Freitag, 21. Juli 2017
-   Der Kommentar
Die große Erzählung von der Energiewende

Ursula Weidenfeld

Der et KommentarDie Energieverbraucher in Deutschland wollen die Energiewende, ganz bestimmt. Das behaupten die Bundesregierung, die Klima-Aktivisten und die alternativen Energieerzeuger. Aber schon jetzt, im Jahr zwei nach dem Start des Projektes „Raus aus der Atomenergie“, begegnen die Verbraucher solchen Versicherungen in Wahrheit mit wachsendem Misstrauen. Sie haben den Verdacht, dass man über die Energiewende heute nur eines sicher weiß: Sie wird teuer, und sie wird lästig. Ob sie gelingen wird, steht dagegen noch in den Sternen. Die Verbraucher sorgen sich zu Recht. Von dem viel beschworenen Paradigmenwechsel von der fossilen und atomaren Energie hin zur erneuerbaren, smarten, ist bisher wenig zu sehen. Zwar sind die politischen Ziele – Atomausstieg und Klimaschutz bei Versorgungssicherheit und bezahlbaren Preisen – großzügig definiert. Zwar ist der Zuwachs an erneuerbaren Stromquellen spektakulär. Doch was darüber hinaus mit welchen Technologien erreicht werden muss, dafür gibt es keine schlüssigen Antworten.

Wie teuer darf Energie werden? Eine Mehrheit der Deutschen ist Umfragen zufolge schon heute nicht bereit, für die Wende noch höhere Stromrechnungen hinzunehmen. Der Ausstieg aus der Kernenergie sollte doch nichts kosten, beschwert sich der Bürger. Jetzt betrachtet er seine Stromrechnung und wird nachtragend. Denn er sieht, dass es anders gekommen ist: Wegen der neu festgesetzten Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) steigen die Kosten, wegen der zu hohen Aufwendungen für den Anschluss von Offshore-Windanlagen steigen die Kosten, wegen der üppigen Ausnahmeregelungen für die energieintensive Wirtschaft Industrie steigen die Kosten. Das aber ist erst der Anfang. Bei der Acatech schätzt man, dass bis zum Jahr 2050 noch einmal 300 bis 500 Milliarden Euro in erneuerbare Energien investiert werden müssen, um die Versorgung sicherzustellen. Dazu kommen Milliardeninvestitionen in Ersatzkraftwerke für den Fall, dass die Sonne einmal nicht scheint und der Wind nicht bläst, die Ausgaben für den Netzausbau und für die heute noch fehlenden Speicher. Auch dafür wird der Verbraucher in Vorleistung gehen müssen, ohne zu wissen, was er am Ende dafür bekommt.

Wie wird man künftig mit den Strom-Schwankungen umgehen? Mal erzeugen die Erneuerbaren viel zu viel Strom, mal fallen sie komplett aus. Man bräuchte robustere internationale Netze, sagen die einen. Man bräuchte Speicher, so wie die in Norwegen, sagen die anderen. Man bräuchte smarte Verbraucher, die den Strom dann nutzen, wenn er da ist, sagen wieder andere. Am besten, man hätte alles, sagen diejenigen, die immer Recht haben. Nur, wie man dahin kommt, und das schnell, das weiß noch niemand. Wie soll der Strom zu den großen Verbrauchern kommen? Immerhin gibt es hier bereits Vorstellungen über drei Hochspannungstrassen, die den Strom vom Norden in den Süden bringen sollen. Die werden jetzt beschleunigt geplant, ob sie dann am Ende auch beschleunigt gebaut werden können, ist noch lange nicht sicher. Nicht einmal, ob sie dann auch gebraucht werden, kann man zuverlässig sagen.

Es gibt noch nicht einmal einen politisch zuverlässigen Rahmen, in dem sich die Akteure der Energiewende bewegen. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) steuert den Zubau an erneuerbaren Energien nicht effizient, trotzdem hält man an ihm fest. Bis heute ist unklar, ob Deutschland sich bei der Reform des Emissionshandels für eine Verknappung der Zertifikate entscheiden wird, oder für das Gegenteil. Wer die notwendigen Ersatzkapazitäten zur Sicherung der Versorgung errichten, koordinieren und steuern soll, steht ebenfalls dahin. Ganz zu schweigen von den politischen und datenschutzrechtlichen Rahmenbedingungen für intelligente Stromnetze. Stattdessen wird gewurstelt, entwickelt, teilreguliert, debattiert, so wie man es schon bei der Maut, bei der Gesundheitskarte oder beim Berliner Großflughafen gemacht hat. Nur, dass die Energiewende noch komplexer, noch anspruchsvoller und noch kritischer ist: Ob eine Maut früher oder später bezahlt wird, ob ein Flughafen früher oder später in Betrieb geht, mag von nachrangiger Bedeutung sein. Ob aber Deutschland einen Komplettumbau seiner Energieversorgung bei laufendem Betrieb hinbekommt, ist entscheidend für seine Zukunft. Im Augenblick sucht man eher die kleinen Wege – und nimmt achselzuckend hin, dass die Bevölkerung dem Projekt langsam, aber sicher von der Fahne geht. Mit leisem Bedauern werden die Preisaufschläge weitergeleitet. Nur ein kleines bisschen schuldbewusst werden die Bürger um Verständnis ersucht, dass man für die neuen Überlandtrassen die Einspruchsrechte etwas beschneiden müsse. Und markig wird bedauert, dass der Deutsche an sich sein Haus nicht so wärmedämmt, wie er sollte.

Die große Erzählung von der Energiewende geht so: In wenigen Jahren, wenn die Atomkraftwerke stillgelegt sind, wird jeder Energieerzeuger, Speicher und Verbraucher sein können. Die Gefriertruhe und das Pedelec werden dereinst zum Energiespeicher, die Waschmaschine orgelt in verbrauchsschwachen Zeiten von selbst los, das Blockheizkraftwerk im Keller koppelt smart gesteuert Kraft, Wärme oder Kälte, je nachdem. Die kleinen Fußnoten zu der großen Geschichte gehen so: Wir wissen noch nicht, wie das geht. Wir wissen noch nicht, wie teuer es wird. Wir können noch nicht sagen, wer die Technik dazu erfindet – und wie sicher sie sein wird. Der Paradigmenwechsel in der Energiepolitik beschränkt sich im Augenblick auf eine Entwicklung, die das ganze Elend umschreibt: Wir werden in absehbarer Zeit viel zu viel Energie haben – und dennoch nicht genug.

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