Mittwoch, 29. März 2017
-   Der Kommentar
Aufspaltung ist noch keine Strategie

Jürgen Flauger, Handelsblatt

Der et KommentarDas Jahr 2016 ist für die Zukunft der Energiekonzerne in Deutschland entscheidend. In diesem Jahr wollen sie ihre – zum Teil spektakulären – Neuaufstellungen auf den Weg bringen. E.ON und RWE spalten sich auf, Vattenfall gibt die Braunkohle in Ostdeutschland auf und die Energie Baden-Württemberg AG (EnBW) hat jetzt sogar überraschend den Abschied vom Geschäft mit Großkunden angekündigt. Das alles sind wohlbegründete Schritte. Bei den Aktionären kommen sie auch gut an. Die Maßnahmen alleine stellen aber noch keinen Befreiungsschlag dar. Um die existenzielle Krise zu überstehen, in die die Konzerne mit der Energiewende geraten sind, müssen E.ON, RWE, Vattenfall und EnBW im zweiten Schritt aber erst noch beweisen, dass sie in der neuen Aufstellung auch wirklich stärker sind – und vor allem kreativer, um neue Geschäftsmodelle entwickeln zu können. Bei allen Unterschieden verfolgen die Unternehmen schließlich dasselbe Ziel: Sie wollen den dramatischen Absturz stoppen und Kräfte freisetzen. Branchenführer E.ON vollzieht dabei sicherlich die klarste Trennung. Der Konzern selbst will sich komplett der Energiewende verschreiben und lässt das neue Unternehmen Uniper fokussiert mit der alten Energiewelt kämpfen. RWE schafft mit der Abspaltung ein Unternehmen, das sich ebenso reinrassig um die neue Energiewelt kümmert wie E.ON. Allerdings kappt der Konzern nicht alle Verbindungen. Die RWE AG, die sich künftig nur noch um die konventionellen Kraftwerke und den Großhandel kümmern will, wird langfristig die Mehrheit behalten. RWE will die neue Tochter vor allem nutzen, um neue Investoren anzulocken. Vattenfall entledigt sich mit der Braunkohle eines Bereichs, der langfristig durchaus rentabel arbeiten könnte, aber das Unternehmen in der öffentlichen Debatte zur Zielscheibe von Umweltschützern gemacht hat. Und die EnBW wirft Ballast ab, um den Umbau vom Atom- zum grünen Vorzeigekonzern zu schaffen.

Zunächst einmal bindet die Abspaltung aber enorme Kapazitäten. E.ON war eineinhalb Jahre lang damit beschäftigt, die beiden Teile organisatorisch und rechtlich zu trennen, ehe die Aktionäre darüber abstimmen konnten. Eine gute halbe Milliarde Euro wird die Operation bis zum endgültigen Abschluss kosten. RWE musste monatelange Reibereien mit den kommunalen Aktionären aushalten. Und Vattenfall kämpfte eineinhalb Jahre, um überhaupt einen Käufer zu finden. Jetzt stehen die Schweden wegen der Auswahl des Käufers in der Kritik. Der tschechischen EPH-Gruppe wird nur bedingt zugetraut, die ostdeutsche Braunkohle verantwortungsvoll zu managen. Noch dazu müssen die Konzerne die Neuausrichtung in einem geradezu brutalen Umfeld bewältigen. Beispiel E.ON: Als Konzernchef Johannes Teyssen Ende 2014 den Strategiewechsel verkündete, war die Lage schon schwierig. Letztlich reagierte er auf den dramatischen Preisverfall im Stromgroßhandel. Seit 2011, als die Energiewende nach der Reaktorkatastrophe von Fukuhima verschärft wurde, waren die Strompreise von mehr als 60 Euro auf 32 Euro je Megawattstunde abgestürzt. Gaskraftwerke rechneten sich damals schon lange nicht mehr und zunehmend gerieten auch Steinkohleanlagen in die Bredouille. Anfang des Jahres, als E.ON mit Uniper die finanziellen Details der Spaltung aushandelte, lag der Strompreis nur noch bei rund 25 Euro. Selbst Braunkohle und Atomkraft kämpfen bei diesen Notierungen um die Rentabilität.

E.ON schloss das letzte gemeinsame Geschäftsjahr mit einem Rekordverlust von fast sieben Milliarden Euro ab. Auch RWE, EnBW und Vattenfall schrieben Milliarden ab. Vor dem Aufbruch müssen sich die Konzerne deshalb jetzt erst einmal um den Abbruch kümmern. Alle Konzerne haben Sparprogramme auf der Agenda. EnBW-Chef Frank Mastiaux kündigte erst im Juni an, die jährlichen Kosten des Konzerns bis 2020 noch einmal um 250 Millionen Euro zu drücken. Dabei hat die EnBW in den vergangenen Jahren schon eine Milliarde eingespart. Vom Ausstieg aus dem Großkundengeschäft sind 400 Mitarbeiter betroffen. RWE verhandelt nach diversen Sparrunden jetzt mit den Beschäftigten über einen drastischen Abbau der freiwilligen Leistungen. Uniper arbeitet, kurz nach dem Start, als erstes an einem umfangreichen Sparprogramm. E.ON muss Anteile an Windparks verkaufen, um Investitionen in neue finanzieren zu können.

Und dann ist da noch eine besonders heikle Altlast: Der Atomausstieg. Er lastet schwer auf den Bilanzen und dem Neustart in die neue Energiewelt. Der von der Bundesregierung geplante öffentlich-rechtliche Atomfonds, der die Verantwortung für Zwischen- und Endlagerung übernehmen soll, wäre zwar in diesem Bereich eine Art Befreiungsschlag. Zunächst brächte aber auch er eine milliardenschwere Belastung für die Konzerne mit sich. Dabei brauchen E.ON, RWE, EnBW und Vattenfall doch jetzt alle Energie, um sich offensiv an der Energiewende zu beteiligen. Windparks sind teuer, der Ausbau der Leitungen zum intelligenten Stromnetz ist aufwändig. Vor allem aber erfordert die Suche nach neuen Geschäftschancen viel Kreativität und einen komplett neuen Spirit. Die Energiekonzerne müssen sich komplett wandeln. Aus den Versorgern müssen Dienstleister werden. Aus den über Jahrzehnte hinweg träge gewordenen Tankern, die sich auf die Gewinne aus den großen Kraftwerken verlassen konnten, müssen innovative Schnellboote werden. Schließlich wartet in der neuen Energiewelt eine neue Konkurrenz aus Technologieriesen wie Google und Apple genauso wie hungrige Start-ups. Die Konzerne dürfen deshalb nicht im Sparmodus verharren. Nach der Neuaufstellung müssen sie jetzt rasch eine Vorwärtsstrategie präsentieren.

Suche

Aktuelles Heft
Inhalt der Ausgabe 3/2017
Schwerpunkt: Anreizregulierung
Erdgas-Zukunft: Energieträger statt Energiequelle?
Regulierung: Auswirkungen der Anreizregulierungsnovelle
Recht: Strompreiszonen quo vadis?
mehr...
Anzeige
 
EW Medien und Kongresse GmbH
Montebruchstraße 20 | D-45219 Essen | Telefon: +49 (02054) 9532-0 | Telefax:  +49 (02054) 9532-60

Aktuelles Heft  | Zukunftsfragen  | Topthema  | Weitere Themen  | Termine  | Heftbestellung  | Mediadaten  | Ansprechpartner

Copyright 2012 by ONexpo  |  anmelden  |  Impressum |  AGB