Mittwoch, 29. März 2017
-   Der Kommentar
Rückbesinnung auf die Industrie

Hans-Willy Bein

Der et KommentarDas Rückgrat der deutschen Wirtschaft ist die starke Industrie. Mehr als 22 Prozent der volkswirtschaftlichen Leistung werden von ihr erbracht. Eine solche Konfektionierung der Wirtschaft galt vor allem in den angelsächsischen Ländern lange Zeit als „old fashioned“. Diese Einstellung hat sich indessen spätestens seit der Finanzkrise 2008/2009 geändert. Vor allem die stark auf Finanzdienstleistungen fixierten Volkswirtschaften mussten neidvoll zugestehen, dass Deutschland dank einer starken Industrie und deren Erfolge im Export relativ glimpflich durch die Krisenjahre gekommen ist und wirtschaftlich schnell wieder reüssierte. Die Vorzüge der hierzulande gewachsenen industriellen Strukturen zeigen sich in vielfältiger Weise. Beispiel Stahlbranche: Trotz starker Belastungen durch hohe Energiekosten schnitten die deutschen Stahlkocher im vergangenen Jahr besser ab als die europäische Konkurrenz. Waren die Kapazitäten der energieintensiven Hütten- und Walzwerke hierzulande zu 86 Prozent ausgelastet, lag der Auslastungsgrad im EU-Durchschnitt bei lediglich 78 Prozent, weltweit gar nur bei knapp 73 Prozent.

Deutschland profitiert von einer gut funktionierenden Wertschöpfungskette zwischen Großindustrie, mittelständischen Unternehmen und Kleinbetrieben und den vielfältigen und engen Verbindungen von Wirtschaft und Wissenschaft. Die Zusammenarbeit von Unternehmen mit Universitäten und sonstigen Forschungseinrichtungen ermöglichte eine stärkere Orientierung an den Bedürfnissen der Kunden bei der Entwicklung neuer Produkte. Jährlich werden deutschen Unternehmen rund 1 000 stahlbezogene Patente erteilt – etwa ein Drittel der Weltanzahl. Von den 2 500 Stahlsorten wurde mehr als ein Viertel in den letzten fünf Jahren neu- oder weiterentwickelt. Diese praxisbezogene Innovationsstärke verschafft den deutschen Stahlkochern international einen Wettbewerbsvorsprung. Das wird jenseits der Grenzen aufmerksam beobachtet. Längst hat in vielen Ländern eine Rückbesinnung auf die Industrie begonnen. Die EU-Kommission hat zum Ziel erhoben, den Anteil der Industrie an der volkswirtschaftlichen Leistung im EU-Schnitt auf 20 Prozent hochzuschrauben. Nur folgerichtig hat Brüssel die Beihilfeverfahren gegen Deutschland wegen der Entlastungen der energieintensiven Industrie von Teilen der EEG-Kosten eingestellt. Das passt ins Bild, selbstverständlich war der Schritt indessen nicht.

Nicht nur die Brüsseler, sondern auch die deutsche Politik ist nämlich keinesfalls frei von Widersprüchen. Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel nennt die Industrie selbst zwar das Rückgrat der Wirtschaft. Gleichwohl scheut er sich nicht, den Unternehmen immer neue Belastungen aufzuerlegen. So bringt die nach langen Diskussionen und vielen Entwürfen Mitte des vergangenen Jahres in Kraft getretene Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes nicht die immer wieder versprochene Reduzierung der Energiekosten. Im Gegenteil: Künftig ist bei Neuanlagen auch für selbst erzeugten und verbrauchten Strom EEG-Umlage zu zahlen. Und der Bestandsschutz für bestehende Eigenstromanlagen wurde auf zwei Jahre limitiert und soll dann neu geprüft werden. Das ist irrwitzig! Schließlich gewinnt die Stahlindustrie seit über 100 Jahren ihren Strom aus Kuppelgasen und Restenergien nachhaltig und ökologisch sinnvoll. Plötzlich aber wird die Eigenstromerzeugung verteufelt – und das ohne jeden erkennbaren Grund.

Deutschlands Stärke liegt nicht in zukunftsträchtigen Bereichen wie der Informations- oder Biotechnologie. Schlüsselbranchen sind vielmehr die Autoindustrie, der Maschinen- und Anlagenbau, aber auch energieintensive Industrien wie die Chemie oder eben der Stahl. Gerade diese Zweige gelten als Stromfresser und Klimakiller. Damit sind sie anfällig für allerhand bittere Pillen, mit denen die Politik Nörgler ruhig stellen will, denen die Energiewende offenbar nicht schnell genug umgesetzt wird. Dabei sind die Energieintensiven Basisindustrie für andere Branchen. So bedingen sich die Wettbewerbsstärke der deutschen Stahl- und der deutschen Automobilindustrie gegenseitig. Wenn den energieintensiven Zweigen in Deutschland der Boden entzogen wird, sind eben auch Schlüsselindustrien gefährdet. Das wird bei der Kritik an den „schmutzigen“ Industrien gerne ausgeblendet.

Dabei sollte der Einsatz nicht unterschätzt werden, mit dem die betroffenen Konzerne nach neuen Technologien und Verfahren forschen, um den Stromverbrauch in der Produktion zu drosseln und die CO2-Bilanz zu verbessern. Auch hierzu wieder ein Beispiel aus der Stahlindustrie: Der deutsche Branchenprimus ThyssenKrupp arbeitet mit verschiedenen Forschungseinrichtungen sowie Unternehmen unterschiedlicher Branchen aus der Chemie- und der Elektroindustrie und der Energiewirtschaft an einer klimaneutralen Stahlproduktion. Hüttengase aus dem Stahlwerk Duisburg, einschließlich des darin enthaltenen CO2, sollen als Ausgangsstoff für die Chemieproduktion genutzt werden. Vorstudien haben gezeigt, dass die Gase ausreichend Stickstoff und Wasserstoff enthalten, um daraus Ammoniak als Vorprodukt für Kunstdünger herzustellen. Nahezu das gesamte bei der Stahlproduktion frei werdende CO2 könnte danach umgewandelt werden. Unternehmen, die an solchen Entwicklungen tüfteln, dürfen nicht bestraft werden - nur weil sie in Deutschland zu Hause sind. Schließlich ist der plakativen Aussage von Ex-RWE-Chef Jürgen Grossmann wenig entgegenzusetzen: „Der Weltkrieg um die Erderwärmung entscheidet sich nicht in der deutschen Industrie.“

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