Montag, 27. März 2017
-   Der Kommentar
Totgesagte leben länger

Werner Sturbeck, Wirtschaftsjournalist

Der et KommentarDie Ertragslage der klassischen Stromproduzenten ist so dramatisch schlecht wie nie zuvor. Allein bei E.ON sind in den ersten neun Monaten schon fast sechs Milliarden Euro Verlust angefallen. Die Misere begann 2011, als nach dem Reaktorgau im japanischen Fukushima die Stromgroßhandelspreise in einen Abwärtssog gerieten. Das Bemerkenswerte am Niedergang der Stromindustrie: Die meisten kommunalen Stromverkäufer schlagen sich wacker. Von dem großen Stadtwerkesterben, das nach der Strommarktliberalisierung allgemein erwartet wurde, ist weiter und breit nichts zu sehen. Die große Mehrheit der kommunalen Stromverkäufer hat sich ganz auf den Vertrieb spezialisert und profitiert von schrumpfenden Großhandelspreisen. Dagegen kämpfen die einst stolzen großen Versorgerkonzerne inzwischen um ein neues Geschäftsmodell oder gar ums schiere Überleben.

Der Ausbau von Wind- und Solarenergie sorgt weiterhin für einen sich stetig verschärfenden Preisdruck an den Strombörsen. Gegenüber den Rekordwerten im Jahr 2008 haben sich die Durchschnittspreise mehr als halbiert. Bei Notierungen von aktuell 29 Euro je Megawattstunde arbeitet kaum noch ein Kraftwerk mit Gewinn. Die Zeit, da in der Branche abgewartet wurde, wer von den Wettbewerbern als erster die Nerven verliert, Anlagen abschaltet und so das Angebot am Markt verknappt, ist vorbei. Inzwischen haben die Stromerzeuger die Hoffnung auf bessere Großhandelspreise aufgegeben. Das bedeutet, dass die nur noch wenigen Neubauvorhaben erst einmal auf Eis gelegt werden. Vor allem aber werden noch schneller als bisher Anlagen aus dem Betrieb genommen. So lagen der Bundesnetzagentur zur Jahresmitte Stilllegungsanzeigen für 70 Kraftwerksblöcke mit fast 14 500 Megawatt vor. Davon stammen allein 37 Anzeigen mit 6 000 Megawatt Erzeugungskapazität aus der Zeit Januar 2014. Natürlich handelt es sich dabei überwiegend um Kraftwerke von RWE, E.ON, EnBW und Vattenfall, die vor einem Jahrzehnt noch mit gut 80 Prozent Produktionsanteil den Markt dominierten. Dieser addierte Marktanteil hat sich nach Berechnungen der Bonner Netzagentur seit 2010 weiter um 5 Prozentpunkte auf 67 Prozent verringert. Aber die Misere unzureichender Margen in der Stromproduktion betrifft auch einige größere Stadtwerke mit Anlagen, die meist für das Fernwärmegeschäft laufen müssen.

Man nehme als Beispiel die klamme Ruhrgebietsstadt Duisburg, die lange die Verluste des öffentlichen Nahverkehrs von den Stadtwerken auffangen ließ. Aber seit drei Jahren fahren die beiden Kraftwerksblöcke zweistellige Millionen-Verluste ein. Marcus Wittig, der Chef der Duisburger Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft, vermerkt zynisch, dass seine Mannschaft die Verluste „optimiert“, indem die Betriebsstunden des hocheffizienten Gas- und Dampfurbinenkraftwerks möglichst gering gehalten werden. Nun wird Duisburg die vor Jahren schon fast halbierte Kraftwerkskapazität durch die vorzeitige Stilllegung des letzten Kohleblocks nochmals deutlich reduzieren und auf Einkauf umschalten. Solche aus Marktsicht kleinen, aber für die betroffenen Kommunen brisanten Schnitte findet man überall im Lande. Das alles wirkt bislang trotzdem nicht bedrohlich, weil der Ausbau der regenerativen Produktion auch das Stromaufkommen – neuerdings auf 30 Prozent – erhöht. Bisher konnten abgeschaltete Kernkraftwerke störungsfrei ersetzt werden.

Nun drängen die Klimaschützer freilich auf einen schnellen Ausstieg auch aus dem Kohlestrom. Wer aber soll dann im nächsten Jahrzehnt den Strom produzieren, wenn in den Wintermonaten die Zeiten der „Nachtflauten“ ohne Solar- und Windstrom vorherrschen? Soeben hat das Bundeswirtschaftsminiterium ein neues Strommarktgesetz auf den Weg gebracht. Zur bestehenden Netzreserve sollen nun eine Kapaziträtsreserve und eine Sicherungsbereitschaft geschaffen werden. Das alles kostet die Stromverbraucher zusätzliches Geld, ändert aber nur wenig an der Ursache der Krise, den anschwellenden regenerativen Strom und der damit entstehenden Verluste in der Stromerzeugung.

In der anhaltenden Ertragskrise der Kraftwerke entdeckt das Produzentenquartett nun das Kleingewerbe und die privaten Haushalte. In bunten Kampagnen wird die Massenkundschaft mit moderner Stromtechnik umworben wie nie zuvor. Mit dem Rücken an der Wand greifen die Großen also nun die Stadtwerke in deren ureigenstem Geschäft an. Die kommunalen Unternehmen zeigen sich freilich wenig beeindruckt. Die Stadtwerke sind in ihren Geschäftsgebieten präsenter und genießen in der Bevölkerung einen erheblich besseren Ruf als E.ON, RWE oder Vattenfall, die sich nach der Strommarktliberalisierung immer stärker auf die Produktion konzentrierten und den Kunden links liegen ließen. Diese Attitüde lässt sich in den Belegschaften so schnell nicht um 180 Grad drehen. Deswegen dürfte der Aufbau des Kleinkundengeschäftes sehr mühsam sein und viel zu wenig Ertrag abwerfen, um länger mit dem heutigen Verve betrieben zu werden. Die Stadtwerke jedenfalls müssen von den neuen Konkurrenten keine gewaltigen Einschnitte in ihr Geschäft befürchten. Das zeigt einmal mehr: Totgesagte leben länger. Für das Industrieland Deutschland wäre freilich eine Reduktion der Stromerzeugung allein auf eine kommunale Stadtwerke-Landschaft kein zukunftsträchtiges Szenarium. Nicht nur für Chemieanlagen oder Aluminiumschmelzen, auch für die Rechnerzentralen etwa der Deutschen Telekom braucht es mehr als unplanbaren Windstrom aus der Nordsee und Sonnenenergie aus Bayern. Deshalb wird Deutschland noch lange auf (einige) Großkraftwerke angewiesen sein. Aber wer hält deren Betreibern künftig die Stange?

Suche

Aktuelles Heft
Inhalt der Ausgabe 3/2017
Schwerpunkt: Anreizregulierung
Erdgas-Zukunft: Energieträger statt Energiequelle?
Regulierung: Auswirkungen der Anreizregulierungsnovelle
Recht: Strompreiszonen quo vadis?
mehr...
Anzeige
 
EW Medien und Kongresse GmbH
Montebruchstraße 20 | D-45219 Essen | Telefon: +49 (02054) 9532-0 | Telefax:  +49 (02054) 9532-60

Aktuelles Heft  | Zukunftsfragen  | Topthema  | Weitere Themen  | Termine  | Heftbestellung  | Mediadaten  | Ansprechpartner

Copyright 2012 by ONexpo  |  anmelden  |  Impressum |  AGB