Freitag, 23. Juni 2017
-   Der Kommentar
Die Innovationsfähigkeit lässt nach

Ursula Weidenfeld

Der et KommentarBegeisterte Autofreunde haben sich auf der Detroiter Autoschau im Januar prächtig amüsiert. Größer waren die Autos nie, schneller und stärker motorisiert auch nicht. Nur wenige nachdenkliche Besucher bemerkten, dass etwas fehlte: Es gab nur ein einziges wirklich neues Modell mit alternativen Antriebssystemen. Alle anderen präsentierten schon bekannte Technologien. Selbst in einer der innovativsten aller Branchen macht der Fortschritt gerade ein bisschen Pause, wenn es um alternative Energien und E-Mobilität geht. Noch viel trauriger sieht es bei den anderen Beteiligten der Energiewende-Wirtschaft aus. Im Herbst des vergangenen Jahres stellte das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln seine Innovationsampel für die Branche erstmals auf Rot. Der Tenor der Wissenschaftler: Die Branche steckt zu wenig eigene Energie in die Forschung, sie fällt zurück.

Dabei sind Innovationen, wenn man sie ökonomisch betrachtet, eine ziemlich einfache Sache. Eine Gesellschaft stellt sich einer Herausforderung, zum Beispiel dem Klimawandel, oder dem Atomausstieg, oder beidem. Wissenschaftler erforschen, wie diese Herausforderung zu bewältigen ist. Sie bekommen dafür mehr Forschungsmittel von der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt. Unternehmen forschen und investieren gleichzeitig auf eigene Kosten und eigene Rechnung – und nach wenigen Jahren ist die neue Herausforderung mittels Fortschritt bewältigt. Niemand muss sich einschränken, eine Verzichtsdebatte wird nicht geführt. So war es bisher immer, und so sollte es auch mit der Energiewende und dem Klimaschutz passieren. Innovationen werden alles lösen, so versichern uns Visionäre wie Jeremy Rifkin, Sozialdemokraten und Wirtschaftspolitiker wie Sigmar Gabriel und grüne Vordenker wie Ralph Fuecks von der Heinrich-Böll-Stiftung.

Kann sein, dass sie Recht haben, wenn man sich die Sache langfristig anschaut. Doch kurzfristig betrachtet scheint das Gegenteil zu passieren. Die Gesellschaft stellt sich zwar brav der Herausforderung, sie gibt den Wissenschaftlern sogar reichlich Geld, damit sie flott arbeiten. Nur: Die liefern nicht. Gerade einmal vier Prozent der in Deutschland angemeldeten Patente kommen noch aus dem Bereich der sauberen Energien. 2012 waren es noch 5,5 Prozent. Es sieht nicht so aus, als würden Innovationen auch diesmal die Arbeit machen. Auch der Energiewende-Monitor des Bundesverbandes der Deutschen Industrie registriert ein deutliches Nachlassen der Innovationsfähigkeit der Branche, und das seit mittlerweile drei Jahren.

Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim stellte in seinem Innovationsindikator ebenfalls verdattert fest, dass die Resultate der Forschungsförderung seit Jahren zu wünschen übrig lassen – und zwar proportional zum wachsenden Engagement. Dumm nur, dass der politische Zeitplan keine Wartezeiten für den Fall vorsieht, dass die Forschung nicht schnell genug ist. Dumm auch, dass den Hightech-Strategen nur ein einziges Mittel gegen die akute Schwäche einfällt: noch mehr Geld, noch mehr Stellen, noch mehr Hightech-Pakte. Dabei ist ein Mangel an Unterstützung wahrscheinlich nicht das Problem. Eher ein Zuviel an Subventionen, Protektionismus, Paternalismus. Was für eine lausige Bilanz!

In anderen Ländern spielt in energiewirtschaftlichen Themen die Musik abseits von E-Mobility, Power-to-was-auch-immer, Smart Grid: Neuartige Methoden erlauben dort das Ausbeuten immer unkonventionellerer Energie zu immer niedrigeren Preisen. Unter den neun meistversprechenden Ideen für Innovationen im Jahr 2015 nennt das Wissenschaftsmagazin „Spektrum der Wissenschaft“ allein drei aus dem Bereich der Energiewirtschaft: Eine Mini-Brennstoffzelle ist dabei, ein Verfahren zur drahtlosen Übertragung von Energie in Akkus, und Batterien, die sich schon durch Umgebungswärme ab 50 Grad Celsius aufladen lassen. An zwei dieser Innovationen arbeiten Forscher aus den USA, eine wird in Saudi-Arabien weiterentwickelt. Keine davon liegt in einem Wahrnehmungsspektrum, das in Deutschlands Energiewendepolitik im Augenblick innovationspolitisch erwünscht wäre.

Weniger als fünf Prozent des Umsatzes der deutschen Elektrotechnik-Branche werden mit Neuheiten gemacht, die jünger als drei Jahre sind. Warum soll man in neue Verfahren investieren, wenn man nicht weiß, ob und wie lange man sie anwenden darf? Wie sollen Firmen, die durch die Energiewende am Rand ihrer Überlebensfähigkeit arbeiten, revolutionäre Innovationen hervorbringen? Bei den Profiteuren der Energiewende hat die Distanz noch einen anderen Grund: Warum forschen, wenn es wegen der Preisgarantien gar nicht nötig ist, ins Risiko zu gehen?

Es gibt natürliche Feinde der Innovation: Politischer Determinismus ist einer davon. Größenwahn und Subventionierung sind andere. Die Gesellschaft wird sich mit dem Gedanken anfreunden müssen, den Klimaschutz eigenhändig zustande zu bringen: durch altmodisches Energiesparen, uninspiriertes Fensterisolieren, nervige Fahrgemeinschaften. Ziemlich langweilig. Aber dafür darf sie sich dann auch ein bisschen Geld in der Forschungsförderung sparen.

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