Montag, 25. September 2017
-   Der Kommentar
Erneuter Verzicht auf eine wichtige Technologie

Daniel Goffart, Leiter Hauptstadtredaktion FOCUS, Berlin

Der et KommentarFracking ist im technologie-skeptischen Deutschland zum Angstwort geworden. Rund um die umstrittene Fördermethode tobt eine Propagandaschlacht. Auf der einen Seite versprechen Firmen billige und sichere Energie, was der von steigenden Strompreisen geplagten Wirtschaft wie Musik in den Ohren klingt. Auf der anderen Seite betonen Umweltschützer die Gefahren. Beim Fracking wird eine mit Chemikalien versetzte Flüssigkeit mit hohem Druck in das Gestein gepresst, wodurch Risse entstehen, die das im Boden eingeschlossene Gas oder Öl entweichen lassen. In den USA hat die massive Förderung dieser Schiefergas- und Ölvorkommen bereits zu einer wahren Energierevolution geführt. Die Preise sinken auf breiter Front. Nach Angaben der US-Energiebehörde EIA wird das Land in diesem Jahr erstmals seit 1995 mehr Öl fördern als importieren. Neben den wirtschaftlichen Vorteilen beleuchtet der Bundesnachrichtendienst in einer eigenen Studie zudem die gravierenden politischen und geostrategischen Folgen, wenn die USA aufgrund der heimischen Energieförderung unabhängig von Russland und vor allem vom Nahen Osten werden.

Auch in Deutschland wird, unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit, die Technologie seit Jahren erprobt. Rund 300-mal wurde bereits „gefrackt“, um aus gewöhnlichen Lagerstätten mehr Erdgas herauszuholen. Probleme hat es bislang nicht gegeben, betonen die Bohrfirmen. Nie hätten sich etwa umliegende Wasserwerke über mögliche Verschmutzungen beschwert. Zwar ist noch nicht erforscht, was auf Dauer mit der in den Boden gepressten Chemiebrühe passiert. Warnungen vor vergiftetem Trinkwasser und künstlichen Erdbeben können Experten jedoch nicht bestätigen. Nach den Erkenntnissen der Deutschen Geophysikalischen Gesellschaft in Leipzig gibt es denn auch „keinen Grund für ein grundsätzliches Verbot des Fracking in Deutschland“. Eine „langsame Entwicklung in vorsichtigen Schritten sollte möglich sein,“ so die Forscher.

Nun sind die Vorkommen in Deutschland nicht so gewaltig wie in den USA. Allerdings könnte nach einer Untersuchung des Umweltbundesamtes (UBA) unser nationaler Erdgasbedarf alleine durch verstärktes Fracking 13 Jahre lang gedeckt werden. Deshalb zeigen einige Firmen wie Exxon oder BASF auch grundsätzliches Interesse daran, die Fördertechnik in Deutschland zuzulassen. Doch die deutsche Politik hat diese Technologie von Anfang an mit spitzen Fingern angefasst. Die Grünen lehnten das Fracking eindeutig ab und auch bei der SPD überwog die Skepsis. Die Koalitionsparteien CDU, CSU und FDP äußerten sich zwar zunächst positiv und im Sinne der Wirtschaft. Doch schon bald wurde im Zuge des Gesetzgebungsverfahrens klar, dass man mit gezinkten Karten spielte. Ende Februar dieses Jahres präsentierten Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) und sein Wirtschaftskollege Philipp Rösler (FDP) einen gemeinsamen Gesetzesvorschlag zum Fracking. Doch dass dabei etwas nicht stimmen konnte, merkte man schon an den unterschiedlichen Bewertungen der beiden Minister. Während Altmaier damals von einem weitgehenden Verbot der umstrittenen Methode sprach, lobte Rösler die Chancen der Technologie für die Energieunternehmen. Vor allem in der Unionsfraktion sammelte sich in den parlamentarischen Beratungen massiver Widerstand. Rund 80 Abgeordnete formulierten gegenüber der Fraktionsführung ihre Einwände und verlangten deutliche Verschärfungen, was die FDP klar ablehnte. Die Einwände stammten von CDU-Parlamentariern aus Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und vor allem aus Niedersachsen. In diesen Regionen werden größere Schiefergasvorkommen vermutet, in der Nähe von Osnabrück wird bereits über eine Demonstrationsanlage für die Fracking-Technologie gesprochen. Jedoch treibt der vermutete Widerstand in der Bevölkerung die CDU-Abgeordneten um – zumal in einem Wahljahr.

Im Zuge der Beratungen wurde der Entwurf deshalb jetzt so verschärft und mit so vielen Einschränkungen versehen, dass man am Ende getrost von einem Fracking-Verhinderungs-Gesetz sprechen kann. Ausgenommen von künftiger Förderung sind danach dichter besiedelte Regionen, Naturschutzgebiete sowie Flächen, in denen Trinkwasser gewonnen wird. Ferner sollen Gasreservoirs, die oberhalb von 1 000 Metern Bodentiefe liegen, gar nicht erst angestochen werden, um Abstand zum Grundwasser zu halten. Außerdem sollen Bruchzonen im Boden gemieden werden, weil eventuell entstehende Klüfte als Aufstiegskanäle für die Fracking-Flüssigkeit dienen könnten. Vor allem aber will der Bundesgesetzgeber den Ländern die Möglichkeit geben, mit eigenen Verordnungen die Förderung noch weiter einzuschränken.

Damit versetzt die Bundesregierung dem Fracking in Deutschland vorsätzlich den Todesstoß. Er gehe „nicht davon aus, dass diese Fördermethode in den nächsten Jahren in Deutschland zur Anwendung kommt“, gestand Altmaier am Ende der parlamentarischen Beratungen denn auch mit entwaffnender Offenheit ein. Wie schon bei der CCS-Technologie, der Speicherung von Kohlendioxid im Boden, werden die betroffenen Länder wegen des befürchteten Widerstands ihrer Bevölkerung alles daran setzen, eine Erprobung des Frackings durch eine eigene Länderverordnung zu verhindern. Das ist bedauerlich. Natürlich gibt es gegen jede Technologie Einwände. Selbstverständlich müssen Risiken erforscht und, wo immer es geht, verhindert werden. Wenn wir in Deutschland aber dazu übergehen, alle neuen Technologien abzulehnen und gar nicht erst zu erforschen, nehmen wir uns als Land der Tüftler und Ingenieure gewaltiges Zukunftspotenzial.

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