Samstag, 18. November 2017
-   Der Kommentar
Verwerfungen bei der Offshore-Windkraft

Klaus Stratmann, Korrespondent, Handelsblatt

Der et KommentarDie Energiewende ist politisch gewollt, aber politisch nur schwer steuerbar. Dass bereits jetzt, keine zwei Jahre nach den grundlegenden Beschlüssen für den beschleunigten Ausstieg aus der Kernenergie, die Fehlentwicklungen offenkundig werden, überrascht. Wenn die Energiewende schon heute aus dem Ruder läuft, dann ist das ein Warnsignal. Besonders augenfällig wird die Situation am Beispiel des Ausbaus der Offshore-Windkraft. Die Erreichung des politischen Ziels, bis 2020 Windparks mit einer installierten Leistung von 10 000 Megawatt und bis 2030 sogar 25 000 Megawatt ans Netz zu bringen, ist ambitioniert, aber nicht unmöglich. Auf dem Weg dorthin ist es jedoch bereits zu erschreckenden Verwerfungen gekommen. Der in den vergangenen Jahren viel gescholtene Netzbetreiber Tennet ist derzeit dabei, Milliarden in Netzanbindungssysteme in der Nordsee zu investieren. Das Unternehmen lässt Kabel verlegen und Konverterstationen bauen, obwohl niemand weiß, ob und wann die dazugehörigen Parks entstehen. Vieles deutet darauf hin, dass ein großer Teil der Netzanbindungen zunächst nur zu einem geringen Teil ausgelastet sein wird.

Vor ein paar Monaten hatte es noch so ausgesehen, als würde der Ausbau der Windkraft auf hoher See an einem Engpass bei den Netzen scheitern. Jetzt kehren sich die Verhältnisse um: Es fehlen die Windparks. Die Ursachen für die Fehlentwicklungen sind vielfältig. Zunächst einmal war Tennet überfordert, seine gesetzlichen Pflichten zu erfüllen. Ein Netzanschlussbegehren folgte dem anderen, doch so viel Geld konnte das Unternehmen zunächst nicht auftreiben. Mittlerweile hat Tennet eine Reihe milliardenschwerer Investitionen ausgelöst. Und die Politik hat die Frage, wer in welchem Umfang für eine verspätete oder gestörte Netzanbindung haftet, geklärt. Die lange Unsicherheit hat aber viele Windparkinvestoren dazu bewogen, Projekte zurückzustellen. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Vielen potenziellen Investoren kamen die Probleme bei Tennet ganz recht, sie hatten mit dem Netzbetreiber einen Sündenbock gefunden und konnten ihre Projekte auf die lange Bank schieben. Vielen kühnen Plänen fehlte wohl von vornherein eine solide Basis. Auch die Banken zeigen sich beim Thema Offshore-Windkraft in Deutschland eher sperrig. Überflüssigerweise verunsicherte ausgerechnet Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) mit seinen Plänen für eine „Strompreisbremse“ Investoren und Banken. Das Ergebnis: Windparkprojekte mit belastbaren Investitionsbeschlüssen sind rar geworden. So sind am Ende alle ein bisschen Täter und ein bisschen Opfer. Milliarden werden nun für die Netzanbindung in der Nordsee ohne Sinn und Zweck vergraben, zahlen müssen am Ende die Verbraucher. Strom bekommen sie dafür allerdings nicht. Es ist nicht auszuschließen, dass schon bald Konverterplattformen aus dem Wasser ragen, die niemand braucht und die Jahr für Jahr mit Millionenaufwand instandgehalten werden müssen.

Dass der komplette Umbau des Energieversorgungssystems eine Menge Geld kosten würde, war klar. Dass aber gleich zu Beginn schon Milliarden verschwendet würden, war nicht unbedingt absehbar und auch nicht notwendig. Man hätte den Offshore-Ausbau durchaus sinnvoll steuern können: Zuerst hätte man sich auf die technisch nicht ganz so anspruchsvollen Projekte konzentrieren müssen, die näher an der Küste liegen. Die dabei gesammelten Erfahrungen hätte man in die Projekte einer zweiten Phase einfließen lassen können. Und man darf auch die Frage aufwerfen, ob es sinnvoll war, Genehmigungen für den Bau von Windparks eine Gültigkeit von 25 Jahren zu geben. Eine wesentlich kürzere Befristung hätte disziplinierende Wirkung entfalten können. Immerhin hat die Politik erkannt, dass es an Koordinierung fehlt. Mit dem Bundesfachplan Offshore kommt nun etwas Ordnung in das Thema. Leider ist es dafür reichlich spät. Der Ausbau der Offshore-Windkraft steht synonym für das gesamte Projekt Energiewende: Wer innerhalb kurzer Zeit zu viel gleichzeitig erreichen will, erhöht das Fehlerrisiko enorm.

Und schon zeichnen sich die nächsten Fehlerquellen ab. Ein Beispiel: Es ist unbestritten, dass der Ausbau der Netze den kostengünstigsten Weg darstellt, den wachsenden Anteil fluktuierender Erzeugung ins System zu integrieren. Wer aber keine exakte Vorstellung davon hat, wie sich der Ausbau der fluktuierenden Erzeugung aus Wind und Sonne mengenmäßig oder gar regional entwickelt, wird auch Schwierigkeiten haben, den exakten Netzausbaubedarf für die nächsten Jahre zu beschreiben. Wenn hoffentlich in wenigen Jahren die heute unbestreitbaren Engpässe im Übertragungsnetz behoben sind, wird es schwierig, beim Netzausbau die richtigen Prioritäten zu setzen. Die Linien quer durch Deutschland – darunter drei Korridore für Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsleitungen – sind aber bereits gezeichnet. Man kann nur hoffen, dass Wunsch und tatsächlicher Bedarf hier Jahr für Jahr wirklich ergebnisoffen und kontinuierlich miteinander verglichen werden. Heute kann der Netzausbau mit dem rasanten Ausbau der Erneuerbaren kaum Schritt halten. Das Beispiel Offshore-Windkraft lehrt, dass sich die Verhältnisse schnell wandeln können. Eine bessere Koordination, regelmäßiges Gegensteuern und ein kritisches Monitoring, das von der Politik auch ernst genommen wird und ihr Handlungsempfehlungen gibt, könnten dabei helfen, die nächsten teuren Fehlentwicklungen zu vermeiden. Auch ohne Fehler wird die Energiewende teuer genug.

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