Donnerstag, 27. April 2017
-   Der Kommentar
Leerstelle im großen grünen Energiewende-Narrativ

Ursula Weidenfeld

Der et KommentarZum großen grünen Narrativ der Energiewende gehört der Satz: „Wenn wir das in diesem Land ordentlich machen, wird eines Tages die ganze Welt bei uns das Know-how, die Technologie und die Anlagen für erneuerbare Energien kaufen.“ So sagt es die Kanzlerin gerne, wenn sie um die Zustimmung der Bürger fürchten muss. Und so formuliert es auch Wirtschaftsminister und Vizekanzler Sigmar Gabriel, wenn schon wieder eine neue umlagefinanzierte Ausgleichsmaßnahme unbeabsichtigte Folgen der Energiewende überdecken soll.

Nicht von ungefähr erinnert das Mantra der Bundesregierung ein bisschen an die Heilsversprechen der Kirchen: Tue auf Erden Gutes, nimm auch mal Nachteile in Kauf, dafür wirst Du später reich belohnt. Oder: Zahle im Inland viel mehr Geld für grünen Strom als Bürger anderer Länder, dafür werden Deine Kinder und Enkel später in der Exportwirtschaft glänzend verdienen.

Natürlich ist ein solches Versprechen Unsinn, jedenfalls, wenn es sich auf die Energiewende bezieht. Schon bei der Photovoltaik wurde das überdeutlich. Zuerst wurden Hersteller von PV-Paneelen mit Subventionen gefördert, der garantierte Einspeisepreis machte auch den Aktionären großen Appetit. Mit dem Erfolg der Branche wanderte die Massen-Produktion in die Schwellenländer, die Preise verfielen, die Produktionsstätten in Deutschland brachen zusammen.

Die Wahrheit ist: Für die Exportwirtschaft ist die Frage der Technologieführerschaft wichtiger als die Frage, wo am Ende produziert wird. Deshalb ist es aber auch entscheidend, dass der Staat bei der Energiewende keine Anreize setzt, die den Markt verzerren. Genau das aber passiert: Die Wind- und Photovoltaik-Technologie entwickelt sich prächtig, andere Quellen erneuerbarer Energie – wie etwa die Wasserkraft – dagegen werden vernachlässigt, weil sie sich im Förderregime der deutschen Energiewende nicht mehr lohnen.

Vernünftig wäre es, zwei Anliegen zu unterscheiden: Erstens den möglichst reibungslosen Umbau des deutschen Energiemixes im Zuge der Energiewende, und Zweitens gute und marktneutrale Rahmenbedingungen für die energiewirtschaftliche Exportindustrie zu schaffen. Die erste Aufgabe hat die Bundesregierung inzwischen erkannt und angenommen. Sie versucht die Kosten der Energiewende in den Griff zu bekommen. Sie hat sich mit dem neuen Erneuerbare-Energien-Gesetz auf Wind und Sonne als Energielieferanten konzentriert.

Der zweite Teil der Aufgabe aber hat es bisher nicht einmal auf die To-Do-Liste der Regierung geschafft. Wasser und Biomasse beispielsweise wurden wegen ihres geringen Potenzials für den deutschen Energiemix aus dem Fördersystem verbannt. Dabei ist zumindest das Potenzial der Wasserkraft für den Klimaschutz von entscheidender Bedeutung, wenn man über die Grenzen Deutschlands und Europas hinausschaut.

Zwar gäbe es in Deutschland selbst tatsächlich noch Potenzial für Talsperren, Pumpspeicher- oder Flusskraftwerke. Es gibt aber wenig Aussichten, es ausschöpfen zu können: Die Bürger sind nicht erfreut, wenn ein neues Pumpspeicherwerk gebaut werden soll. Deshalb plant man lieber keines mehr und beschränkt die Investitionen auf das Aufrüsten bestehender Kraftwerke. Andere europäische Staaten – Norwegen, Schweden, Österreich, Schweiz, Italien und Frankreich – nutzen das vorhandene Potenzial schon weitgehend aus.

Doch weltweit ist die Wasserkraft eine der wichtigsten erneuerbaren Energiequellen. 16 Prozent des Weltenergiebedarfs werden heute von Wasserkraftwerken geliefert, doch wird weltweit nur rund ein Fünftel des gesamten Potenzials genutzt. Vor allem die sich schnell entwickelnden Schwellenländer China, Indien, Brasilien, Russland und Südafrika könnten einen großen Teil ihres wachsenden Bedarfs an Energie aus Wasserkraft decken, analysiert die Internationale Energieagentur.

Längst sind es nicht mehr nur die Mega-Talsperren und großen Flusskraftwerke, in denen die Wasserkraft nutzbar gemacht werden kann. Viele kleine technologische Neuerungen machen auch die lokale Nutzung von Strom aus Wasser in vielen bislang wenig entwickelten Regionen der Welt attraktiv. Würde der Energiehunger dieser Länder wenigstens teilweise durch Wasserkraft gestillt, könnten enorme Mengen an CO2 eingespart werden – mehr als mit noch mehr Wind und Sonne in Deutschland.

Es gäbe also viele gute Gründe, Stromerzeugung aus Wasserkraft wohlwollend zu begleiten, den Investitionen, der Forschung und Entwicklung auf diesem Gebiet besondere Bedeutung zuzumessen. Jedenfalls dann, wenn man die Sache wirklich gut machen und eines Tages die ganz Welt mit Know-how und Innovationen versorgen wollte.

Doch diese kleine Geschichte ist im großen grünen Narrativ der Bundesregierung nicht vorgesehen. Der Forschungsbericht zu den erneuerbaren Energien aus dem Haus des Vizekanzlers protokolliert bei der Wasserkraft eine Fördersumme von gerade einmal 3,2 Millionen Euro. Das ist nicht einmal ein Prozent des Gesamtvolumens.

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