Samstag, 18. November 2017
-   Der Kommentar
Deutschland in der Rohstoff-Falle

Dr. Martin Kessler, Leitender Redakteur Politik, Rheinische Post, Düsseldorf

Der et KommentarDer wichtigste Rohstoff Deutschlands ist das Wissen, die Innovationskraft und die Ausbildung seiner Bürger. Damit bezahlt Deutschland seine Importrechnung an materiellen Rohstoffen und erzielt noch einen hohen Überschuss. In einer friedlichen, rein auf wirtschaftlichen und kulturellen Austausch ausgerichteten Welt würde dieser Handelsvorteil völlig ausreichen. Um die Abhängigkeit von materiellen Rohstoffimporten müsste sich Deutschland keine Gedanken machen. Leider ist die Welt nicht friedlich, wie die jüngste Ukraine- und die noch jüngere Irak-Krise wieder deutlich zeigen. Und Deutschlands Wirtschaft ist massiv auf Rohstoffe angewiesen, die oft aus eher unruhigen und unfriedlichen Regionen kommen. Rund 100 Milliarden Euro zahlen die Deutschen jährlich für Energieimporte – vor allem Rohöl und Erdgas. Aber auch Kohle, Erze und die in einer arbeitsteiligen Industrie so wertvollen Metalle wie Chrom und Platin sowie Seltene Erden sind in allen möglichen Erdteilen, nur nicht in Deutschland zu finden. Vor allem die Metalle sind strategisch so wichtig, dass Ausfälle die Wirtschaft lahmlegen könnten. In der Importstatistik spielen die nichtenergetischen Rohstoffe zwar eine untergeordnete Rolle. „Wenn sie fehlen“, sagte jedoch einmal der frühere Industriepräsident Jürgen Thumann, „dann stehen bei uns die Räder still.“

Die Amerikaner und Chinesen, die trotz eigener Energie- und Bergbaukapazitäten stark von Importen abhängig sind, haben die Rohstoffpolitik zur zentralen strategischen Aufgabe ihrer Außenpolitik gemacht. Das schließt sogar militärische Optionen mit ein. In Deutschland gibt es zwar auch eine Rohstoffstrategie mit eigenen Think Tanks und Referaten in den entsprechenden Ministerien. Verglichen mit den USA und China wird die Rohstoffpolitik allerdings hierzulande eher stiefmütterlich behandelt. Auf europäischer Ebene ist sie fast nicht vorhanden. Es ist klar: Die deutsche Politik muss sich mehr Gedanken über ihre Rohstoffabhängigkeit machen. Da militärische Optionen ausscheiden, braucht die deutsche Rohstoffstrategie ein intelligentes Design. Der Grundsatz muss sein, zunächst die Märkte wirken zu lassen. Da Preise die besten Knappheitsindikatoren sind, zeigen steigende Rohstoffpreise die Gefahren am besten an. So führen höhere Kraftstoffpreise zu verbrauchsärmeren Motoren, höhere Energiepreise zu ressourcensparender Produktion.

Seit 2001 haben die Preiserhöhungen von mineralischen und metallischen Rohstoffen der deutschen Wirtschaft Zusatzkosten von 100 Milliarden Euro beschert. Das hat der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) ausgerechnet. Die Industrie hat die Preiserhöhung aber vergleichsweise gut verkraftet, weil alternative und ressourcensparende Technologien zur Verfügung standen. Die aufwendige Wiedergewinnung seltener Rohstoffe ist dafür nur ein Beispiel. Doch allein auf marktwirtschaftliche Mechanismen darf sich die Politik nicht verlassen. Denn trotz der Preiserhöhungen hat die Abhängigkeit von Rohstoffen zugenommen. Deutschland gibt in seiner Importrechnung 20 Prozent für mineralische und metallische Rohstoffe aus. Vor 15 Jahren waren es nur 13 Prozent. Mit anderen Worten: Die deutschen Exporte müssen diesen Unterschied kompensieren, die relativen Preise haben sich hier zu Ungunsten der Bundesrepublik verschoben.

Zugleich ist Deutschland vor allem bei seinen Energieimporten von Ländern wie Russland und dem Erdölkartell OPEC abhängig. Das sind Länder, bei denen nicht auszuschließen ist, dass sie die Abhängigkeit der Empfänger von diesen Importen als Waffe einsetzen. Ob sie es freilich tun, ist eine zweite Frage. Denn Russland schädigt sich bei einem Gas- und Ölboykott gegenüber dem Westen selbst mehr als die Abnehmerländer. Bislang hält sich Moskau deshalb eisern an die geschlossenen Verträge. Zudem hat die Bundesrepublik einige Fortschritte gemacht, bei Gas- und Öllieferungen von unsicheren Lieferländern nicht zu stark abhängig zu sein. So lag der Anteil des Nahen Ostens bei den Öllieferungen im Jahr 1990 bei fast 20 Prozent, jetzt sind es noch vier Prozent. Die Hälfte der Erdgasimporte kam 1990 aus Russland, jetzt sind es zwar noch immer 38 Prozent, aber damit deutlich weniger. Diese Diversifizierungsstrategie muss weitergehen. Deutschland muss mehr Flüssiggas aus anderen Lieferländern einsetzen, über Pipelines nach Kanada nachdenken und dem Fracking, der Gewinnung von Gas und Öl aus Schieferschichten, zumindest eine Chance geben. Da sind in erster Linie die Gas- und Ölkonzerne gefragt, für die eine Diversifizierungsstrategie überlebenswichtig ist. Aber der Staat muss hier Anreize setzen, ja sogar auf eine stärkere regionale Verteilung der Quellen aktiv hinwirken.

Schließlich braucht Deutschland eine strategische Planung, die Krisenszenarien einschließt und die Forschung nach alternativen Rohstoffen verstärkt. Ein Land, das aus der Kernenergie aussteigt und fossile Energieträger nicht mehr verfeuern will, braucht dies umso mehr. Das heißt, wir müssen über Rohstoffabbau im Meer und in der Arktis nachdenken, ohne die Umwelt zu sehr in Mitleidenschaft zu ziehen. Für diese Strategie ist Deutschland freilich zu klein im Weltmaßstab. Deshalb ist die Europäische Union die angemessene Ebene. Der polnische Premier Donald Tusk hat Recht, wenn er dies dringend anmahnt – und zwar nicht nur im Angesicht der aktuellen Krise um die Ukraine. Doch ausgerechnet hier ist bislang wenig auf EU-Ebene vorzeigbar. Das muss sich schnell ändern, wenn Deutschland die gefährliche Rohstoff-Flanke schließen will.

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