Donnerstag, 27. Juli 2017
-   Der Kommentar
Das Dilemma der Versorgungswirtschaft

Werner Sturbeck, Wirtschaftsredakteur, Frankfurter Allgemeine Zeitung

Der et Kommentar Die Kernkraftwerksbetreiber entdecken gerade ihr Herz für die dezentrale Stromerzeugung. Den fast 1 000 kommunalen Stromversorgern will diese Wende nach der Energiewende ganz und gar nicht gefallen. Denn sie sehen die seit Jahren zu beobachtende Renaissance der Stadtwerke bedroht. Tatsächlich besteht seit der Energiemarktliberalisierung im Jahr 1998 ein wechselhaftes Spannungsverhältnis zwischen den großen Energiekonzernen und den Stadtwerken. Nach dem Fall der regionalen Gebietsmonopole gingen aus Fusionen und Stadtwerksübernahmen die dominanten Verbundkonzerne und Kernkraftwerksbetreiber E.ON, RWE, Vattenfall und EnBW hervor. In dieser Konzentrationsbewegung schien ein Stadtwerke-Sterben unaufhaltsam. Jedoch kam es bald zu einer Gegenbewegung. Das Bundeskartellamt schob einen Riegel vor weitere Übernahmen kommunaler Versorger. Die Verbundkonzerne entdeckten die Großkraft- werke als ihre mit Abstand ergiebigste Ertragsquelle und hielten im hart umkämpften Vertrieb den Ball flach. Sie planten Großkraft- werke im Dutzend, ihre Investitionsbudgets für regenerative Energie waren dagegen überschaubar. Damit war in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts der Weg frei für die Renaissance der Stadtwerke. Die kommunalen und regionalen Versorger investieren seither immer stärker in Produktion und Vertrieb von Strom aus regenerativen Quellen.

Seit dem Regierungswechsel 2009 in Berlin durchläuft die Branche ein Wechselbad der Gefühle. Die Ende 2010 von den Parlamenten beschlossene Laufzeitenverlängerung verschaffte den Kernkraftwerksbetreibern Oberwasser. Nur Monate später versetzte das Gesetz zu einem beschleunigten Atomausstieg und die sofortige endgültige Stilllegung von 8 der 17 Kernkraftwerke ihrem Geschäftsmodell einen heftigen Schlag. Bei der Suche nach neuen Ertragsquellen haben die vier Kernkraftwerksbetreiber eben auch ihre Liebe zu der dezentralen Energiewirtschaft entdeckt. Mikroblockheizkraftwerke, Smart Meter, Smart Home, Smart Grids oder Elektroauto - die Projektliste, mit denen sich die Kernkraftwerksbetreiber wieder direkt den Verbrauchern zuwenden wollen, ist lang. Damit ist eine neue Konfrontation mit den Stadtwerken vorprogrammiert. Die Frage ist, ob sich Deutschland einen solchen Wettlauf leisten kann. Die Umrüstung des deutschen Kraftwerkparks von Kernkraft- und fossilen Kapazitäten in eine umweltfreundliche nachhaltige Stromversorgung erfordert gewaltige Investitionen in regenerative Erzeugungsanlagen, in leistungsfähige Netze und neue Stromspeicher.

All diese Einsatzgebiete erfordern Aufwand in unterschiedlichen Dimensionen: die milliardenschwere Offshore-Windfarm in der Nordsee oder die Biomasse-Kraftwärme-Kopplung im Rheinland; die Erdgaskaverne, in der aus Windstrom gewonnenes Methangas bis zum Verbrauch in der Heizung oder zur Verstromung im Gaskraftwerk gelagert wird, und die Speicherheizung im Einfamilienhaus, die nicht mehr wie bisher generell nur nachts geladen wird, sondern dann, wenn es Windenergie im Überfluss gibt; das Pumpspeicherkraftwerk im Sauerland oder das Elektroauto mit seiner Batterie als Speicher zum Beispiel für den Strombedarf der Waschmaschine.

Die angestrebte Energiewende setzt immer wieder neue Ideen frei. Vieles scheint heute noch völlig unökonomisch, wie zum Beispiel die Verwendung von Windenergie zur Gewinnung von Wasserstoff zur späteren Stromproduktion. Bei anderem ist ungewiss, ob sich die Investition zum Beispiel für die Umrüstung eines Haushalts durch angemessene Stromspareffekte lohnt. Für solche Prozesse ist noch ein enormer Entwicklungs- und Analyseaufwand erforderlich. Der Staat kann dies allenfalls mit Anschubfinanzierungen unterstützen. Der durch die Einspeisungsgebühren gebeutelte Verbraucher dürfte kaum noch zusätzliche Umlagen für den Aufbau neuer Techniken akzeptieren, wie ihm das für die Photovoltaik auferlegt wurde. Folglich muss zunächst die Versorgungswirtschaft bei vielen Neuerungen in Vorleistung treten. Aber das werden die Stadtwerke ebenso wenig alleine leisten können wie eine Hand voll Großkonzerne. Die Energiewende ist wahrlich kein Selbstläufer.

Die Versorgungswirtschaft befindet sich in einem Dilemma. Sie erkennt den enormen Investitionsbedarf zwar besser als der weniger sachkundige Normalbürger. Nur, die gegenwärtige Ertragslage am Strommarkt ist trotz des Ausfalls von Atomstrom nicht gerade förderlich für Investitionen in eine noch recht ungewisse Zukunft. Die Großhandelspreise liegen weit unter dem Niveau, bei dem die Gaskraftwerke der Stadtwerke mit Ertrag arbeiten. Die Gewinne der Kernkraftwerksbetreiber werden durch die umstrittene Brennelementesteuer abgeschöpft. Also muss die Versorgungswirtschaft die Umsetzung der Energiewende mit gebremster Investitionskraft angehen. Unter solchen Rahmenbedingungen wäre es fatal, wenn in einem Wettstreit zwischen großen Produzenten und Stadtwerken Ressourcen vergeudet würden. Selbst wenn die kommunalen Unter- nehmen noch weit stärker als bisher ihre Kräfte für neue Wege bündeln würden, werden sie immer wieder an Grenzen stoßen. So haben beide Teile des Versorgungsmarktes beim Aufbau einer nachhaltigen Energieversorgung ihren Platz. Kooperation und Risikoteilung sind wichtiger denn je. Die Stadtwerke müssen sich auf die Finanzkraft der großen Stromproduzenten stützen. Und diese sollten die Wiederannäherung an die Endkunden nicht im Alleingang versuchen. Die gesamte Branche ist gehalten, im Sinne ihrer Kunden den unnötigen Kräfteverschleiß so niedrig wie möglich zu halten.

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