Dienstag, 26. September 2017
-   Der Kommentar
Innovationen: Wird die Rechnung aufgehen?

Ursula Weidenfeld

Der et KommentarManche Rechnungen gehen scheinbar immer auf. Zum Beispiel die Gleichung vom technischen Fortschritt. Die geht so: Ihre großen Probleme löst die Menschheit durch technische Innovationen. Bisher hat sie immer noch gerade rechtzeitig alles erfunden, was sie brauchte. Das wird auch in Zukunft so sein. Deshalb ist es kein Wunder, dass der deutsche Teil der Menschheit auch bei der Energiewende darauf setzt, dass es wieder so kommt. Im Prinzip ist der Optimismus berechtigt. Schließlich belegen deutsche Unternehmen Spitzenränge in weltweiten Forschungs- und Innovationsvergleichen. Mit umgerechnet rund 50 Milliarden Dollar allein bei den Unternehmen investiert kein anderes Land Europas so viel in die Entwicklung neuer Technologien und Produkte. Dazu kommt noch die Forschungsförderung des Staates, die sich international ebenfalls sehen lassen kann.

Und doch könnte es ausgerechnet diesmal schief gehen. Denn erstens hat noch keine Gesellschaft Innovationen in einer Branche so selbstbewusst herausgefordert. Zweitens hat es noch keine Gesellschaft gewagt, dem Fortschritt einfach eine Frist zu setzen, zu dem er sich einzustellen hat. Drittens hat es sich bisher kein Land gestattet, eine solche wirtschaftspolitische Saalwette mit einem abenteuerlichen Konstrukt von Anreizen und Fehlanreizen gleichzeitig so systematisch zu behindern. Und viertens ist Deutschland keine Insel. Es grenzt schon an ein kleines Wunder, dass trotz alledem in den vergangenen Jahren eine Menge passiert ist, vor allem bei der Stromerzeugung aus regenerativen Energien. Neuartige Solarzellen erreichen im Labor schon einen Wirkungsgrad von über 40 Prozent – in der Fläche werden inzwischen gelegentlich 15 Prozent erreicht. Repowering hat die Windmühlen auf Vordermann gebracht, und bei der Biomasse hat sich Ähnliches ereignet: Eine Tonne Maissilage, die heute in die Gärbrühe moderner Biogasanlagen gekippt wird, bringt doppelt so viel Energie wie eine, die in einer alten Anlage verwertet wird. Bei Zählern, Batterien und Motoren sind die Fortschritte zwar langsamer, aber immerhin: Es gibt sie.

Auf anderen Feldern dagegen hat sich um so weniger getan. Bei den fossilen Energien, die im deutschen Strommix immerhin noch mit über 50 Prozent eine entscheidende Rolle spielen, sieht es finster aus: Keines der großen Energieunternehmen Deutschlands findet sich unter den 20 forschungsstärksten Unternehmen des Landes. Irgendwie klar: Wer selbst neueste Gaskraftwerke vom Netz nehmen muss, weil er nichts damit verdient, der stellt auch seine Forschungen in dem Bereich ein, der Fortschritt kommt zum Erliegen. Wer fossile Energieträger für Teufelszeug hält, verspürt wenig Neigung, für die Restlaufzeit öffentlich Innovationen finanziell zu fördern. Dabei ist allen klar, dass Gas, Öl und Kohle zumindest in den kommenden vierzig Jahren noch eine bedeutende Rolle spielen werden. Ohne gewaltigen technischen Fortschritt in diesem Bereich wird die Energiewende scheitern. Wenn Deutschland tatsächlich 80 Prozent der Emissionen im Jahr 2050 einsparen will, muss es sich schleunigst der Frage widmen, ob und wo Innovationen in der Verwertung fossiler Energien behindert werden.

