Montag, 25. September 2017
-   Der Kommentar
Energiezukunft: Navigation erspart teure Umwege

Rolf Sweekhorst

Der et KommentarKeiner weiß, wo es langgeht, aber alle machen mit. Wer bei diesem Spruch spontan an die Energiewende denkt, liegt nicht unbedingt falsch. Erneuerbare sollen die Kernenergie und die fossilen Energierohstoffe ablösen, Kohlendioxid-Emissionen müssen vermieden und Rohstoffe geschont werden. Die großen Ziele liegen fest, aber der Weg dorthin ist alles andere als vorgezeichnet. Obwohl die Energiewende vom Sommer 2011 nicht viel mehr ist als die Rolle rückwärts zum schon einmal beschlossenen Ausstieg aus der Kernenergie, tun inzwischen manche Beteiligte so, als sei die Entwicklung völlig neu. Haben denn nach 2002 – so lange ist es her, dass Rot-Grün ein Ausstiegsgesetz beschlossen hat, das acht Jahre später von Schwarz-Gelb wieder gekippt worden ist – alle Akteure dagesessen wie das Kaninchen vor der Schlange und nichts unternommen? Natürlich nicht: Es gibt beispielsweise die Netzstudien der Deutschen Energie-Agentur, in denen schon früh ein massiver Netzausbau öffentlichkeitswirksam angemahnt wurde. Stromerzeugungsunternehmen machen ihre konventionellen Kraftwerke effizienter und setzen dabei zunehmend auf Erdgas als vergleichsweise sauberen und effizient zu nutzenden Energieträger. Der Ausbau der Offshore-Windkraft kommt – langsamer als geplant, aber immerhin – voran. Die solare Stromerzeugung erreicht dank jahrzehntelang garantierter EEG-Dividende und perfektem Marketing inklusive Lobbyarbeit der Anlagenanbieter inzwischen Dimensionen, die finanziell und technisch kaum noch beherrschbar sind. Die Reihe lässt sich fortsetzen.

Die Zukunft der Energieversorgung im Allgemeinen und der Stromversorgung im Besonderen liegt in der Nutzung von erneuerbaren Energiequellen wie Wind, Sonne, Biomasse oder Geothermie. Damit quasi automatisch verbunden ist eine Abkehr von der zentralen Erzeugung in großen Einheiten hin zur dezentralen und im Fall von Sonne und Wind nur begrenzt vorhersagbaren Stromerzeugung dort, wo die Erneuerbaren verfügbar oder möglichst ertragreich zu nutzen sind. Zusätzlich soll eine effizientere Energienutzung einen wichtigen Beitrag liefern zu einer sicheren, sauberen und bezahlbaren Versorgung der Zukunft. Doch eine Erhöhung der Energieeffizienz ist beileibe nicht automatisch verbunden mit einer entsprechenden Verbrauchsreduzierung, wie verschiedene Beiträge im Titelblock dieser „et“ zeigen.

Die Liste der aktuellen und absehbaren Probleme ist lang. Verfolgt man die Diskussion, liegt der Schluss nahe, dass die Liste der möglichen Lösungen noch länger ist. Das klingt im ersten Augenblick positiv, ist es aber nicht unbedingt. Denn hinter den vielen, teils umstrittenen Vorschlägen stecken nicht selten Ansätze, die Einzelaspekte (und Einzelinteressen?) im Blick haben und weniger das große Ganze. Der Netzausbau wird angegangen, der Ausbau und die Netzanbindung der Offshore-Windparks nehmen langsam Fahrt auf, die Onshore-Windkraftnutzung soll vor allem im Süden Deutschlands ausgebaut werden, neue Pumspeicherkraftwerke werden gebaut, alte erweitert, die Speicherproblematik rückt immer mehr in den Fokus. Die Umwandlung von (überschüssigem) Windstrom in Wasserstoff oder sogar Methan, Stichwort Power to Gas, rückt die Nutzung der Erdgas-Infrastruktur inklusive Speicherkapazitäten in den Bereich des Möglichen. Dies auch vor dem Hintergrund eines nicht weiter steigenden oder sogar sinkenden Erdgasbedarfs von Millionen Haushalten in energetisch vorbildlichen Neubauten oder sanierten Altbauten. Auf wachsendes Interesse stößt die stromerzeugende Heizung, das Mini- oder Mikrokraftwerk im Keller des Ein- oder Mehrfamilienhauses, das seinen Strom ebenso wie ungezählte Photovoltaikanlagen auf den Dächern in die Verteilnetze der örtlichen und regionalen Versorger einspeist.

Ein großes Thema ist auch die Elektromobilität. Sie erspart der Umwelt CO2-Emissionen, wenn denn der benötigte Strom erneuerbar erzeugt wird. Sie ist leise und ihre Batterien lassen sich zur Glättung der Stromverbrauchskurve nutzen: im ersten Schritt durch zeitlich gesteuerte Ladevorgänge und im nächsten sogar als Pufferspeicher. Daran, dass die Möglichkeiten der Elektromobilität inzwischen realistischer eingeschätzt werden als noch vor einem oder zwei Jahren, hat die Nationale Plattform Elektromobilität einen nicht unerheblichen Anteil. In der NPE arbeiten auf Einladung der Bundesregierung Vertreter von Industrie, Wissenschaft, Politik, Gewerkschaften und Gesellschaft zusammen mit dem Ziel, „Deutschland zum Leitanbieter und zum Leitmarkt für Elektromobilität“ zu entwickeln. Die Bundesregierung nutzt die Empfehlungen der NPE als Grundlage für die Schaffung zielführender rechtlicher Rahmenbedingungen und gezielter Fördermaßnahmen. Elektromobilität ist sicher ein wichtiger Punkt. Die sichere, bezahlbare und umweltschonende Energieversorgung der Zukunft sollte uns jedoch weit mehr auf den Nägeln brennen. Wäre es nicht sinnvoll, nach dem Vorbild der NPE eine „Nationale Plattform Energiezukunft“ ins Leben zu rufen, in der die relevanten Gruppen die zahlreichen Facetten des hochkomplexen Themas arbeitsteilig angehen und in regelmäßigen Berichten – sozusagen als Navigationssystem der Energiewende – Empfehlungen zu notwendigen technischen Entwicklungen und zeitlichen Abläufen erarbeiten? Heraus kämen im Idealfall am Ende Handlungsempfehlungen, die ein in sich stimmiges Bild, ein Gesamtkonzept, ergeben. Dabei würden nicht einmal auf mehrere Ministerien verteilte Zuständigkeiten stören, wie das Beispiel der NPE zeigt.

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