Montag, 10. Dezember 2018
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Infrastruktur für die Nutzung und Speicherung von CO2 wird 2030 benötigt


Astrid Sonja Fischer

Deutschland hat sich verpflichtet, seine Treibhausgasemissionen bis 2050 um 80 bis 95 % senken. Zunehmend wird deutlich, dass sich dies mit den bisherigen Maßnahmen nicht erreichen lässt. Zusätzliche Verfahren zur Reduktion von CO2-Emissionen wie CCU (Carbon Capture and Utilization) und CCS (Carbon Capture and Storage) werden benötigt. Die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften (acatech) plädiert in einem Positionspapier für eine Weichenstellung, damit die Technologien zur Abscheidung, Speicherung und Verwendung von CO2 ab 2030 einsatzbereit sein können.
An der zweijährigen Ausarbeitung waren Experten aus Wissenschaft, Gewerkschaften, Industrie, Umweltverbänden und Verwaltung beteiligt. Zu den Förderern der Untersuchung zählen die European Climate Foundation, BASF, Covestro und Linde. acatech will mit der Veröffentlichung eine gesellschaftliche Debatte über die Technologien CCU und CCS anstoßen. Angesichts der langen Planungsund Genehmigungsphasen müsse der Prozess mit Blick auf 2030 jetzt begonnen werden.

Bisher konzentrierte sich die öffentliche Diskussion zur Abscheidung und Speicherung von CO2 auf die Nutzung in der Energiewirtschaft und stieß auf wenig Akzeptanz in der Bevölkerung. Das neue Positionspapier zielt nun auf andere Anwendungsfelder: „Bei der Option CCS geht es uns explizit nur um Emissionen aus dem Industriesektor, die produktionsbedingt unvermeidbar und auch sonst nicht verwertbar sind. Wir sehen CCS nicht als Option, die Kohleverstromung zu verlängern,“ betont Projektleiter Hans-Joachim Kümpel, acatech. Im Klimaschutzplan 2050 hat die Bundesregierung für die Industrie festgelegt, die CO2-Emissionen von derzeit rund 188 Mio. t auf etwa 140 Mio. t bis zum Jahr 2030 zu senken. Bis 2050 soll dann eine weitgehende Treibhausgasneutralität erreicht werden.

Dabei geht es nicht nur um die Vermeidung, sondern auch um die Verwendung von CO2. Im Jahr 2016 setzte die chemische Industrie 2016 rund 17,9 Mio. t fossile Rohstoffe ein, von denen der überwiegende Teil grundsätzlich durch CO2 ersetzt werden kann.

acatech sieht in CCU-Maßnahmen ein weiteres Element der Energiewende, das den Verzicht auf kohlenstoffhaltige fossile Rohstoffe ermöglicht, wozu aber sehr große Mengen Strom aus Windkraft und Photovoltaik benötigt werden. Anwendungsmöglichkeiten gebe es in der Chemie- und Bauindustrie sowie im Bereich synthetischer Kraftstoffe. Diese wären klimaneutral, wenn das CO2 vorher der Atmosphäre entzogen wurde und die insgesamt benötigte Energie erneuerbar ist.


Bei der Vorstellung des Positionspapiers in Berlin wurden die Ergebnisse intensiv diskutiert (v.l.n.r.): Thomas Gaeckle, BMWi, Erika Bellmann, WWF Deutschland, Hans-Joachim Kümpel, acatech, Moderatorin Katharina Seuser, Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, Andreas Bode, BASF und Dirk Uwe Sauer, RWTH Aachen (Foto: acatech)

CO2 lässt sich für Produkte wie Kunststoffe oder durch CO2-Mineralisierung als Zuschlagstoff von Beton einsetzen. Mit CO2 erstellte Karbonfasern können zudem künftig in Verbundwerkstoffen als Ersatz für Stahl-, Aluminium- und Zementverwendungen genutzt werden. Auch die Weiterverarbeitung zu synthetischen Kraftstoffen sei möglich. Voraussetzung für die Nutzung von CCU sei die Verfügbarkeit von Wasserstoff aus regenerativen Energien.

Auch wenn aus Gründen der Nachhaltigkeit einer Nutzung von CO2 der Vorrang gegeben werden sollte, biete CCS den Vorteil, große Mengen CO2 dauerhaft von der Atmosphäre fernzuhalten. Die CCS-Technologie ist bereits in Pilotvorhaben erprobt. Kümpel schätzt: „Wenn wir den Aufbau der für den CCS-Einsatz notwendigen Infrastruktur konsequent angehen, könnten wir ab 2030 pro Jahr zwischen 50 und 100 Mio. t CO2 aus industriellen Prozessen für 100 Jahre und mehr speichern. Einen Beitrag zur Transformation der Energiesysteme leistet CCS aber nicht.“

Unterhalb der Nordsee und der Norwegischen See werden mit etwa 165 Mrd. t CO2 in salinen Aquiferen, und etwa 38 Mrd. t CO2 in ausgeförderten Erdgas- und Erdöllagerstätten erhebliche Kapazitäten zur Speicherung prognostiziert. Für Deutschland wird die Speicherkapazität der 39 bekannten deutschen Erdgasfelder insgesamt mit etwa 2,75 Mrd. t CO2 beziffert. Eine weitere Aufnahmekapazität wird in den salinen Aquiferen im Norddeutschen Becken, im Oberrheingraben und im Alpenvorlandbecken vermutet. Derzeit ist eine Speicherung von CO2 durch die fehlende Zustimmung der Länder weitgehend ausgeschlossen.

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