Freitag, 21. Juli 2017
-   Der Kommentar
Kleinvieh ist auch effizient

Hans-Willy Bein

Der et KommentarUlrich Grillo ist mit Leib und Seele Unternehmer. Neben seinen Aufgaben als Chef der Grillo-Werke in Duisburg hat der Betriebswirtschaftler sich seit Jahren schon in Beiräten und Wirtschaftsverbänden engagiert, ehe er Anfang 2013 schließlich an die Spitze des BDI (Bundesverband der Deutschen Industrie) rückte. Als führender Repräsentant der Industrie setzt er sich bei der Politik dafür ein, dass die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen durch politische Vorgaben nicht weiter verschlechtert wird. Der Familienunternehmer weiß genau, wovon er spricht. Schließlich gehört Effizienzsteigerung quasi zum Tagesgeschäft der energieintensiven Grillo-Metallfirmen. Beispiel Rheinzink in Datteln, größter europäischer Hersteller von Bauzink. Das Grillo-Unternehmen hat die Beleuchtung in der Halbzeughalle optimiert. Das spart etwa 200 Megawattstunden Strom im Jahr. Es hat flexiblere Arbeitszeitmodelle eingeführt und damit die Möglichkeit geschaffen, die Schmelzöfen gezielter zu befüllen. Das spart 300 Megawattstunden. Zugegeben, jeweils für sich genommen sind das kleine Schritte. Aber die Wirkung kann sich sehen lassen. Immerhin senkt Rheinzink durch eine Vielzahl von Maßnahmen seinen Energieverbrauch im Jahr um annähernd vier Gigawattstunden und reduziert so den CO2-Ausstoß um 2 300 Tonnen.

Beleuchtung von Hallen, flexiblere Arbeitszeitmodelle – schön und gut. Doch was ist mit den stromfressenden Produktionsanlagen? Bereits seit Jahren setzt die Industrie Energie immer effizienter ein. Was technisch machbar und wirtschaftlich sinnvoll ist, realisierten die Unternehmen schon aus eigenem Interesse. Inzwischen verhindern die Grenzen der Physik aber meist weitere Einsparmöglichkeiten. Dass die Unternehmensführungen und ihre Ingenieure trotzdem nicht ruhen, zeigt die Konzentration auf Nebenanlagen. Kleinvieh ist hier eben auch effizient. Das heißt aber auch, es wird für die Unternehmen immer schwieriger, Effizienzpotenziale in den bisherigen Größenordnungen zu finden. Die Politik muss dies akzeptieren und darf bei künftigen Klimazielen physikalische Grenzen nicht aus den Augen verlieren. Das gilt für Deutschland! Und das gilt für Europa! Wie wichtig dies ist, zeigt die Tatsache, dass sich eine Allianz von 15 europäischen Dachverbänden der Industrie vor dem jüngsten EU-Klimagipfel zusammengefunden hat. Sie artikuliert die Sorge vor unrealistischen Klimaschutz-Benchmarks. Auch 60 Chefs von europäischen Stahlkonzernen konnten sich aus diesem Grund zu einem gemeinsamen Brief an die Staats- und Regierungschefs aufraffen. Wohlfeine Briefe formulieren ist die eine Sache – den eigenen Laden in Ordnung zu bringen und wettbewerbsfähig zu machen, die andere. Hieran arbeitet Briefschreiber Heinrich Hiesinger, der Chef des in die Krise geratenen Stahl- und Technikkonzerns ThyssenKrupp. Das Unternehmen, das ein Viertel seines Umsatzes mit der Automobilindustrie macht, ist mit einem „InCar plus“ genannten Forschungs- und Entwicklungsprogramm in die Offensive gegangen. Ergebnis sind mehr als 40 Innovationen für Fahrwerk, Lenkung und Antriebsstrang von Fahrzeugen. Beim Gewicht der Bauteile hat ThyssenKrupp nach eigenen Angaben Einsparungen von bis zu 50 Prozent, bei den Kosten von bis zu 20 Prozent erreicht.

Wie wichtig diese Art Innovationen für Deutschland ist, zeigt ein Blick auf die Statistik. Nach Erhebungen des Statistischen Bundesamtes sind die Strompreise seit dem Jahr 2000 um 92 Prozent gestiegen. Kleinere Gewerbebetriebe kamen mit einem Anstieg von 79 Prozent und industrielle Großabnehmer mit einem Plus von 76 Prozent glimpflicher davon. Gleichwohl zeigt der Trend, wie schmal die Basis für den Industriestandort Deutschland zum Beispiel im Vergleich zu den USA ist, wo die Energiepreise in der Folge des Shalegas-Booms sinken. Während die durchschnittlichen Strompreise nach Vergleichen verschiedener Institute 2007 in den USA noch über den europäischen Werten lagen, hat sich die Situation seit 2009 umgekehrt. Inzwischen sind Strom und vor allem Gas in den USA deutlich billiger, mit dem Ergebnis, dass der laufende Betrieb eines Stahlwerks in den USA annähernd 15 Prozent kostengünstiger ist als in Deutschland. Die Folge: Anders als in Deutschland und in Europa werden neue Werke in den USA gebaut, wie das der Investor John Correnti mit seinem Big River Steel-Projekt im Süden der Staaten vormacht. Auch Konzerne anderer Branchen investieren inzwischen lieber jenseits des Atlantiks. Während in Europa in vielen Kreisen immer noch vom vermeintlichen Segen der Dienstleistungsgesellschaft fabuliert wird, betreiben die USA mit Unterstützung der Politik ihre Reindustrialisierung.

Dass es in Deutschland auch anders gehen kann, dafür steht die Aluminiumindustrie. Es ist noch nicht so lange her, da wurden Hütten hierzulande dicht gemacht und der Standort Deutschland ob der stetig steigenden Strompreise tot gesagt. Totgesagte leben bekanntlich jedoch länger. Die Alu-Branche jedenfalls baut mittlerweile Kapazitäten aus und sieht sich inzwischen sogar als „Partner der Energiewende“. Neben einem konjunkturellen Umschwung und der Belebung der Nachfrage für den Werkstoff haben die Kompensationen beim Strompreis und von der Branche entwickelte Verfahren zur Flexibilisierung der Elektrolyse dazu beigetragen. Die vehemente öffentliche Diskussion um die angeblichen Strompreisrabatte für die Industrie und um kostenlose CO2-Zertifikate für Unternehmen mit hohem Stromverbrauch zeigt aber, wie fragil diese Basis ist. Ein sicheres Fundament für ihre Investitionen haben energieintensive Branchen jedenfalls nicht. Auch nicht die Aluminiumindustrie.

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