Samstag, 18. November 2017
-   Der Kommentar
Die große Verwirrung

Udo Rettberg, Publizist und Journalist, Frankfurt am Main

Der et KommentarDie Akteure an den Energiemärkten befinden sich wegen der völlig neuen Sicht auf den Faktor Energie in einer Art Schockstarre. Viele Akteure erinnern sich sehr gut an die von Auguren Dekaden zuvor beschriebene Theorie von der „Endlichkeit fossiler Energieträger“. Und jetzt das: Der in der vergangenen Dekade geschätzte Produktionsfaktor Energie ist in allen seinen Facetten – Rohstoffen, Urstoffen, Strom - zur Massenware „verkommen“. Der Ölpreis hat 80 % gegenüber dem 2008er Rekordhoch verloren. Der Strompreis ist zwischen 50 % und 70 % gefallen. Die Welt atmet auf. Die einst für Schockwellen rund um den Globus sorgende „Peak Oil Theory“ ist Geschichte – vorübergehend zumindest. Aber Vorsicht! Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass der Energiemarkt stärker als früher globalpolitisch dominiert ist. Die Verwirrtheit bei Politikern und Wirtschaftsbossen hat zugenommen. Was gestern richtig zu sein schien, muss nicht zwangsläufig auch für morgen gelten.

Stark in Bewegung – in teils gegenläufige Richtungen – ist auch der deutsche Energiemarkt. Es zeigt sich, dass die Bundesregierung mit ihrer Energiewende auch in diesem neuen geopolitischen Umfeld gegen „Energiewände“ rennt. Und das nicht nur, weil die in dieser Dimension kaum erwartete Baisse des Ölpreises ein Szenario geschaffen hat, in dem das zentrale Element der „Energiewende“ – nämlich erneuerbare Energieträger – ein Luxus zu sein scheint. Regenerative Energie-Anlagen müssen sich mit dem Ziel der System-Integration stärker dem freien Wettbewerb stellen. Ziel der Politik muss es nämlich sein, die Förderung erneuerbarer Energieträger viel stärker an den Gegebenheiten des Marktes zu orientieren. Wieder einmal wird deutlich, dass die Anforderungen an das „Generationenprojekt Energiewende“ über Jahre hinweg unterschätzt wurden.

Erneuerbare scheinen gegenüber herkömmlichen fossilen Energieträgern wie Rohöl und Erdgas und gegenüber der Atomenergie noch immer nicht konkurrenzfähig. Indes gilt ein solcher Vergleich nur dann, wenn langfristige Folgekosten (Klimaschutz, Endlagerung etc.) von fossilen und atomaren Energieträgern nicht in die Rechnung einfließen. All diese Einflüsse werden auch durch strukturelle Veränderungen in der einst durch wenige Marktteilnehmer dominierten deutschen Elektrizitätswirtschaft reflektiert. Einstige Platzhirsche sind inmitten eines anspruchsvollen Neu-orientierungsprozesses. Die deutsche Energiewirtschaft glänzt andererseits, weil sie ihre Innovationskraft unter Beweis stellt. Das geschieht a) unter dem zunehmenden Druck der Marktkräfte und b) durch die immer komplexer erscheinende ordnungspolitische Entwicklung. Wenn das organisatorische und rechtliche Umfeld neu (sprich: komplizierter) gestaltet wird, ist das nicht immer zum Vorteil aller Beteiligten.

Fakt ist: die Ausgestaltung der Energiewende ist in ihren einzelnen Elementen recht kompliziert. Dies gilt auch für das Thema „Digitalisierung“ – also die Einbeziehung und Nutzung von „big data“ beim Strom, von der Produktion über die Netze bis hin zum Endkunden. Das Digitalisierungsgesetz soll in einer nach Marktwirtschaft strebenden Gesellschaft fairen Wettbewerb ermöglichen. Ein wichtiges Thema ist zum Beispiel der notwendige Wettbewerb unter Messstellenbetreibern. Hinzu kommt, dass auch die Energiewirtschaft in die moderne „Teilen-Gesellschaft“ einbezogen wird. Das durch die Existenz neuer Firmen und innovativer Technologien weltweit entstandene und noch entstehende kollaborative ökonomische System ermöglicht die Produktion, Speicherung und letztlich auch die (Ver-)Teilung von Elektrizität auf breiter Ebene. Moderne Anbindungs-systeme schaffen Netzwerke, in denen Energie zwischen einzelnen Haushalten und Unternehmen getauscht werden kann. Das steigert den ökonomischen Wert für Nutzer und Netzbetreiber.

Das Entstehen neuer moderner digitaler Marktplätze für Energie, in die dezentrale Energieproduzenten auf der einen Seite zum Beispiel Strom einspeichern können und von denen auf der anderen Seite Abnehmer Strom beziehen können, ist auch deshalb auf dem Vormarsch, weil es die Energieeffizienz steigern kann. Doch sowohl bei der Schaffung von Messstellen als auch beim Thema dezentrale Batteriespeicher – einem Kernpunkt der Energiewende – ist noch sehr viel Arbeit zu leisten. Keine Frage: Moderne Speichertechnologien können sich zu einem dynamischen Katalysator für die Wertschöpfung am Wirtschaftsstandort Deutschland erweisen. Erhebliche Anstrengungen sind zudem zu unternehmen, den Anteil der Kraft-Wärme-Koppung an der deutschen Stromerzeugung auf 25 % zu steigern.

Vieles muss auch mit Blick auf die erhoffte Schaffung eines europäischen Binnenmarktes für Energie getan werden. Denn für Europas Integration existieren nach den politischen Rückschlägen der vergangenen Monate immer höhere Hürden. Klar, gerade die deutsche Energiewirtschaft sollte eine Vorreiterrolle spielen. Dafür müssen aber zum Beispiel auch rechtliche und technische Voraussetzungen für das Thema Strom-Interkonnektion geschaffen und rasch umgesetzt werden. Es ist zu befürchten, dass der integrierte europäische Binnenmarkt für Energie keine Priorität genießt. Brüssel hat momentan andere Sorgen.

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