Montag, 24. April 2017
-   Der Kommentar
Energieeffizienz auf verlorenem Posten

Ursula Weidenfeld

Der et KommentarGeplant war eine energiepolitische Win-Win-Situation. Als die Bundesregierung sich im Jahr 2010 vornahm, die Energieproduktivität des Landes bis zum Jahr 2020 um jährlich über zwei Prozent zu steigern, schien die Sache noch vergleichsweise einfach zu sein. Das Ziel nämlich würde wie von selbst erreicht. Weil die Preise für fossile Energien weiter und weiter steigen, würden die Deutschen mit bekannter Gründlichkeit beginnen, Heizkessel auszutauschen, Fenster zu erneuern, ihre Häuser zu ummanteln, spritsparende Autos zu fahren, Energiesparlampen einzuschrauben, die Unternehmen auf Sparsamkeit zu trimmen. Ein bisschen Staatsknete würde den Eifer in die richtigen Bahnen lenken, ein bisschen Regulierung den Unentschlossenen Beine machen. Deutschland würde das erste Land der Welt sein, in dem sich Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch entkoppeln ließen.

Leider kam es anders. Denn außer der Bundesregierung hat kaum jemand ein Interesse daran, dass die Menschen ihr Mobilitätsverhalten, ihren Lebensstil oder ihr Konsumverhalten ändern. Schlimmer noch: Die Anreize dazu werden nicht stärker, sie werden immer schwächer. Die Preise für Öl und Gas sinken mittlerweile zuverlässig, nicht einmal schwerste politische Krisen wie die in der Ukraine oder die im Nahen Osten scheinen den Trend umkehren zu können. Von selbst rechnet sich Energiesparen nicht mehr. Das hat Folgen: Kleingeistig streiten sich Hauseigentümer und Mieter, wer das Geld für energetische Sanierungen aufbringen soll – anstatt die Aufgabe freudig gemeinsam anzugehen. Elektroautos sind so unattraktiv, dass Verkehrsminister Alexander Dobrindt in den Großstädten jetzt schon Busspuren für die elektrischen Mobilitätshilfen freigeben will. Auf aufwendigen Kongressen palavert die Branche zwar immerzu über besonders neue und besonders effiziente Lösungen. Doch kaufen will sie keiner mehr. Deshalb wird der Ton zunehmend beleidigt: Wenn die Politik mehr Energieeffizienz wolle, dann müsse sie entweder dafür sorgen, dass die Preise steigen. Oder Investitionen vorschreiben. Oder Investitionen durch Subventionen anreizen. Am besten alles.

Die geplante freiwillige private Finanzierung des Effizienzprogramms jedenfalls scheint gescheitert zu sein: Der Bürger löst sein Erspartes nicht für sinnvolle Investitionen auf, die Umweltpolitiker können zwar weiterhin ehrgeizige Einspar- und Klimaziele in ihre Regierungspapiere schreiben, das Land aber wird nicht effizienter. Auch die Hoffnung, dass die Menschen irgendwann das Energiesparen so verinnerlicht haben, dass sie ihren Lebensstil ändern, geht nicht auf: Sie fliegen mehr denn je, essen kaum weniger Fleisch und denken nicht daran, im Winter mit wärmeren Pullovern in kühleren Räumen sitzen. Nicht einmal die findige deutsche Autoindustrie taugt als Vorbild. Sie liefert zwar dieselbe Motorenleistung mit weniger Verbrauch. Doch der Deutsche kauft einfach ein größeres Auto, der Benzinverbrauch steigt.

Dazu kommt, dass die Energiewende dafür sorgt, dass der Effizienzbranche die wichtigsten Verbündeten abhanden kommen. Die großen Stromkonzerne sehen keinen Sinn darin, die Verbraucher zu energiesparendem Verhalten anzuhalten, im Gegenteil. Die Branche leidet an ihren Überkapazitäten, da blickt man insgeheim erfreut auf den Boom von Dachrinnenheizungen oder Whirlpools für den Privat-Garten. Bei den Gasunternehmen fällt diese Haltung noch krasser aus: Längst sind auch im Gasmarkt die Infrastrukturkosten ein wesentlicher Kostentreiber. Je niedriger der Verbrauch, desto höher künftig der Aufschlag zur Instandhaltung des Netzes, lautet hier die Formel. Wenn man aber nichts mehr vom Sparen hat, lässt man es lieber gleich sein. Die Stadtwerke scheren ebenfalls heimlich aus der Riege der Bundesgenossen aus. In vielen Städten subventionieren die kommunalen Firmen mit den Gewinnen aus dem Stromgeschäft den öffentlichen Nahverkehr oder die städtischen Badeanstalten. Wenn die Verbraucher zu wenig Strom kaufen, gerät die städtische Mischkalkulation in Gefahr, wie zuletzt in Gera. Da musste das erste Stadtwerk Insolvenz anmelden.

Wer will da noch von energieeffizientem Leben reden? Der Verbraucher nicht. Mit Sorge verfolgt er die Pläne im Haus der Umwelt- und Bauministerin, auch Eigentümer älterer Einfamilienhäuser zur Dämmung zu veranlassen. Für viele von ihnen lohnt sich eine Investition nicht mehr – sie sind kaum jünger als ihre Häuser. Ihre Kinder sehen nicht ein, warum sie heute schon investieren sollen. Denn es könnte ja sein, dass die Preise für fossile Energien dauerhaft niedrig bleiben oder dass neue Techniken das Energiesparen billiger machen. Außerdem steigen die Immobilienpreise nur in wenigen Regionen des Landes deutlich. In allen anderen Gegenden sinken sie, der Abwanderung und des demografischen Wandels wegen. Da hilft auch kein Energiepass, Energieeinsparinvestitionen sind dort Fehlinvestitionen. Umgekehrt aber lässt sich in den attraktiven Großstädten des Landes zur Zeit jede Wohnung ganz gut vermieten – auch wenn sie noch so zugig ist. Man muss schon ein echter Klimaschutz-Enthusiast sein, wenn man mehr investiert, als gesetzlich vorgeschrieben ist. So droht die Bundesregierung ihre Wette auf die Energieeffizienz zu verlieren. Die politische Gegenwehr – Regulierung, Verordnung, nationaler Aktionsplan – kommt zwar laut und entschlossen daher. Doch Lebensstile und -einstellungen ändern sich nicht per Dekret. Sie ändern sich nur unter Druck.

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Schwerpunkt: Zukunftsfragen
Energieeffizienz: Zukunftsfähigkeit von Heizsystemen
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