Freitag, 21. Juli 2017
-   Der Kommentar
Das Dilemma mit dem Trilemma

Wieland Kramer, freier Fachjournalist, Wuppertal

Der et KommentarDreiecke sind hinterlistig. Sie suggerieren Einfachheit, Klarheit und Beherrschbarkeit. Verantwortung für dieses Image tragen Pythagoras, Euklid und ihre rezenten Jünger in Gymnasien und anderen allgemeinbildenden Schulen. Die Lehrsätze der antiken Geometriepioniere und die in ihnen verborgene Philosophie gehören bis heute zur schulischen Grundbildung: Wenn die Summe der Kathetenquadrate im rechtwinkligen Dreieck stets so groß ist wie das Quadrat über der Hypotenuse – was soll uns da noch Angst und Sorgen machen? Dreiecke sind praktische Philosophie: Wer in Dreiecken denkt, sieht die Welt optimistisch und zweckrational. Zu den besonders schönen und trügerischen Exemplaren der Gattung Dreieck gehört das der nachhaltigen Energieversorgung. Es ist angenehm gleichseitig und vollkommen harmonisch. Mit jeweils identischer Entfernung zum Mittelpunkt positionieren wir die Versorgungssicherheit, die Umweltfreundlichkeit und die Preiswürdigkeit. Wir wünschen und behaupten sogar, die geometrische Harmonie entspreche der Realität.

Doch so robust, wie wir es gern hätten, ist das Energiedreieck keineswegs. Weitgehend unbekannt ist beispielsweise seine extreme Wetterempfindlichkeit. Im zweiten Jahr in Folge wird der inländische Energieverbrauch nahezu vollständig durch den Witterungsverlauf geprägt. Der lange Winter und der verregnete Frühling haben den Bedarf an Wärmeenergien 2013 nach oben schnellen lassen: Rund zehn Prozent mehr Erdgas und Heizöl waren nötig, um Wohnungen und Büros angenehm warm zu halten. Der gesamte Energieverbrauch und der nationale CO2-Ausstoß werden deshalb in diesem Jahr um gut zwei Prozent über dem Niveau des Vorjahres liegen. Wenn bereits etwas Frost und Regen die nationale Geometrie erschüttern, welche Auswirkungen haben dann globale Veränderungen auf unser gleichseitiges Leitbild einer guten Energieversorgung? Viele Schwellenländer verlieren derzeit deutlich an Wachstumsdynamik. Die Gründe dafür sind vielfältig, die Rezepte gegen noch mehr Wachstumsverluste dagegen einheitlich: Ganz vorne bei den Instrumenten steht der Einsatz preiswerter Energie. Damit ist für diese Staaten auf Sicht eine Ecke des Energiedreiecks fest gesetzt. Die Option heißt Kohle! Die deutschen Kohlenimporteure rechnen für das laufende Jahr mit einer Zunahme des weltweiten, seewärtigen Kohlenhandels um gut zehn Prozent. Die USA fluten den Energiemarkt mit schwarzem Gold, seitdem unkonventionelles Gas aus der inländischen Förderung in großen Mengen zur Verfügung steht.

Es wäre ungerecht, Entwicklungs- und Schwellenländern die Nutzung preiswerter Energie zu verwehren. Die Feststellung des Weltenergierates, dass noch rund 1,3 Milliarden Menschen auf den Zugang zu sicherer und bezahlbarer Energie warten, ist weniger eine statistische Zahl als ein moralischer Vorwurf. Wir müssen akzeptieren, dass viele Länder im Energiedreieck auf sichere Versorgung und niedrige Preise setzen, um die Entwicklung ihrer Volkswirtschaft zu stützen, negative Umweltauswirkungen dagegen in Kauf nehmen. Aber nicht nur in den energiehungrigen Ländern lässt sich beobachten, wie schwierig das Gleichgewicht im Energiedreieck auszubalancieren ist. Deutschland setzt mit seiner Energiewende auf Umwelt- und Klimaschutz sowie auf Versorgungssicherheit – insbesondere im Stromnetz. Hierzulande wird die Preiswürdigkeit im Energiedreieck vernachlässigt, wenn nicht sogar ganz fallengelassen.

Der nüchterne Blick auf die nationale und die globale Realität könnte zu dem Schluss führen, dass das Modell vom friedlichen, harmonischen Energiedreieck eine Vision bleibt. Allenfalls zwei Ziele lassen sich zu Lasten des Dritten verwirklichen. Die Dreiheit erscheint unmöglich. Möglicherweise stehen wir aber auch an der Schwelle zu der Erkenntnis, dass die Komplexität der Energiefrage mit einfacher Schul-Geometrie nicht mehr auflösbar ist. Wenn Kohle und die anderen kohlenstoffhaltigen Energieträger für mehrere Milliarden Menschen auf mittlere Sicht die einzige Möglichkeit darstellen, Leben zu erhalten, den Zugang zu Bildung und Gesundheit zu sichern und Wohlstand zu erwerben, dann kann es nicht darum gehen, ob diese Energieträger eingesetzt werden, sondern nur darum, wie sie eingesetzt werden. Europa hat mit dem Handelssystem für Emissionszertifikate ein probates Instrument entwickelt, mit dem sich der Ausstoß von Klimagasen effektiv begrenzen lässt. Eine UN-Resolution oder der Beschluss auf einer Klimakonferenz könnte den Einstieg in die Globalisierung dieses Systems bringen.

Die Technologiestandorte Europas, Nordamerikas und Asiens müssen ihre Anstrengungen erhöhen, die energetische und die stoffliche Verwendung der Kohle zu diversifizieren und zu optimieren. Schleichender Know-how-Verlust, Mängel bei der Werkstoffentwicklung und Investitionsängste sind negative Trends. Europa hat sich einen gesetzlichen Rahmen zur Abscheidung und sicheren Lagerung von Kohlendioxid (CCS) aus Kraftwerks- und Industriefeuerungen gegeben. In den Kohleländern der EU stehen die Technologien im Demonstrationsmaßstab zur Verfügung. Als Teilalternative für die akzeptanzschwache Infrastruktur und unterirdische Speicherung könnte das anfallende fossile CO2 zumindest teilweise über die natürliche Photosynthese zu energetisch oder stofflich nutzbarer Biomasse umgewandelt werden. Diese und andere Pfade zur besseren Nutzung fossiler Energien können dazu beitragen, dass das Vertrauen in die Ausgewogenheit des Energiedreiecks und in den Sinn schulischen Lernens doch gerechtfertigt erscheint. Es lebe das Dreieck.

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