Freitag, 23. Juni 2017
-   Der Kommentar
Argumente für die Kohle

Hans-Willy Bein, hwb-Medien, Köln

Der et KommentarAtomkraft? Nein Danke! Der Slogan war gestern. Heute hat die Kohle für einen Teil der Bevölkerung die Rolle des Buhmanns in der Energieversorgung übernommen. Der fossile Energieträger gilt ihnen als „Klimakiller“. Kohlekraftwerke gehören nach diesen Vorstellungen ebenso verbannt wie die Kernkraft. Schließlich können wir guten Gewissens doch auf erneuerbare Energien setzen, die das Klima schonen und die uns von der Natur reichlich und dazu kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Nur Ewiggestrige sehen das anders – oder Industrielle, die mit ihren längst abgeschriebenen Kraftwerken das große Geld verdienen wollen. So oder so ähnlich lauten die Behauptungen, die von vielen Menschen geteilt werden. Dagegen aber spricht eine Reihe von Fakten, die endlich zur Kenntnis genommen werden müssen!

Aspekt Versorgungssicherheit: Wind und Sonne und andere alternative Energieträger haben einen immer größeren Anteil an der deutschen Energieversorgung. So trugen die Erneuerbaren 2015 zu rund 30 Prozent zur Stromerzeugung bei. 2025 sollen es nach den Plänen der Bundesregierung gar 40 bis 45 Prozent sein. Die Betonung liegt aber auf Sicherheit der Versorgung. Und die kann durch die volatilen Energieträger nicht garantiert werden. Während konventionelle Kraftwerke für eine nahezu hundertprozentige Versorgungssicherheit stehen, können Erneuerbare nach Einschätzung von Experten rund um die Uhr zu allen Jahreszeiten weniger als ein Prozent Sicherheit garantieren. Ohne die Unterstützung der immer flexibleren, fossil betriebenen Kraftwerke sähe es an vielen Tagen im wahrsten Sinne des Wortes düster aus.

Aspekt Goldgrube Großkraftwerke: Weil die Marktkräfte durch die garantierten Einspeisevergütungen nicht mehr wirken, fällt auf der anderen Seite der Strompreis am Großhandelsmarkt ins Bodenlose. Kostete die Megawattstunde Strom vor dem Atomunfall im japanischen Fukushima vor rund fünf Jahren an der Börse noch mehr als 60 Euro, ist der Preis am Terminmarkt für 2017 mittlerweile auf wenig mehr als 20 Euro gefallen. Folgt man den Chefs von E.ON und RWE, ist bei diesem Preis mit keinem einzigen Kraftwerk Geld zu verdienen. Beleg dafür sind die Vielzahl der angemeldeten und angekündigten Stilllegungen – und natürlich die Bilanzen der Energiekonzerne.

An einer Stelle indessen funktioniert der Markt noch. Da die Grenzkosten für Gaskraftwerke angesichts des teuren Brennstoffs Erdgas nicht mit den Kosten für die Braun- und auch Steinkohle mithalten konnten, verdrängten Wind und Sonne vor allem Gas aus dem Markt. Es traf damit den Energieträger, der in der Theorie der Klimapolitiker eigentlich der ideale Partner der Erneuerbaren in der schönen neuen Energiewelt sein sollte.

Aspekt CO2-Emissionen: Deutschland hat sich zum Ziel gesetzt, die Emission von Treibhausgasen bis zum Jahr 2050 um 80 bis 95 Prozent zu senken, gemessen am Vergleichsjahr 1990. Der kräftige Umbau des Energiemarktes und der stark wachsende Anteil der erneuerbaren Energien haben sich in der Klimabilanz indessen noch nicht in dem gewünschten Umfang niedergeschlagen. Das liegt auch daran, dass der Wärmemarkt und vor allem der Verkehrssektor weiterhin stark von den fossilen Energieträgern Öl und Gas beherrscht werden. Und noch ein Hinweis: Deutschland trägt als größtes europäisches Industrieland mit annähernd 2 Prozent zum weltweiten Kohlendioxid-Ausstoß bei. Alle Bemühungen um eine Reduzierung der Emissionen, die gravierende Auswirkungen auf den Industriestandort Deutschland haben können, machen sich also global nur geringfügig in der Klimabilanz bemerkbar. Notwendig sind konzertierte und weltweit abgestimmte Aktionen im Nachgang zu den Beschlüssen der Klimaschutzkonferenz von Paris im vergangenen Jahr.

Aspekt kostengünstiger Strom: Die Nutzung von Wind und Sonne zur Erzeugung von Elektrizität ist alles andere als billig. Das zeigt ein Blick auf die Stromrechnung, die trotz wachsender Anteile der Erneuerbaren an der Stromgewinnung kontinuierlich höher ausfällt. Kein Wunder. Die Einspeisung von Wind und Sonne ins Stromnetz kostet den Stromkunden derzeit etwa 6,4 Cent je Kilowattstunde. Allein für dieses Jahr beläuft sich die EEG-Umlage auf knapp 23 Milliarden Euro. Vergütet wird Onshore-Wind mit 85 Euro, Solarstrom gar mit 110 Euro je Megawattstunde. Zum Vergleich: Die Grenzkosten für Braun- und Steinkohlekraftwerke werden auf 25 bis 35 Euro geschätzt.

Wer diese Fakten zur Kenntnis nimmt und sich mit den Argumenten auseinandersetzt, kann objektiv nicht mehr nach einem schnellen Ausstieg aus der Kohleverstromung rufen. Die Bundesnetzagentur sieht auf längere Sicht zwar eine Stärkung der Gaskraftwerke zu Lasten vor allem der Steinkohle. Doch bleibt der Kohle nach den Erwartungen der Behörde eine wichtige Rolle bei der Versorgung mit Elektrizität. Immerhin werden die Kapazitäten zur Erzeugung von Strom auf Basis von Kohle im Jahr 2035 auf 25,8 Gigawatt hochgerechnet. Bei einer mit heutigem Niveau vergleichbaren Auslastung der Kraftwerke würde die Kohle immer noch mit gut 25 Prozent zum Stromverbrauch beitragen – Grund genug mit vereinten Kräften nach Wegen für einen wirtschaftlichen Weiterbetrieb konventioneller Kraftwerke zu suchen.

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