Dienstag, 23. Mai 2017
-   Der Kommentar
Vertrauen ist eigentlich ganz einfach

Wieland Kramer, Wuppertal

Der et KommentarDie Wuppertaler Einschienenhängebahn, bekannter unter dem Namen Schwebebahn, ist mehr als ein Verkehrsmittel. Die Bahn befördert Menschen nicht nur schnell und sicher durch das Tal der Wupper. Die Schwebebahn ist ein Langzeit-Therapeutikum gegen Technikfeindlichkeit, Politikverdossenheit und Risikoängste. Eine Fahrt über zwei, maximal drei Stationen reicht aus, um das Vertrauen in die technisch-wirtschaftliche Komplexität unserer Welt wiederzuerwecken. Das leise Quietschen in den Kurven, die vorbeihuschenden Haltebeine aus vernietetem Stahl und das leichte Ausschaukeln an den Haltepunkten sind Balsam für die Seele risiko-besorgter Menschen. In der Wuppertaler Schwebebahn lösen sich seit rund 100 Jahren alle Ängste und Befürchtungen gegenüber Technik, innovativen Konzepten und technisch-wissenschaftlicher Rationalität ins Nichts auf. Nirgendwo sonst auf der Welt ist das Vertrauen in die Technik so tief im Bewusstsein der Menschen verwurzelt wie in Wuppertal.

Doch damit ist jetzt Schluss! Das Band des Vertrauens zwischen Mensch und Technik ist auch im Tal der Wupper zerschnitten. Die ersten sechs neuen, himmelblauen Wagen der Schwebebahn haben den klinischen Test nicht bestanden: Die Türen schließen nicht, jedenfalls nicht dann, wenn sie sollen. Die Ursache ist noch nicht bekannt, die Nebenwirkungen schon: Die Wuppertaler sind zutiefst verunsichert und betreten ihr liebstes Verkehrsmittel nur mehr zögerlich. Klar, es gab in der Vergangenheit immer mal wieder Störungen, die zum Umsteigen in die ungeliebten Ersatz-Busse zwangen. Doch entweder war der Mensch Ursache des Problems oder das Alter des weltweit einzigartigen Verkehrsmittels – niemals aber die Technik an sich.

Jetzt sind die Wuppertaler wie alle Menschen im Lande: skeptisch, sorgenvoll, unsicher. Ein schneller Ausstieg aus der Schwebetechnik bis 2020, der massive Ausbau des E-Bike-Wesens auf der Basis eines Umlage finanzierten Fördersystems und der Aufbau einer kostenfreien Ladesäulen-Infrastruktur wären eine Alternative. Lediglich der Umbau der Schwebebahntrasse in einen Radschnellweg könnte größere technische und finanzielle Risiken bergen.

Was lokal aberwitzig erscheint, ist national und europäisch gängige Praxis. Längst geht es nicht mehr um einfache Technik-Skepsis gegen Anlagen, Bauwerke oder Leitungssysteme, gegen die aus allgemeiner Ablehnung oder direkter Betroffenheit Einwände erhoben werden. Es geht zunehmend gegen politische Instrumente. Die Ausgestaltung der vierten Handelsperiode des europäischen Emissionshandelssystems ist mit der neuen Wagengeneration der Wuppertaler Schwebebahn vergleichbar: Bei beiden werden lösbare Einzelfragen zur Systemfrage extrapoliert. Es gehört zu den Geburtsfehlern des Emissionshandelshandelssystems, dass es kein Wunschkind der Europäer ist. Sein Name ist abschreckend und sein Potenzial wurde nie richtig gefördert. Heute, gut 12 Jahre nach dem Start, ist das Emissionshandelssystem ein bürokratischer Riese, der einigermaßen gut seine Aufgabe erfüllt, aber selbst das registriert kaum jemand.

2016 sind die dem Emissionshandelssystem unterworfenen CO2-Emissionen gegenüber dem Vorjahr um 2,4 Prozent gesunken. Das ist mehr als der derzeitig geltende Reduktionsfaktor von 1,74 Prozent pro Jahr und liegt sogar über dem ab 2020 geltenden Faktor von 2,2 Prozent. Der Reduktionsfaktor schränkt die Zahl der jährlich auszugebenden Emissionszertifikate ein und wird, so sieht es derzeit jedenfalls aus, dafür sorgen, dass die CO2-Emissionen von Industrie und Kraftwerken bis 2030 um 40 Prozent unter dem Ausstoß des Basisjahres liegen werden.

Ein Blick auf die Emissionen der europaweit vom Emissionshandel erfassten 280 Kohlekraftwerke müsste sogar den letzten Skeptiker überzeugen: In diesem Bereich des Emissionshandels, der knapp 40 Prozent des gesamten Systems erfasst, lag der Rückgang 2016 sogar bei 11 Prozent.

Dennoch gilt das Emissionshandelssystem vielen als untauglich: Der lineare Reduktionsverlauf müsste steiler, besser degressiv verlaufen. Die sich am Markt bildenden CO2-Preise sind zu niedrig und eigentlich sei der Schritt vom Zertifikate-System zu einer echten CO2-Besteuerung längst überfällig. Die jetzt von der EU-Kommission und dem Europäischen Parlament erörterten Vorschläge und Leitlinien für die kommenden Handelsperiode beschränken sich auf das Justieren der politischen Stellschrauben des Systems. Zeit und Mühe auf die Verbesserung der Akzeptanz dieses einzigen innovativen Klimaschutz-Instruments der vergangenen 20 Jahre wurden erneut nicht verwandt.

Die wichtigste Botschaft der europäischen Institutionen für die neue Handelsperiode lautete: 95 Prozent der Industrieemissionen erhalten weiterhin kostenlose Zertifikate. Das sind immerhin 43 Prozent der Zertifikate, die insgesamt zur Ausgabe kommen. Niemand sollte das Risiko des Carbon-Leakage gerade für deutsche exportorientierte Unternehmen unterschätzen. Aber es ist halt so wie bei den Türen der Schwebebahn: Die zentrale Idee und Vision bleiben zunehmend auf der Strecke.

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