Samstag, 18. November 2017
-   Der Kommentar
Neuer Weltmeister

Wieland Kramer

Der et KommentarDeutschland wird neuer Weltmeister. Vielleicht nicht im Ballspiel, sicher jedoch beim effizienten Energieeinsatz. Energieeffizienz gehört zur Gruppe der Begriffe, die pure Positivität ausstrahlen. Energieeffizienz ist modern und klingt deutlich weniger bieder als Sparen. Effizienz hat eine natürliche Verwandtschaft zu Trendwörtern wie smart, nachhaltig oder intelligent. Andererseits lässt der Begriff Raum für Regulierungs- und Steuerungswünsche durch Staat und Gesellschaft. Energieeffizienz ist zudem kein Zustand, sondern ein Prozess. Die Forderung nach (noch) mehr Energieeffizienz ist praktisch unbegrenzt wiederholbar. Irgendwas geht irgendwo immer. Mit einem Wort: Energieeffizienz ist das ideale Handlungsfeld für Politik, Umweltverantwortliche und Wachstumskritiker. Folgerichtig geht es der Bundesregierung bei der Steigerung der Energieeffizienz viel zu langsam voran. Abhilfe soll noch in diesem Jahr der erste Nationale Aktionsplan Energieeffizienz bringen. Nur mit Mühe vermag der Bundesenergieminister seine Effizienzexperten an der Startlinie zu halten, zuerst muss das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) alle parlamentarischen Hürden nehmen. Doch nach der parlamentarischen Sommerpause haben die Effizienzsteigerer freie Bahn. Im Zentrum der Effizienzstrategie steht – es kann kaum verwundern – die Industrie. Nicht wenige Beamte freuen sich schon, den Unternehmen die Rechnung für den umstrittenen Paragraphen 61 des neuen EEG – die besondere Ausgleichsregelung – zu präsentieren.

Mit knapp 2 600 Petajoule entfallen rund 29 Prozent des gesamten Endenergieverbrauchs in Deutschland auf Industriebetriebe. Seit 1991 ist die temperaturbereinigte Endenergieproduktivität der gewerblichen Wirtschaft jahresdurchschnittlich um 1,08 Prozent gestiegen. Je stärker die vorhandenen Potenziale ausgeschöpft werden, desto mehr machen sich konjunkturelle Schwankungen und Innovationszyklen bemerkbar. Deutliche Einbrüche in der Endenergieproduktivität sind 2003 und 2009, zwei Jahre mit schwacher Konjunktur, zu erkennen. Wenn bei den Berechnungen der Energieeffizienz der Einfluss des Wetters unberücksichtigt bleibt, sind die Werte kaum brauch- und vergleichbar. Energieeffizienz ist weder schnell noch in großen Schritten erreichbar. Die Bundesregierung möchte die gesamtwirtschaftliche Energieproduktivität auf einen Wert von über 2 Prozent im Jahr anheben. Angesichts der schwachen Investitionsneigung in der Grundstoffindustrie und speziell bei den energieintensiven Unternehmen halten Experten eher einen Wert von 0,5 Prozent für realistisch. Potenziale für Steigerungen der Energieeffizienz sieht die Bundesregierung in der Verwendung von elektronischen Anlagensteuerungen für optimierte Prozessabläufe oder in der Rückgewinnung von Wärme und Rohstoffen. In der Industrie werden diese Potenziale bereits als weitgehend ausgeschöpft betrachtet. Energiemanagementsysteme und Benchmarks für den Stromeinsatz sollen jetzt die unterschiedlich bewerteten Potenziale erschließen.

