Mittwoch, 29. März 2017
-   Der Kommentar
Die zwei Energiewenden

Daniel Wetzel

Der et KommentarVor der deutschen Energiewirtschaft baut sich ein neues Problem auf: die zwei Energiewenden. Die Politik erweist sich in der von ihr versuchten Neuordnung der deutschen Stromversorgung zunehmend als unfähig, mit den Entwicklungen auf technologischer Seite Schritt zu halten und versagt in der Konsequenz deshalb auch bei der Organisation des Marktes. So zerfällt der Prozess des ökologischen Umbaus der Stromversorgung in zwei Teile, oder eben in zwei Energiewenden: Eine von oben, und eine von unten. Oben bemüht sich die Regierung mit ihren Behörden darum, Masterpläne zu erstellen und Strukturen zu organisieren. Unten schaffen derweil die „Prosumenten“ neue Tatsachen. Die Entwicklungen auf beiden Ebenen laufen zeitlich nicht synchron, ganz im Gegenteil: Die staatlichen Regulierungsversuche hinken den technischen und wirtschaftlichen Entwicklungen an der „Basis“ stets und fast zwangsläufig hinterher. So wenig die Folgen dieser Entwicklung auch bis dato erkennbar sind, dürfte am Ende dennoch eine Fehlallokation volkswirtschaftlicher Mittel in erheblichem Ausmaße stehen. Denn die von „oben“ organisierten Strukturen, Netze und Kapazitäten werden in Form und Umfang wegen der parallelen und fast schon autonomen Entwicklung „unten“ möglicherweise gar nicht mehr gebraucht.

Auslöser der Entwicklung ist der starke Fall der Erzeugungskosten erneuerbarer Energien. Solarstrom kann in Deutschland unter bestimmten Bedingungen bereits für weniger als acht Cent pro Kilowattstunde produziert werden. Das gleiche gilt für Elektrizität aus Windkraftanlagen an Land. Damit wird Ökostrom kostenseitig konkurrenzfähig zu Strom aus Kohle- und Gaskraftwerken. Anstatt 26 Cent pro Kilowattstunde an den Versorger zu überweisen, werden immer mehr Verbraucher die Transformation zum produzierenden Konsumenten oder „Prosumenten“ vollziehen und bei günstigen Bedingungen Strom für acht Cent vom eigenen Dach beziehen – oder als Genossenschaftsmitglied aus dem benachbarten Windpark. Die Entwicklung verläuft schnell, denn zusätzlich investieren immer mehr Industrie-Unternehmen in eigene Stromerzeugungskapazitäten, etwa in Form von Blockheizkraftwerken. Angetrieben wird die Industrie dabei nicht nur vom Kostenargument, sondern auch von der Sorge vor einer abnehmenden Netzstabilität und Versorgungssicherheit.

Die „Flucht in die Eigenversorgung“ dürfte schon bald zu Verwerfungen in volkswirtschaftlich relevanten Größenordnungen führen. Denn die Eigenversorger zahlen all das nicht mehr, was der klassische Versorger seinen Kunden im Endpreis von durchschnittlich 26 Cent pro Kilowattstunde mitberechnen muss: Mehrwertsteuer, Konzessionsabgaben an die Gemeinde, Netzentgelte, EEG-Umlage. Wer das Kapital hat, zum „Prosumenten“ zu werden, kann einen Großteil dieser Systemkosten der Energieversorgung anderen Schultern überlassen. Die Energiewende, die nach dem Postulat der Ethik-Kommission ein „nationales Gemeinschaftswerk“ sein sollte, zerfällt in eine Gruppe von Zahlmeistern, die ständig wachsende Belastungen zu tragen haben, und eine stetig wachsende Gruppe von Privilegierten. Offen ist in diesem Szenario allerdings noch, ob die fallenden Erzeugungskosten für Ökostrom auch im Saldo zu niedrigeren Systemkosten der Energieversorgung insgesamt führen. Kurzfristig ist das wegen der weiter steigenden Kosten für Netzsteuerung und Netzausbau definitiv nicht der Fall. Weil die staatliche Administration „oben“ die Dynamik der Energiewende von „unten“ nicht oder nicht schnell genug antizipiert, entstehen Fehlallokation und „stranded investments“, die zusätzlich kostentreibend wirken: So werden die teuren, aber bundespolitisch gewollten Offshore-Windparks im Norden und ihre milliardenschwere HGÜ-Gleichstromtrassen in den jetzt geplanten Dimensionen möglicherweise überflüssig, wenn der Solar- und Windkraftboom an Land selbsttragend wird, kleine KWK-Anlagen womöglich ein Massenmarkt werden und der Süden mit seinem landespolitisch gewollten Autarkie-Streben vorankommt.

Schon recht bald wird es deshalb entscheidend, wie es der Politik gelingt, die Systemkosten der Energieversorgung zu begrenzen und die Belastung zu verteilen. Denn die sinkenden Erzeugungskosten für Ökostrom werden schon in wenigen Jahren zu einer Art manisch-depressiven Energieversorgung führen: Im Frühjahr und Sommer große Überschüsse an grünen Kilowattstunden ohne jeden Marktwert, im Winter Mangel an Elektrizität und teure Importe. Der Preis einer Kilowattstunde wird mittelfristig kein verlässlicher Orientierungspunkt und kein Lenkungsinstrument mehr sein können, wenn das nachgefragte Produkt eine rund um das Jahr verlässliche, stetige Energieversorgung ist. Der Verbraucher wird vermutlich eher nach dem Muster der Telekom-Dienstleistungen einen hohen Grundpreis oder eine „Flatrate“ für alle notwendigen Systemdienstleistungen der Stromversorgung, einschließlich Netzkosten und Reservekraftwerke, zahlen, für die verbrauchte Kilowattstunde hingegen nichts mehr. Ob das Gesamtsystem der Energieversorgung damit im Saldo billiger wird als es bislang war, hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab. Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist es vor allem entscheidend, ob es gelingt, während der „teuren“ Transformationsphase die energieintensive Industrie im Lande zu halten – und damit die eng verknüpften Wertschöpfungsketten intakt zu lassen, die maßgeblich für wirtschaftlichen Erfolg und Wohlstand in Deutschland verantwortlich sind. Der Preisverfall konventioneller Energieträger wie Kohle und Gas im Zuge der amerikanischen „Fracking“-Revolution macht diese Aufgabe nur noch schwieriger.

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