Montag, 27. März 2017
-   Der Kommentar
Das Orakel von Bonn

Wieland Kramer, Fachjournalist, Wuppertal

Der et KommentarEs gibt sie noch, die großen Orakel. Sie sprechen nicht mehr unter der Sonne in dem in einer Gebirgslandschaft liegenden Delphi, sondern auf dem Tulpenfeld genannten ehemaligen Regierungs-Campus der Bundesstadt Bonn. Es ist beinahe eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet Griechenland-Mit-Retter Deutschland die Wahrsage-Kompetenz von der Ägäis an den Rhein verlegt hat. Das Orakel von Bonn in Gestalt der Bundesnetzagentur sagt natürlich keine Schlachtensiege voraus. An die Stelle Äthylen einatmender Priester im Trance-Zustand sind kühle Köpfe mit leistungsstarken elektronischen Hilfsmitteln getreten. Doch geblieben ist der Mut. Bis ins Jahr 2035 reichen derzeit die Prognosen der Orakel-Behörde zur deutschen Stromversorgung. Volkswirtschaftlich sind die Prognosen aus Bonn ähnlich bedeutsam wie die Ratschläge aus Delphi für König Krösus und andere VIPs der griechisch-römischen Welt.

Die Rede ist von den jährlichen Netzentwicklungsplänen für Deutschland. Das umfangreiche und in komplexe Konsultationsprozesse eingebettete Orakel liefert die Roadmap für die Energiewende und ist weit mehr als ein Leitfaden für den Netzausbau. Vor allem die Prognosen zur Entwicklung der Stromerzeugungskapazitäten und ihrer jeweiligen Anteile am Energiemix brauchen das Benchmarking mit dem antiken Vorbild nicht zu scheuen. Und spätestens hier wird die Sache sehr, sehr ernst.

Der Netzentwicklungsplan Strom der Bundesnetzagentur spiegelt die stromwirtschaftlichen Ziele der Bundesregierung – als Mengenvorgabe der Bruttostromerzeugung und als Anteil der jeweiligen Energieträger an den Stromerzeugungskapazitäten: 2025 soll der Anteil der erneuerbaren Energien an der Bruttostromerzeugung in einer Spanne von 40 bis 45 Prozent liegen. Bis 2035 ist ein Anteil von 55 bis 60 Prozent geplant. Hinter diesen Zielen steht die Erhöhung der Einspeiseleistung bei Wind und Sonne von derzeit rund 70 Gigawatt auf knapp 170 Gigawatt im Zieljahr 2035. Da sich der Ausbau bei den Erneuerbaren auf Windenergie an Land und auf See sowie auf Photovoltaik stützt, ist es ratsam, den Blick immer auch auf die tatsächliche Einspeiseleistung dieser beiden Energieformen zu richten: Zuletzt lag sie in einer Spannbreite von 0,1 bis 35 GW. Das ist ernüchternd: Der Beitrag von Sonne und Wind zur Versorgungssicherheit liegt nahe Null. Daran ändert auch der weitere Zubau von Wind- und PV-Anlagen nur wenig. Wenn keine Sonne scheint und kein Wind weht, steht keine Leistung bereit, die in die Netze eingespeist werden kann.

Wer diesen Zustand als systembedingten Mangel versteht und nicht als ideologisches Argument gegen die Erneuerbaren einsetzt, wird sich darum bemühen, Versorgungssicherheit auf anderem Weg zu erreichen. Derzeit leisten wir uns zwei Systeme: Den ständig wachsenden Park an Wind- und PV-Anlagen und einen konventionellen Kraftwerkspark, der sich – so das Orakel aus Bonn – bis 2035 nur wenig reduzieren, dafür aber seine Struktur kräftig ändern wird. Mit knapp 75 Gigawatt werden 2015 sogar etwas mehr konventionelle Kraftwerke am Netz sein als heute. Allerdings wird sich der Anteil der Kohle fast halbieren und der Anteil der Gaskraftwerke beinahe verdoppeln. Da die Anlagen nur noch etwa 40 Prozent des gesamten Strombedarfs decken müssen, sinken die Volllaststunden und steigen die Bereitschaftszeiten, wobei es darauf ankommt, Kessel und Turbinen möglichst flexibel zu betreiben.

Also alles klar mit der Versorgungssicherheit? Das Orakel von Bonn hält sich weise zurück und verweist auf den ebenso notwendigen wie zurückhaltenden Netzausbau. Vielleicht sollte sich die Bonner Behörde auch für einen Plan B stark machen, wenn es bei den großen Trassenprojekten weder über noch unter der Erde mit dem notwendigen Tempo vorangeht und Stromspeicher, die über Stunden oder Tage Versorgungssicherheit gewährleisten, noch etwas auf sich warten lassen.

Die wachsende dezentrale Stromerzeugung verändert die traditionelle Netzstruktur grundlegend. Das Lösungsszenario, witterungsbedingt schwankende Einspeiselasten möglichst schnell abzuleiten, scheint nicht der Königsweg zu sein. Netzumbau und Netzerweiterungen sollten dazu genutzt werden, neue Formen des Lastmanagements dezentral einzusetzen. Es besteht durchaus die Gefahr, dass zu lange über intelligente Netze und smarte Technologien geredet, über notwendige Investitionsanreize gestritten und auf Innovationswunder gehofft wird.

Stromnetzbetreiber, die jetzt oder in naher Zukunft auf der Verteilnetzebene neue Umspannstationen planen oder ihre Netzpläne überprüfen, müssen sich klar machen, dass sie mehr brauchen als eine verlässliche Erdschlusstechnik und ein paar Spulen zum Ausgleich der einspeisebedingten Spannungsschwankungen. Solange die vorgehaltene Fläche zum Bau eines Stromspeichers oder einer Power-to-Gas-Anlage unbebaut bleibt, sollten die Potenziale der Kunden beim Lastabwurf und bei der Bereitstellung von Minuten- oder Sekunden-Energie ermittelt und, wo möglich, genutzt werden. Es gilt die Informationsverarbeitungsinfrastruktur bei Rechnern, Messgeräten und der Datenübertragung rechtzeitig dem absehbar steigenden Bedarf anzupassen. Und natürlich müssen hinter den Geräten qualifizierte Mitarbeiter sitzen. Genau diese Komponente, das Human Capital, scheint eines der Stiefkinder der Energiewende zu sein.

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