Montag, 27. März 2017
-   Der Kommentar
Innovationskraft nutzen

Udo Rettberg, Publizist und Journalist, Frankfurt am Main

Der et KommentarDeutschland ist nicht gerade reichlich mit traditionellen, fossilen energetischen Rohstoffen ausgestattet. Die Abhängigkeit von Importen stellt eine Gefahr für die Produktionsabläufe dar, wie sich derzeit im Ukraine- und Nahost-Konflikt zeigt. Die hiesige Wirtschaft ist daher gezwungen, Lösungen zum Erhalt ihrer internationalen Wettbewerbsfähigkeit anzustreben. Das ist eine riesige Aufgabe, die vor allem den Geist der Menschen herausfordert. Doch es gibt Grund zum Optimismus. Denn deutschen Tüftlern und Ingenieuren ist es bei den unzähligen ökonomischen und politischen Herausforderungen der Vergangenheit immer wieder gelungen, Lösungen zu präsentieren. Daher ist Zuversicht angesagt, dass dies auch bei der so wichtigen Frage der Energieversorgungssicherheit gelingen wird.

Sowohl in Europa als auch in Deutschland wird zum Beispiel die Frage der Energieversorgungssicherheit meist nicht langfristig genug überdacht und diskutiert. Das gilt auch für die von den Rohstoff-Experten des „Club of Rome“ und anderen Think Tanks aufgezeigte Peak-Oil-Theory. Der Zeitpunkt des Förderhöhepunktes des traditionellen Rohstoffs Erdöl ist nicht zuletzt durch moderne Technologien bei der Entdeckung und Förderung von Schieferöl und -gas auf allen Kontinenten während der vergangenen Jahre weiter in die Zukunft geschoben worden. Das aber bedeutet konkret: Die Menschheit hat mehr Zeit für neue und innovative Energielösungen gewonnen. Das energetische Zieldreieck Versorgungssicherheit, Klimaschutz und menschliche Gesundheit erfordert allerdings weitere technologische Innovationen. Und gerade hier hat Deutschland während der vergangenen Jahre mit seinen Stärken geprotzt. Die so genannte Energiewende beruhte unter anderem auf den Visionen und der technologischen Stärke Deutschlands. Zwar ist die Energiewende in ihrer anfänglichen Ausgestaltung gescheitert – aber das war auch nicht anders zu erwarten.

Schließlich muss sich die deutsche Wirtschaft im harten globalen Wettbewerb behaupten und sich immer wieder neuen Herausforderungen stellen. Wer wie die Bundesregierung politische Märchenstunden dazu nutzt, die Elemente der Marktwirtschaft in der Energiepolitik zu ignorieren, darf sich nicht wundern, wenn ihm die unüberlegten Beschlüsse wegen der letztlich dann doch wirkenden Kräfte des Marktes – des globalen Konkurrenzdrucks nämlich – schlichtweg um die Ohren fliegen. Die Regierung ist mit ihrer Energiewende wie erwartet stur gegen Energiewände gelaufen. Jetzt kann es in Deutschland nur darum gehen, aus den Stärken der Vergangenheit zu lernen und den Verstand einzusetzen. Wenn mit Ausnahme der ungeliebten Kohle und des bei den Bürgern verteufelten Schiefergases in einem Land wie Deutschland kaum Primär-Energierohstoffe zur Verfügung stehen, dann muss eben auf erneuerbare Energieträger gesetzt werden. Das heißt: Die deutsche Wirtschaft muss beim Einsatz erneuerbarer Energieträger wettbewerbsfähig bleiben und die Regierung muss in der Frage des Klimaschutzes einen globalen Konsens anstreben, um gleiche Wettbewerbsbedingungen für alle zu schaffen.

Die Bundesregierung kann – wie so oft in den vergangenen Dekaden – darauf setzen, dass die deutschen Unternehmen auf technologischem Gebiet ihre Innovationsfähigkeit weiterhin unter Beweis stellen werden. Das gilt für die Solar- und Windenergie ebenso wie für Bioenergie und andere Segmente. Aber nicht nur dort: Es ist zu erwarten, dass es irgendwann in nicht allzu ferner Zeit gelingt, Energie dauerhaft speicherbar zu machen. Gelingt dies, ist ein Quantensprung in der Geschichte der Menschheit erreicht. Und wenn Politiker immer wieder erklären, Atomenergie sei vom Menschen nicht beherrschbar, dann ist auch das nur eine Aussage, die möglicherweise in einigen Jahren wegen neuer Erfolge in der Forschung und technologischer Innovationen keine Gültigkeit mehr haben dürfte.

Das Thema Energieeffizienz ist für die deutsche Volkswirtschaft ein Segensbringer. Mit dem Zusatz „smart“ umschriebene moderne Energie-Technologien helfen zum Beispiel punkt- und zeitgenau, den Energieverbrauch zu steuern und damit auf Dauer zu senken. Gemeinsam mit dem notwendigen Ausbau moderner grenzüberschreitender Netze ist Smart Energy ein weiterer Weg, die globale technologische Führungsrolle der hiesigen Wirtschaft zu untermauern. Dies vor allem auch mit Blick auf die zunehmende, vom Kunden geforderte Individualisierung von Stromprodukten.

Wirtschaft und Politik sind in Zukunft am Energiemarkt zu einer noch engeren Zusammenarbeit aufgefordert. Dass es die Wirtschaft dabei schwer hat, ist bekannt. Kommt es zum Beispiel bei der Schaffung der technologischen Infrastruktur in diesem Hochfrequenz-Zeitalter der modernen Telekommunikation zu Blackouts, laufen die Unternehmen Gefahr, von der Politik erneut den Schwarzen Peter zugeschoben zu bekommen.

Es kann nicht schaden, sich hin und wieder eines Paradoxons zu erinnern und nicht zu vergessen, dass die Energiewirtschaft die wohl einzige Industriebranche ist, die ihre Kunden auffordert, beim Energieverbrauch sparsam zu sein. Dieser Industriezweig begrenzt auf diese Weise also selbst seine Umsatz- und Ertragschancen. Das mag sich unter Umständen dann ändern, wenn es durch technologische Innovation gelingt, Strom dauerhaft speicherbar zu machen. Aber die Politik muss endlich begreifen, dass die Versorger kein Spielball unterschiedlicher parteipolitischer Interessen sein dürfen.

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