Sonntag, 24. September 2017
-   Der Kommentar
Gewinner und Verlierer in Einem

Von Hans-Willy Bein, hwb medien, Köln

Der et KommentarBatterien kennt ein jeder – schon von Kindesbeinen an. Ohne die kleinen Stromspeicher tut sich bei der Taschenlampe, dem ferngesteuerten Spielzeugauto oder der sprechenden Puppe gar nichts. Deutschland galt einst als Hochburg der Batterie. Zuletzt hat sich in der Forschung hierzulande indessen nicht mehr allzu viel getan. Jetzt verlangen das Zukunftsthema Elektromobilität und der rasante Ausbau der erneuerbaren Energien aber nach neuen Speichertechnologien. Eine stärkere Beherrschung der Volatilität von Strom aus Sonne und Wind ist die Voraussetzung für ein effektives Lastmanagement und das wiederum ist für Industrien mit hohem Stromverbrauch unerlässlich. So kann es nicht verwundern, dass der Stahl- und Industriekonzern ThyssenKrupp als Unternehmen der energieintensiven Industrie an verschiedenen Prozessen und Verfahren zur effizienteren Speicherung von Strom arbeitet.

Als Beispiel sei die Redox-Flow-Batterietechnik genannt. Patente für diese Batterien gibt es schon seit den 1950er Jahren. Die Thyssen-Krupp-Ingenieure tüfteln jetzt daran, die aktiven Zellflächen massiv zu erweitern. Damit soll die Leistung der Batterien von derzeit 80 Watt auf 20 Megawatt gesteigert werden. ThyssenKrupp, dessen Stahlproduktion durch die als Folge des Umbaus der Energielandschaft stark gestiegenen Energiekosten massiv belastet wird, ist damit Verlierer und gleichzeitig Gewinner der Energiewende. Solche Zwitter gibt es viele.

Unternehmen und ihre Wirtschaftsverbände beschweren sich zwar bei jeder Gelegenheit über steigende Belastungen. Aber es wird nicht nur geklagt, sondern auch gehandelt. Unzählige Unternehmen haben die Zeichen der Zeit erkannt und machen sich den Zwang zur Energieeinsparung und zum Klimaschutz zunutze – in vielen Industrieländern der Welt, wie eine markante Kooperation aus jüngster Vergangenheit zeigt. Da hat sich der globale Stahlprimus ArcelorMittal mit dem auf Recycling von Kohlendioxid spezialisierten Unternehmen LanzaTech zusammengetan, um aus den Abgasen der Stahlwerke Bioethanol zu gewinnen. Eine erste Anlage soll im belgischen Gent gebaut werden, und der Stahlkonzern macht die Produktion von Bioethanol zu einem neuen Geschäftsfeld!

Es ist gut und sehr zu begrüßen, dass sich „alte“ Industriekonzerne nicht an ihren angestammten Produktionen festklammern und die Chancen nutzen, die der radikale Umbau der Energieerzeugung und -versorgung ihnen bieten kann. Das verändert die Industriewelt ein Stück weit. Aber es kann die heutige Gesellschaft nicht auf den Kopf stellen. Die Produktion wichtiger Güter des täglichen Lebens, auf die wir nicht verzichten wollen, ist mit einer Beeinträchtigung von Umwelt und Klima verbunden. Und daran wird sich auf absehbare Zeit nichts ändern.

Deutschland sieht sich gerne als Vorreiter in Sachen Klimaschutz und ein jeder steht hinter der Energiewende – jedenfalls wenn man öffentlichen Verlautbarungen und dem herrschenden Meinungsbild folgt. Offenbar verbinden aber viele Bundesbürger mehr negative Assoziationen mit dem Umbau der Stromversorgung als positive. Bei einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts forsa hatte es nur für 48 Prozent der 1 000 befragten Bürger Priorität, dass bei der Gestaltung der Energieversorgung Klimaschutzziele erreicht werden. 54 Prozent rechnen durch die Umsteuerung auf regenerative Energien mit zusätzlichen finanziellen Belastungen für Wirtschaft und Privathaushalte. Zu Recht.

Die neue Energiewelt mit der wachsenden Einspeisung von Solar- und Windstrom in die Netze setzt die Stromnotierungen an den Börsen unter Druck. In den vergangenen vier Jahren haben sich die Großhandelspreise in etwa halbiert. Das hat die Geschäftsmodelle der großen Energiekonzerne über den Haufen geworfen. Auch Stadtwerke mit konventionellen Kraftwerken, die vor Jahren oftmals dem Ruf der Politik gefolgt sind und ihren Erzeugungspark modernisiert haben, stecken in der Bredouille. Trotz der niedrigen Börsennotierungen zahlen Verbraucher durch hohe Stromumlagen aber kräftige Aufpreise. Das trifft Privathaushalte, aber natürlich ebenso die Großverbraucher der Industrie. Die von der Politik zugestandenen „Rabatte“ für Industriezweige mit hohem Stromverbrauch können diese Teuerungen nicht ausgleichen. Jetzt drohen mit den von der EU-Kommission vorgelegten Plänen für eine Reform des Emissionshandels weitere Belastungen.

Branchen, die im internationalen Wettbewerb stehen, wollte EU-Kommissar Miguel Arias Cañete mit weitreichenden Ausnahmen von der Verknappung der Emissionsrechte verschonen. Ob das mit den jetzt vorgelegten Maßnahmen gelingt, ist höchst zweifelhaft. Kein Wunder also, dass die Pläne der EU in der Industrie auf wenig Gegenliebe stoßen. Die deutsche Stahlindustrie behauptet sogar, die Verschärfung gehe an den „Nerv industrieller Wertschöpfung in Europa“. Die Branche befürchtet bis zum Jahr 2030 jährliche Zusatzbelastungen von 1 Milliarde Euro. Aber nicht nur die Stahlkocher beschweren sich. Die Klagen ziehen sich quer durch die energieintensiven Wirtschaftszweige. Damit gibt es offenkundig sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, welche Bürden die Industrie (noch) tragen kann. Der Hinweis, dass die EU-Pläne den Umweltverbänden viel zu dürftig sind, erübrigt sich an dieser Stelle.

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