Mittwoch, 29. März 2017
-   Der Kommentar
Energieeffizienz ohne Daumenschrauben

Hans-Willy Bein, freier Journalist, Köln

Der et Kommentar

Die BHS tabletop betreibt als Spezialist für Gastronomieporzellan die größte Porzellanfertigung Europas. Am Standort Weiden in der Oberpfalz werden täglich bis zu 120 000 Teller, Tassen oder andere Teile produziert. Schon seit Jahren bindet das Unternehmen seine Mitarbeiter in Maßnahmen zur Senkung der Energiekosten ein. Ein 2007 und 2008 entwickeltes Paket führte durch bessere Steuerung der Druckluftanlagen, Nutzung der Abwärme aus dem Produktionsprozess und die Optimierung der Beleuchtungsanlagen zu einer jährlichen Senkung der Energiekosten von knapp 30 000 Euro. Notwendig waren hierzu Investitionen von gut 21 000 Euro. Dieses und eine Vielzahl anderer Beispiele zur Verbesserung des Energieeinsatzes, die sich gut auf andere Unternehmen übertragen lassen, hat die Deutsche Energie-Agentur (dena) in einer Referenzdatenbank zusammengefasst und im Internet veröffentlicht. Die Datenbank dokumentiert eigentlich eine Selbstverständlichkeit: Unternehmen arbeiten daran, ihre Kosten zu senken. Je teurer Energie wird, umso eher rentiert es sich auch für kleinere Firmen mit geringerem Strom-, Gas- oder Wärmeverbrauch, diese Position ihrer Kalkulation in den Blick zu nehmen. Das geschieht automatisch ganz ohne Zwang und hat in der Konsequenz auch dem Energiedienstleister oder Contractor ein breites Betätigungsfeld eröffnet. Soweit, so klar. Dann gibt es aber die Situation, dass der alte Kessel zwar viel zu viel Energie benötigt oder es keine optimale Wärmerückgewinnung gibt, die Investitionen zur Behebung dieser Missstände aber sehr hoch sind. Wer will es einem kleinen Unternehmen verdenken, das sich vielleicht in einer Marktnische tummeln kann, wenn es vor Ausgaben zurückschreckt, die sich erst nach x Jahren amortisieren? Sollen hier wirklich staatliche Daumenschrauben angesetzt und Investitionen erzwungen werden? Nein!

Was für die Wirtschaft gilt, lässt sich auch auf das Privatleben übertragen. Gerade hier wird manche vermeintlich grandiose Möglichkeit, Energie zu sparen von selbsternannten Energiepäpsten schön geredet. Es ist einfach unredlich, einem älteren Ehepaar aus wirtschaftlichen Gründen den Einbau neuer Fenster und die Modernisierung der Heizung für das Häuschen nahezulegen. Ausgaben von 30 000 oder 40 000 Euro können sich für es nicht rechnen, selbst wenn der Heizwärmebedarf sich damit um bis zu 80 Prozent verringern lässt und die Strom- oder Gasrechnung im Jahr ein paar Hundert Euro niedriger ausfällt. Geradezu zynisch mutet es gar an, Geringverdienern eine neue Waschmaschine mit Energieklasse A zu empfehlen, wenn das alte Schätzchen noch treulich seine Dienste tut. Unbestritten spart das neue Gerät Stromkosten von 50 bis 60 Euro oder mehr pro Jahr. Aber wie soll jemand, der möglicherweise mit seinem Einkommen soeben über die Runden kommt, denn die Anschaffung finanzieren? An dieser Stelle führt die Diskussion um Energieeffizienz eher in eine Sackgasse.

Diese Beispiele sollen nicht als Argument dafür dienen, Energieeffizienz gering zu schätzen oder zu vernachlässigen. Ein sparsamerer Verbrauch ist wesentlicher Teil der Energiewende. Diese aber lässt sich nicht per Knopfdruck realisieren und es bedarf dazu mehr, als einfach nur Ziele vorzugeben. Wie aber kommen wir „raus aus dem Sanierungsstau“, wie es dena-Chef Stephan Kohler anmahnt? Schließlich wird in Deutschland gerade einmal ein Prozent des Gebäudebestands im Jahr energetisch auf Vordermann gebracht. Um den gewünschten Beitrag zu den vorgegebenen Klimaschutzzielen zu erreichen, wäre aber eine Quote von mindestens zwei Prozent notwendig. Mit gutem Beispiel voranmarschieren wollte und sollte die öffentliche Hand. Der umstrittene Richtlinienentwurf der EU zur Energieeffizienz sah zunächst vor, drei Prozent der öffentlichen Gebäude im Jahr zu sanieren. Inzwischen ist ein Anteil von zwei Prozent in der Diskussion und der Kreis wird enger auf zentrale Regierungsgebäude bezogen, andere öffentliche Einrichtungen wie Schulen außen vor gelassen. Energie sparen hin oder her. Vater Staat weiß natürlich, welche Milliardenbelastungen auf ihn zukommen. Auch der kleine Eigenheimbesitzer schaut naturgemäß auf seine Finanzlage. Scheut er vor energetischen Sanierungen zurück, hat das zunächst gar nichts damit zu tun, dass er sie nicht für sinnvoll hält. Die Modernisierung muss für ihn wirtschaftlich verkraftbar sein.

Einfacher ist die Rechnung bei Neubauten. Hier gilt es, bei der Ausstattung des Hauses nicht nur die Bau-, sondern auch die Betriebskosten zu bedenken. Mit gemessen an der Bausumme geringem Mehraufwand können die Folgekosten für Energie drastisch gedrückt werden. Genauso ist es, wenn die Anschaffung eines Kühlschranks oder der Waschmaschine ansteht, weil vorhandene Geräte nicht mehr funktionieren. In diesem Fall lohnt es sich sehr wohl, auf ein Gerät mit geringerem Verbrauch zu achten, auch wenn es in der Anschaffung vielleicht etwas teurer ist. Für den Baubestand gilt es, ein klares Konzept staatlicher Förderung zu entwickeln, im Zweifel in Form einer überschaubaren Kombination aus Zuschüssen und Möglichkeiten der Steuerersparnis. Wenn wirklich jeder Euro, den der Staat für die energetische Sanierung bereitstellt, das Sechsfache an privaten Investitionen auslöst, sind Fördermilliarden gut eingesetztes Geld. Das ist im Zweifel wirksamer als jede Energieeinsparverordnung oder wie auch immer geartete Zwangsmaßnahme. Kommt in der Wohnungswirtschaft die Sanierung in Gang, ist das die berühmte halbe Miete. Denn es gibt viel zu tun, wenn derzeit erst annähernd ein Viertel der Wände und gut 60 Prozent der Dächer von älteren (vor 1978 errichteten) Häusern ausreichend gedämmt und Heizungsanlagen zu drei Viertel überaltert sind.

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