Montag, 24. April 2017
-   Der Kommentar
Zeitenwende am Energiemarkt

Udo Rettberg, Senior Financial und Commodity Correspondent „Handelsblatt“, Frankfurt/Main

Der et KommentarDie in Deutschland ausgerufene Energiewende nimmt einen großen Teil der geistigen Energie von Entscheidungsträgern in Anspruch. Die zermürbende Auseinandersetzung mit diesem „Mode-Thema“, bei der unter anderem Erfordernisse der Versorgungssicherheit und des Umweltschutzes Berücksichtigung finden müssen, eckt in schöner Regelmäßigkeit immer wieder beim Thema Marktwirtschaft an. Administrative Hürden und Vorschriften erschweren nämlich die marktwirtschaftliche Ausrichtung der Energiebranche in Deutschland – und das seit Jahrzehnten. Das gilt für die „Erneuerbaren“ ebenso wie für andere Energieträger wie Öl, Kohle und Uran. Adieu Marktwirtschaft – willkommen Planwirtschaft. Seit Jahren werden die heilenden Kräfte des Marktes in den meisten westlichen Industrieländern schlichtweg unterdrückt. Der Staatseinfluss in der Wirtschaft hat ein unerträgliches – wachstumshemmendes – Niveau erreicht. Es ist zu befürchten, dass Politiker die Vorteile der Marktwirtschaft erst dann erkennen, wenn der Markt völlig zerstört am Boden liegt. Aber - letztlich werden sich auf Dauer dann doch die Kräfte des Marktes durchsetzen.

Das gilt gerade auch für die Energielandschaft von morgen. Denn ausgehend von den USA ist eine Zeitenwende am Energiemarkt ausgerufen worden. Riesige Vorkommen an unkonventionellem Erdgas werden den globalen Energiemarkt revolutionieren – nicht heute und nicht morgen, aber auf mittlere Sicht. Bei unkonventionellen Erdgas-Vorkommen wird unterschieden in „Tight Gas“ – also Erdgas, das sich in schwer durchlässigen Gesteinen angesammelt hat - sowie in Schiefergas und Kohleflözgas. Die Internationale Energie-Agentur (IEA) sieht auch wegen der Fortschritte bei der Erschließung solcher unkonventionellen Vorkommen ein „goldenes Zeitalter“ für Erdgas. Dabei geht die IEA davon aus, dass die VR China zum großen Treiber des internationalen Gasmarktes werden dürfte. Demzufolge dürfte die weltweite Nachfrage nach Erdgas in den kommenden fünf Jahren von bisher 2,4 auf 2,7 Prozent pro Jahr steigen. Dies nicht zuletzt deshalb, weil zahlreiche Anwendungen (z. B. im Verkehrssektor, in der Stromerzeugung und auch im Wärmemarkt) auf Erdgas umgestellt werden dürften.

Die gute Nachricht: Solche Erdgasvorkommen sind in allen Erdteilen zu finden, auch in Europa – und nicht zuletzt auch in Deutschland. Vorreiter bei der Erschließung und Förderung dieser Vorkommen sind die USA. Vor allem dort hat die Energiebranche bei der Schiefergas-Produktion gewaltige Fortschritte gemacht. Die Energy Information Agency (EIA) in Washington spricht von riesigen Vorkommen an unkonventionellem Gas auf dem nordamerikanischen Subkontinent. Sie geht gleichzeitig davon aus, dass der Anteil von Schiefergas an der gesamten Erdgasproduktion der USA von derzeit 23 Prozent bis zum Jahr 2035 auf immerhin 49 Prozent steigen wird. Das vorhandene gigantische Potenzial des Energieträgers Erdgas ist auch daran zu erkennen, dass die US-Behörde prognostiziert, als größter Energieverbraucher der Welt würden die USA bis zu Beginn der nächsten Dekade zum Netto-Exporteur von Erdgas (in Form von Flüssiggas – LNG) werden können. Eine solche Zeitenwende würde völlig neue Kräfteverhältnisse schaffen – nicht nur am globalen Energiemarkt. Auch geopolitisch würde es zu einer deutlichen Verschiebung der Machtverhältnisse kommen. Gelingt es den USA nämlich tatsächlich, zum Energie-Selbstversorger zu werden und nicht mehr von Ölimporten aus dem Nahen und Mittleren Osten abhängig zu sein, könnte sich das als Segen für die Menschheit erweisen. Die bei der Schiefergas-Förderung mit dem Aufbrechen des Gesteins verbundenen Risiken (Erdbeben und Wasserverunreinigungen) haben in Deutschland bisher den Durchbruch des Energieträgers Schiefergas verzögert oder sogar verhindert. Doch es ist wohl lediglich eine Frage der Zeit, bis auch Deutschland stärker auf solche Erdgasvorkommen setzt. Das wiederum wird die Diskussion um die Energiewende und einige der aus marktwirtschaftlicher Sicht nur bedingt wettbewerbsfähigen erneuerbaren Energieträger dann neu entfachen. Peter Kausch von der TU Bergakademie in Freiberg / Sachsen geht davon aus, dass Deutschland auf mittlere Sicht sogar zu einem Netto-Gasexporteur werden könnte – theoretisch zumindest.

Die Energiebranche hierzulande spricht in aller Bescheidenheit davon, dass Erdgas wegen seiner im Vergleich zu anderen fossilen Energieträgern nicht zu leugnenden umweltrelevanten Vorteile ein geradezu idealer Partner für erneuerbare Energieträger im Rahmen der angestrebten Energiewende sei. Eine solche Betrachtung dürfte indes viel zu kurz greifen. Vieles spricht dafür, dass Erdgas ab dem Jahr 2025 sogar zum Energieträger Nummer 1 werden dürfte – vorausgesetzt, die Politik verhindert diese marktgetriebene Entwicklung nicht durch fragwürdige Entscheidungen. Die angestoßene Revolution am Erdgasmarkt wird weltweit eine energiepolitische Zeitenwende einläuten, den Energiemix in zahlreichen Ländern verändern, positive umweltpolitische Aspekte bringen und letztlich auch dazu beitragen, die freien Kräfte des Marktes stärker zur Entfaltung kommen zu lassen. Dies dürfte sich dann in Zukunft auch im Gaspreis bemerkbar machen. Denn im Gegensatz zu Rohöl ist Erdgas ein Rohstoff, bei dem es bis heute keinen wirklichen Weltmarkt und daher auch keinen einheitlichen „Weltmarktpreis“ gibt. Die Preisentwicklung weist regional sehr starke Unterschiede auf. Ausgelöst durch die Umwandlung von Erdgas in Flüssiggas (LNG), den Bau von LNG-Terminals und den dadurch möglich werdenden Transport des Rohstoffs in riesigen Tankern über die Weltmeere, oder aber über riesige Pipelines, wird bei Erdgas eine globale Preisfindung auf freien Märkten ermöglicht.

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