Hilfreich für die erwartbar konfliktorientierte Effizienz-Diskussion ist ein Blick auf den Bewertungsmaßstab. Die Energieeffizienz ist ein Index. Der Endenergie- oder der Stromverbrauch wird ins Verhältnis zu einer ökonomischen Größe gesetzt. Letztere steht in nahezu beliebiger Zahl zur Verfügung und reichen von einer wertmäßig bestimmten wirtschaftlichen Leistung, über die Bruttowertschöpfung bis hin zu den Beschäftigten. Selbstverständlich lässt sich auch der Kreis der Betroffenen von der gesamten Volkswirtschaft über Gewerbezweige bis zu einzelnen Branchen variieren. Es ist nicht schwer zu prognostizieren, dass wir in Zukunft eine babylonische Mischung von Effizienzkennzahlen zu bewerten haben.

Wie schwierig es mit der Energieeffizienz und ihrer Kommunikation ist, musste zum Jahresbeginn die deutsche Braunkohlenindustrie erfahren. Die Stromerzeugung des Braunkohlen-Kraftwerkparks lag 2013 mit 162 Milliarden Kilowattstunden um 1,5 Prozent über dem Wert des Vorjahres. Die öffentliche Empörung über die Ausweitung der klimaschädlichen Braunkohlenverstromung war eine Kritik ohne Grundlage. Die Förderung von Braunkohle wies zwar ebenfalls eine Veränderungsrate von 1,5 Prozent auf, allerdings nach unten. Neue Blöcke im Rheinland und in der Lausitz erzeugen den Strom deutlich effizienter als ihre stillgelegten Vorgänger. Das Beispiel Braunkohle sollte den Adressaten einer engagierten Effizienzpolitik eine Warnung sein. Selbst Erfolge können in der öffentliche Debatte in ihr Gegenteil verkehrt werden, wenn gewerbliche Investition und gesellschaftliche Erwartungshaltung einander nicht entsprechen.

Ein Schlüsselfaktor für weitere Fortschritte bei der Energieeffizienz ist der Faktor Kapital. Mehrere Umstände sorgen für eine gewisse Besorgnis. Die Nettoinvestitionsquote der deutschen Industrie bewegt sich seit mehr als einem Jahrzehnt nur knapp über der Nulllinie. Bei den besonders energieintensiven Unternehmen herrscht Investitionsattentismus. Der Weg in eine energieeffiziente Zukunft sieht anders aus. Bei den Energieversorgern, vor allem mittleren und kleineren, häufen sich die Anfragen nach Contracting-Lösungen. Kalkulierbare Betriebskosten und die Entlastung von hohen anfänglichen Kapitalkosten sind nicht nur für kleinere und mittlere Unternehmen bei komplexen Fragestellungen attraktiv. Doch es fehlt an qualifiziertem Personal für die anspruchsvolle technisch-wirtschaftliche Umsetzung. Wenn der Nationale Allokationsplan Energieeffizienz der Bundesregierung nicht mit ausreichend Investitionskraft und Know-how hinterlegt wird, könnte sich der Effizienz-Index als überraschend träge erweisen.

Service
   Heftbestellung / Abo
   Termine
   „et“ online lesen
   Shop
   Verlagsverzeichnis
   Jahresinhalte
   Mediadaten
   "et" für Autoren
   Kontakt

Energiekarriere

Das neue Karrieremagazin energiekarriere jetzt kostenlos lesen!
Energiekarriere
Online lesen
Download als PDF


Sommer-Special 2017

Intelligente Energieinfrastruktur

Jahrgangs-CD

Suche

Aktuelles Heft
Inhalt der Ausgabe 11/2017
Schwerpunkt: Sektorenkopplung
Netzentgelte/Umlagen: Effektive Klimapolitik erfordert eine systemische Reform
Energiewende: Welchen Beitrag kann die Gasinfrastruktur leisten?
Verkehr: Wasserstoff – Energie der Zukunft?
mehr...
Anzeige
 
EW Medien und Kongresse GmbH
Montebruchstraße 20 | D-45219 Essen | Telefon: +49 (02054) 9532-0 | Telefax:  +49 (02054) 9532-60

Aktuelles Heft  | Zukunftsfragen  | Topthema  | Weitere Themen  | Termine  | Heftbestellung  | Mediadaten  | Ansprechpartner

Copyright 2012 by ONexpo  |  anmelden  |  Impressum |  AGB