Freitag, 23. Juni 2017
-   Der Kommentar
Sektorkopplung: „All Electric Society“?

Ursula Weidenfeld

Der et KommentarHin und wieder braucht die Energiewende neue Begriffe. Sonst könnten Außenstehende schnell der falschen Annahme erliegen, alles sei auf gutem Weg und die Republik werde 2050 nahezu vollständig dekarbonisiert dastehen. In diesem Jahr ist der sperrige Begriff „Sektorkopplung“ zum Lieblingswort der Energiewendekonferenzen geworden – nachdem in den vergangenen Jahren die Bezeichnungen Smart Grid, Smart Meter, und Smart City die Hitliste anführten. Fortschritte in Technologie und Effizienz spielen bei den Verschiebungen der Nomenklatur allerdings nur eine untergeordnete Rolle. Die neuen Namen haben vor allem einen Zweck: Sie sollen unauffällig den Weg zu neuer Regulierung, neuen Prämien und neuen Gesetzesänderungen ebnen.

Jetzt also Sektorkopplung. Das ist unbestritten ein großes Thema. Wenn die deutsche Gesellschaft es ernst meint mit ihren Klimazielen, müssen in den kommenden Jahren enorme Fortschritte im Wärme- und im Verkehrsbereich gemacht werden. Beide Sektoren sollen Energie sparen, effizienter werden und endlich von fossilen Rohstoffen auf erneuerbaren Strom umschwenken. „All Electric Society“ heißt das Ziel, von dem drei Viertel der Experten, die in der jüngsten Delphi-Studie zum Thema befragt wurden, denken, dass es um das Jahr 2040 herum Realität werden kann. Außerdem gilt aber ein ganz praktisches Argument: Je größer der Anteil der erneuerbaren Energien, desto wichtiger wird die sinnvolle Überschuss-Verwertung aus den launischen Energieträgern Wind und Sonne. Das Abregeln der Kapazitäten schafft viel Verdruss und ist zudem auch noch teuer.

Hier beginnt die Karriere der Sektorkopplung. Gesucht werden Verbraucher, die den überschüssigen Strom von Sonnen- und Windtagen nutzen und den weiteren Zubau von Erneuerbaren rechtfertigen. Diese Verbraucher können nur außerhalb des klassischen Stromsektors gewonnen werden – etwa beim Autofahren oder beim Heizen. Dort schlummern seit Jahren die höchsten Potenziale, um Klimagase einzusparen und dafür gibt es inzwischen marktreife Technologien, versprechen die Hersteller. Das ist also der Ort, an dem der Erfolg der CO2-freien Gesellschaft gemacht wird. – Eine schöne Geschichte.

Sie hat nur einen Haken: Die Sektorkopplung gelingt nicht, jedenfalls nicht von selbst. Bisher ist Strom aus erneuerbaren Energien weder im Verkehrssektor noch beim Heizen konkurrenzfähig. Zu billig seien Benzin und Gas, stöhnt die Sektorkopplungs-Lobby. Zu ungerecht sei die ärgerliche Angewohnheit des Gesetzgebers, die Wärme- und Verkehrspioniere wie normale Endverbraucher zu behandeln und ihnen alle Umlagen abzuknöpfen. Zu zögerlich wachse die Infrastruktur, die den Strom überall zu Wärme oder Motorleistung werden lassen kann. Zu teuer seien die Produkte für den Endverbraucher.

Kurz: Die Sektorkopplung ist im Augenblick eine riesige Baustelle, die überall den Gesetzgeber fordert. Die Umlagebefreiung beim Übergang der Sektoren etwa soll er beschließen. Die Erhöhung von Benzin- und Gassteuern wäre auch eine tolle Idee. Oder eine Pkw-Maut für Benzin- und Dieselautos. Eine vernünftige Verwendung für das zusätzliche Geld gefällig? Man könnte den Aufbau der Lade- und Wärme-Infrastruktur damit öffentlich finanzieren. Vielleicht sogar noch einen Zuschuss von 5.000 Euro für ein elektrisches Auto, eine Brennstoffzelle oder ein Blockheizkraftwerk lockermachen, damit die Übergangszeit überbrückt wird.

Unbeantwortet aber bleibt damit die Frage, wer die Kapazitäten für die Wärme- und Verkehrswende bauen soll, und vor allem, wo: Der Wärmebereich wird nach gelungener Sektorkopplung im Jahr 2050 rund 220 Terawattstunden erneuerbaren Strom jährlich verbrauchen. 130 Terawattstunden jährlich würde der Verkehrssektor abnehmen, dazu kämen noch einmal 30 Terrawattstunden umweltfreundliche Energie für Power to Gas-Anlagen, rechnet das Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik vor.

Knapp 26 000 Windräder drehen sich heute schon in Deutschland – und zwar vornehmlich auf windreichen Flächen in dünn besiedelten Gegenden. Im vergangenen Jahr lieferten sie 88 Terawattstunden Strom. Im Fraunhofer Energiemix-Szenario für das Jahr 2050 steht der Wind (on- und offshore) mit rund 300 Terrawattstunden Leistung. Selbst wenn unterstellt, dass der technische Fortschritt noch Potenzial birgt: Kann sich jemand vorstellen, dass die Zahl der Windmühlen auch nur verdoppelt werden kann? Der Platz wird knapp, der Widerstand wächst. Bei der Sonnenenergie sieht es kaum besser aus. Auch wenn es gelingen sollte, einen Teil der Kapazitäten offshore oder in den europäischen Nachbarstaaten zu nutzen, ist eines klar: Billiger wird es auch dort nicht, und schnell geht es erst recht nicht. Und solange die Speicher so sind, wie sie sind, wäre immer noch nicht sicher, dass für Heizung und Verkehr immer Strom zur Verfügung steht. Wenn es richtig kalt ist zum Beispiel, oder wenn das Auto abends um Fünf aufgeladen werden muss.

So ist kaum verwunderlich, dass schon jetzt die Fahndung nach neuen Begriffen begonnen hat. Gewinnen wird nach gelungener Sektorkopplung: die Versorgungssicherheit.

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