Gänzlich vernachlässigt erscheint zudem das Feld der Energieeffizienz. Weder interessieren sich die Energiepolitiker besonders für die Umwandlung nicht genutzten Stroms in Wärme, noch fällt ihnen etwas Besseres ein, als Häuser in dicke Dämmschichten zu verpacken, wenn Energie gespart werden soll. Hier rächt sich die politische Fixierung auf Strom bitter. Zwar hält auch die Bundesregierung den Wärmeverbrauch für eine der größten Energiesparquellen, zwar will sie die Hausbesitzer auch alter Häuser stärker in die Verantwortung nehmen. Doch wie das gehen soll, weiß kein Mensch. Egal, welchen Grenzwert die Politiker den Immobilieneigentümern zumuten – wie man Altbauten energieeffizient sanieren kann, ohne Schimmel, Feuchtigkeit und andere hässliche Nebenwirkungen in Kauf zu nehmen, hat bisher noch niemand überzeugend demonstriert.

Deutschland leistet sich zwei parallele Stromerzeugungssysteme, die gelegentlich gewaltige Überschüsse produzieren. Würde überschüssiger regenerativer Strom systematisch in Wärme umgewandelt, wäre wenigstens ein Teil dieses Überflusses sinnvoll genutzt. Nur, dass hier leider kaum technische Fortschritte gemacht werden – die Erzeuger der Erneuerbaren geben mit der Einspeisung ins Netz bisher auch ihre Verantwortung für die Ware ab. Und strombesessene Energiepolitiker verlieren sofort ihr Interesse, wenn aus Strom Wärme werden soll. Die Folge: zu wenig Innovation in dem Bereich, der ein riesiges Potenzial hat. Vom Verkehr ganz zu schweigen: Im Autoland Deutschland von den Effizienzreserven des Verkehrssektors zu reden, nimmt einem nicht nur die Autoindustrie übel. Auch die Bundesregierung steht bei dem Thema lieber beherzt auf der Bremse. Lieber soll der Fortschritt auch mal Pause machen, wenn er stört.

Niemand weiß, aus welchem Bereich der wirklich große Wurf kommen kann. Nur Deutschland hat sich festgelegt: Der Fortschritt muss aus dem Strombereich kommen. Und zwar bis spätestens zum Jahr 2022, wenn das letzte Atomkraftwerk vom Netz gehen soll. Klappt das nicht, hat Deutschland immer noch eine Menge Optionen. Es kann sich wieder auf Kohle und Gas verlassen. Es kann seine eigenen Atomkraftwerke länger laufen lassen. Es kann mehr Atomstrom aus den Nachbarstaaten importieren. Es kann auf seine Klimaziele pfeifen. Nur: All das hat dann eben nichts mehr mit der Energiewende zu tun. Sondern damit, dass manche Gleichungen nicht mehr aufgehen.

Service
   Heftbestellung / Abo
   Termine
   „et“ online lesen
   Shop
   Verlagsverzeichnis
   Jahresinhalte
   Mediadaten
   "et" für Autoren
   Kontakt

Energiekarriere

Das neue Karrieremagazin energiekarriere jetzt kostenlos lesen!
Energiekarriere
Online lesen
Download als PDF


Sommer-Special 2017

Intelligente Energieinfrastruktur

Jahrgangs-CD

Suche

Aktuelles Heft
Inhalt der Ausgabe 9/2017
Schwerpunkt: Digitale Transformation
Globale CO2-Emissionen: Noch kein Durchbruch, aber Zeichen einer Trendumkehr mehren sich
Digitalisierung: Herausforderungen für Energieversorger; Predictive Analytics
Akzeptanz: Governance bei Windenergie, Industrielastmanagement
mehr...
 
EW Medien und Kongresse GmbH
Montebruchstraße 20 | D-45219 Essen | Telefon: +49 (02054) 9532-0 | Telefax:  +49 (02054) 9532-60

Aktuelles Heft  | Zukunftsfragen  | Topthema  | Weitere Themen  | Termine  | Heftbestellung  | Mediadaten  | Ansprechpartner

Copyright 2012 by ONexpo  |  anmelden  |  Impressum |  AGB