemeinsam hissen“, lautete seine Devise. Toll fände er, sukzessive „Wasserstoff-Flotten“ aufzustellen, wobei Erdgas keineswegs technisch außen vor sein müsse.

Erdgas und seine Infrastruktur war klar im Fokus der Diskussion. OGE-Chef Jörg Bergmann: „Ob zur Stromerzeugung, im Wärmebereich oder in der Mobilität – Erdgas kann immer einen unmittelbaren Beitrag für den Klimaschutz leisten.“ Die leistungsfähige Gasinfrastruktur, die sowohl bis zum Haushalt als auch bis zum Industriekunden reicht, sei bereits vorhanden und könne sich dem steigenden Bedarf leicht anpassen. Dieses wichtige Leitungsnetz sollte bei der weiteren Gestaltung der Energiewende unbedingt genutzt werden.

„Intelligente Sektorenkopplung“ soll es gemäß der einvernehmlichen Podiumsrunde jedenfalls in Zukunft richten. Sie verknüpft sowohl Gas- als auch Stromnetze miteinander und stellt erneuerbare Energien in allen Verbrauchssektoren nachhaltig bereit. Sämtliche Batteriespeicher in Deutschland inklusive der Pumpspeicherkraftwerke können in Deutschland derzeit nur 36 Minuten des Gesamtenergieverbrauchs von einer Maximallast von 84 GW überbrücken. Dagegen beträgt die Speicherkapazität der deutschen Gasinfrastruktur 2 000 Stunden. Power-to-Gas-Anlagen können auch hierzu flexibel eingesetzt werden, indem sie den erneuerbaren Strom aufnehmen und in Form von Wasserstoff oder synthetischem Methan in das Gasnetz einspeisen.

Innovation und Digitalisierung werden immense Investitionen fordern, da war sich das Podium in der Schlussrunde einig. Deutschland werde in 20 Jahren im internationalen Vergleich erfolgreich vorausgeeilt sein, lautete eine Wortmeldung. Eine andere: sich vom Verbrennungsmotor zu verabschieden, das könne nur Energieoffenheit zur Folge haben. Und die wiederum ist das tragende Element einer funktionierenden Sektorenkopplung.

Klaus Niehörster

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