Samstag, 18. November 2017
-   Der Kommentar
Zwei Strategien, ein Problem

Jürgen Flauger, Handelsblatt

Der et KommentarNun hat also auch RWE-Chef Peter Terium seinem Unternehmen einen tiefgreifenden Konzernumbau verordnet. Mitte August, gut acht Monate nach Konkurrent Johannes Teyssen, legte der Niederländer dem Aufsichtsrat seine Pläne für eine Verschlankung des Essener Energiekonzerns vor. Weil RWE im Gegensatz zu E.ON vorerst an der Stromproduktion festhalten soll, wird Teriums Strategie allerdings gerne als halbherzig beschrieben, während Teyssen in der Öffentlichkeit als großer Revolutionär gilt.

Tatsächlich aber müssen beide Energieriesen erst noch den Beweis antreten, dass sie die Herausforderungen, welche die Energiewende mit sich bringt, auch tatsächlich bewältigen können – und das gilt für RWE, aber eben auch für E.ON. Letztlich haben Terium und Teyssen bislang nur die Strukturen geschaffen, um besser in der neuen Energiewelt mitmischen zu können, auch wenn E.ON als Nummer eins auf dem deutschen Energiemarkt den ersten Schritt deutlich entschlossener gegangen ist.

Keine Frage, Teyssen hat aus den Turbulenzen auf dem Energiemarkt die denkbar radikalste Konsequenz gezogen. Weil die jahrzehntelange Dominanz der großen Atom-, Kohle- und Gaskraftwerke durch den Boom von Wind- und Solarenergie endgültig gebrochen ist und die Energiewelt immer dezentraler und grüner wird, konzentriert er die E.ON SE konsequent auf das Zukunftsgeschäft. Sie soll sich fortan auf die Bereiche fokussieren, die mit der Energiewende noch wachsen können – Vertrieb, Verteilnetze und erneuerbare Energien –, dort neue Wachstumsmöglichkeiten suchen und die neuen Konkurrenten abwehren. Das bisherige Kerngeschäft, die Stromproduktion, soll wiederum in der neuen Gesellschaft Uniper versuchen, möglichst viel von seiner einstmals überragenden Bedeutung zu erhalten.

Terium ist natürlich nicht so konsequent wie Teyssen. Auf den ersten Blick sieht es sogar so aus, als klammere sich RWE verzweifelt am alten Geschäftsmodell, der konventionellen Stromproduktion, fest. Tatsächlich zielt aber auch seine Strategie vor allem darauf ab, RWE auf die neue Energiewelt auszurichten. Terium durchschlägt radikal den Wildwuchs an Gesellschaften, der sich über die Jahre auf dem Heimatmarkt angesammelt hat. In Deutschland werden 30 von 90 GmbHs und drei von fünf Aktiengesellschaften aufgelöst, selbst die mächtige Zwischenholding RWE Deutschland oder die RWE Vertrieb AG bleiben nicht verschont. Viele Vorstände, Geschäftsführer und Aufsichtsräte werden dadurch überflüssig. Dagegen holt Terium die operative Steuerung zu sich in den Konzernvorstand. Vier Chief Operating Officer werden sich um die Steuerung der Sparten kümmern. Darunter ist zwar auch die konventionelle Stromproduktion, letztlich geht es aber vor allem um die Wachstumsfelder Vertrieb, Netze und erneuerbare Energien. Sie will Terium enger führen. Hier soll RWE schlanker und schneller werden.

Ja, die konventionelle Stromproduktion wird bei RWE bis auf weiteres ein Kerngeschäft bleiben, aber sie wird auch bei RWE etwas separiert. Während der Vertrieb komplett mit der Konzernführung verzahnt wird, bleibt die Kraftwerkstochter von RWE ebenso weitgehend selbstständig, wie die Tradingabteilung und die erneuerbaren Energien. Damit hält sich Terium die Option, diese Teile mittelfristig ebenfalls noch abzuspalten, ausdrücklich offen.

Beide Ansätze sind dabei durchaus logisch. Teysssen argumentiert, mit der klaren Trennung könnten die beiden Teile mit voller Kraft ihre jeweiligen Herausforderungen angehen. E.ON könne sich ohne Ballast dem Wettbewerb um die Energiewelt der Zukunft stellen, Uniper könne dagegen um die alte Energiewelt kämpfen. Terium wiederum argumentiert, noch sei dafür der Handlungsdruck nicht groß genug. Noch gebe es zwischen Vertrieb, Trading und Stromproduktion genügend Synergien, und noch habe er die Hoffnung, die Politik werde die Rahmenbedingungen für die großen Kraftwerke schon wieder verbessern. Und wenn sich diese Einschätzung ändere, könnte er die Spaltung ja immer noch vollziehen, argumentiert der RWE-Chef.

So weit so gut. Sowohl E.ON als auch RWE haben jedenfalls die Strukturen geschaffen, um sich endlich auf die neue – die grüne und dezentrale – Energiewelt einzulassen. Ob der eine das bisherige Kerngeschäft direkt abstößt oder ob er es vorerst behält, mag sich schon bald als entscheidender Wettbewerbsvorteil erweisen. Viel entscheidender ist nun aber die Frage: Wem gelingt es in der neuen Energiewelt tatsächlich zu bestehen? Gelingt es E.ON und RWE, neues Wachstum zu schaffen? Können Sie neue Energiedienstleistungen und Produkte entwickeln? Und vor allem sind sie in der Lage, damit auch substanziell Geld zu verdienen?

Die eigentliche Herausforderung besteht für Johannes Teyssen und Peter Terium jetzt, die entworfenen Strukturen mit den passenden Inhalten zu füllen. E.ON und RWE müssen tatsächlich schneller und innovativer werden. Die Margen in der konventionellen Stromproduktion verfallen unabhängig davon, ob das bisherige Kerngeschäft im oder außerhalb des Konzerns betrieben wird. Jetzt gilt es, rasch neue Umsätze zu generieren. Ob das gelingt, entscheidet letztlich über die Existenz von E.ON und RWE, nicht die Frage, ob die Stromproduktion abgespalten ist. Nur wenn die beiden Unternehmen es schaffen, sich mit dem alten Kerngeschäft auch von der alten, behäbigen Unternehmenskultur zu verabschieden, werden sie gegen neue Konkurrenten wie Tesla oder Google bestehen.

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