Montag, 24. April 2017
-   Der Kommentar
Gescheiterte Stromriesen

Werner Sturbeck, Wirtschaftsjournalist

Der et KommentarIn einem gut fünf Jahre anhaltenden Niedergang haben die einst am Kapitalmarkt gefeierten Publikumsgesellschaften E.ON und RWE schon mehr als 100 Milliarden Euro Vermögenswerte ihrer Aktionäre vernichtet. Doch es spricht einiges dafür, dass ihr Niedergang damit noch nicht überstanden ist. Noch vor einer Dekade erzeugten die vier größten deutschen Stromproduzenten fast 80 Prozent des hierzulande benötigten Stroms. Ihre Gewinne sprudelten. Heute stemmen sich E.ON, RWE, EnBW und Vattenfall verzweifelt gegen ihren Untergang. Sie büßten innerhalb weniger Jahre erheblich Marktanteile und noch weitaus stärker Ertragskraft ein.

Auf den ersten Blick sind die Stromproduzenten Opfer einer stümperhaften Energie- und Klimapolitik, die erhebliche Verwerfungen am Strommarkt ausgelöst hat. Aber ein Rückblick auf die verschwenderische Investitionspolitik nach dem Fall der regionalen Monopole zeugt von einer – dank voller Kassen – unheilvollen, weil überheblichen Strategie der Akteure. Hinzu kommen in den Unternehmenszentralen der vier Kernkraftwerksbesitzer erschreckende Defizite bei der Prognosefähigkeit und im Krisenmanagement. In den ersten Jahren nach der Strommarktliberalisierung 1998 wurde der aus Hunderten von Versorgern bestehende Markt durch Fusionen großer Regionalunternehmen neu geordnet. So entstand zunächst das Atom-Quartett mit 80 Prozent Marktanteil in der Stromerzeugung. Diese Verbundkonzerne waren ebenso dominant im Netz- und Vertriebsgeschäft. Angesichts dieser geballten Macht schien die Stunde der vielen kleinen und mittelgroßen Stadtwerke damals gezählt.

Schon im Jahr 1998 sind die Großhandelspreise stark gerutscht. Die Stadtwerke nutzten das zur eigenen Margenverbesserung. Dagegen gingen die Gewinne bei den großen Stromkonzernen in die Knie. So erwirtschaftete RWE im Jahr 2000 noch nicht einmal 500 Millionen Euro Überschuss. Die Verbundunternehmen reagierten schnell, stellten die Preiskämpfe um Großkunden ein und wetteiferten nun untereinander im Kraftwerksneubau. E.ON und RWE nutzten die Marktliberalisierung zudem mit gewaltigem Geldeinsatz zu einer breiten Ausdehnung in Europa. Die Konzentration auf die Erzeugung und das neue Preismodell bewährten sich alsbald. Atom- und Braunkohlekraftwerke wurden zur Goldgrube. So hatte RWE bis zum Jahre 2008 den Reingewinn auf 3,3 Milliarden Euro vervielfacht.

In der Erwartung, dass Elektrizität nach Abschalten der Kernkraftwerke und der alten fossilen Anlagen langfristig knapper und teurer werden würde, haben RWE und E.ON mit aufwendigen Übernahmen und gewaltigen Investitionen in Kohle- und Gaskraftwerke enorme Finanzschulden in Kauf genommen. Dafür überließen sie das regulierte, hohe Investitionen erfordernde Leitungsgeschäft mit seinen einstelligen Renditen gern anderen, weniger anspruchsvollen Eigentümern. Mit diesem auf die Erzeugung konzentrierten Geschäftsmodell sind die vier Verbundkonzerne gescheitert. Denn die üppigen Gewinnquellen waren auf einmal trocken. Der Staat schöpft die Atomgewinne mit der Kernbrennstoffsteuer ab. Außerdem leidet das Geschäft unter dem dramatischen Verfall der Großhandelspreise. Diese haben sich seit der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima in etwa halbiert. Die Terminkontrakte zeigen mittelfristig keine Besserung. Der Ökostrom verdrängt die für Verbrauchs- und Preisspitzen errichteten Gaskraftwerke.

So bieten die erfolgsverwöhnten Stromkonzerne nun ein jammervolles Bild. Die hochdotierten Vorstände haben bisher keine wirksame Gegenstrategie gefunden. Trotz massiver Sparprogramme und rigoroser Beteiligungsverkäufe ist keine Gesundung zu erkennen. Nun sollen die bislang wegen der schwächeren Margen vernachlässigten Netze und Vertriebsaktivitäten zur Hauptgewinnquelle geformt werden. Zumindest RWE und EnBW propagieren das als neues Geschäftsmodell. E.ON geht einen eigenen, aber im Grunde ähnlichen Weg. Der Düsseldorfer Energiekonzern will sich auf regenerative Erzeugung, Netze und Vertrieb konzentrieren. Der Rest soll mit den Großkraftwerken verselbstständigt werden. Wenn man den angekündigten Vorstoß der ehemaligen Verbundkonzerne in das Klein-Klein-Geschäft mit zig Millionen von Stromkonsumenten ernst nimmt, müsste man nun wirklich um die Zukunft der Stadtwerke besorgt sein. Aber das Quartett hat sein Pulver verschossen. Trotz tiefer Schnitte bei den Sachkosten und Arbeitsplätzen reicht das niedrige Strompreisniveau nicht für ein auskömmliches Geschäft.

In dieser schwierigen Wirtschaftslage sind neue politische Angriffe existenzgefährdend. Die Bundesregierung pflegt mit dem deutschen EEG ein Instrument, das mit seinem Einfluss auf Emissionszertifikate nicht zum Emissionshandel in der EU passt. Nun sollen Betreiber von alten Kohlekraftwerken nach den Vorstellungen von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel gesondert zur Kasse gebeten werden. Noch gefährlicher ist die Debatte über die Kernenergierückstellungen. Den Betreibern sind bisher regelmäßig in ertragsstarken Jahren höhere Rückstellungen als angeblicher Versuch der Steuerumgehung verwehrt worden. Auf einmal wird ihnen nun eine mangelhafte Vorsorge vorgeworfen und eine substanzielle Aufstockung gefordert. Solche Probleme werden die finanziellen Nöte der früheren Verbundkonzerne verschärfen. Somit ist es weniger interessant, ob die Verbundkonzerne mit ihrem neuen Geschäftsmodell im Massenmarkt erfolgreich sein und so die Stadtwerke verdrängen werden. Im Gegenteil: Viel gefährdeter ist die Zukunft von E.ON & Co.

Suche

Aktuelles Heft
Inhalt der Ausgabe 4/2017
Schwerpunkt: Zukunftsfragen
Energieeffizienz: Zukunftsfähigkeit von Heizsystemen
Zukunftsfragen: Energiewende und Klimaschutz; Zahlungsbereitschaft für grünen Strom
Energiespeicher: Wo ist der „Market Pull“ für Batteriespeicher?
mehr...
 
EW Medien und Kongresse GmbH
Montebruchstraße 20 | D-45219 Essen | Telefon: +49 (02054) 9532-0 | Telefax:  +49 (02054) 9532-60

Aktuelles Heft  | Zukunftsfragen  | Topthema  | Weitere Themen  | Termine  | Heftbestellung  | Mediadaten  | Ansprechpartner

Copyright 2012 by ONexpo  |  anmelden  |  Impressum |  AGB