Dienstag, 26. September 2017
-   Der Kommentar
An der Verzichts-Debatte führt kein Weg vorbei

Ursula Weidenfeld

Der et KommentarRalf Fücks, Vorstand der grünen Heinrich-Böll-Stiftung, war glücklich. „Im vergangenen Jahr ist es gelungen, Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch zu entkoppeln“, triumphierte er in diesem Frühjahr bei einer Konferenz der Stiftung in Berlin. Damit sei eines der großen Dilemmata der Moderne gelöst: dass nämlich Wirtschaftswachstum nur zulasten des Ressourcenverbrauchs und damit des Klimaschutzes zu haben ist.

Für Politiker ist das mehr als ein Klima-Problem. Sie brauchen Verteilungsspielräume – also Wachstum, Wohlstand, Steuereinnahmen – um arbeiten zu können. Das Elterngeld, die Rente mit 63, die Mütterrente oder das Erneuerbare-Energien-Gesetz würde es nicht geben, wenn es kein Wirtschaftswachstum gäbe. Ließen sich Wachstum und Emissionen nicht entkoppeln, müssten klimabewusste Politiker für den Verzicht auf Wohlstand werben.

Das kommt beim Wähler nicht so gut an. Deshalb warten Energie- und Klimapolitiker gespannt auf die jährlichen Statistiken zu Energieverbrauch und Wirtschaftswachstum. Deshalb war der Grünen-Vordenker Fücks so begeistert von den Zahlen des vergangenen Jahres. Sie alle wissen: Ersteres muss sinken, das Zweite muss wachsen. Das ist der Lackmustest, wenn die Klimaziele ohne soziale Verwerfungen erreicht werden sollen.

Auf den ersten Blick sieht es tatsächlich ganz gut aus. Im Jahr 2015 kam der Verbrauch an Primärenergie weltweit nahezu zum Stillstand, die Treibhausgasemissionen gingen sogar leicht zurück. Die Weltwirtschaft dagegen wuchs um 3 Prozent. Alles nach vorläufigen Zahlen, aber immerhin.

Doch ist das wirklich ein Grund zum Feiern? Hat die Welt endlich den Trick für ein klimafreundliches Leben mit wachsendem Wohlstand gefunden? Wahrscheinlich nicht. 2015 war ein Jahr, in dem alle klimapolitisch günstigen Umstände zusammenkamen. Das weltweite Wachstum ließ nach, und zwar vor allem in den Ländern, in denen immer noch viel fossile Energie eingesetzt wird. Mit dem Schiefergas aus den USA stand zudem ein treibhausgasgünstiger Rohstoff zu sensationell niedrigen Preisen zur Verfügung. Der ersetzte die Verbrennung von hochproblematischer Kohle. Selbst die größten Energieverbraucher der Welt investierten in großem Stil in erneuerbare Energien.

Ungelöst aber bleibt die Frage, ob auch die enormen Energieeffizienz-Anstrengungen der entwickelten Länder zu dem erfreulichen Ergebnis maßgeblich beigetragen haben. Entgegen aller politischen Modellrechnungen zum Klimaschutz darf man die Effizienzgewinne neuer Maschinen, moderner Technik und sparsamer Geräte nicht eins zu eins als Erfolg buchen. Denn: Wer Energiekosten spart, kann das Geld anders verwenden und damit zusätzliche Energie verbrauchen. Unternehmen können schneller wachsen, private Verbraucher können mehr konsumieren, sparsame Fahrzeuge können mit stärkeren Motoren ausgestattet werden. Dieser Rebound-Effekt ist zwar noch nicht gut erforscht, doch er existiert. Und deshalb müssen die Klimapolitiker sich heute mehr denn je fragen, ob ihre Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz tatsächlich sinnvoll sind.

In der Tat ist es nämlich so, dass energieeffiziente Produkte öfter und länger genutzt werden als andere. Energieeffiziente Wohnungen haben mehr Quadratmeter, die Räume werden auf eine höhere Durchschnittstemperatur geheizt, eine automatische Belüftung muss eingebaut werden. Der schlappe Staubsauger wird öfter angeworfen, der schwache Fön braucht zum Trocknen der Haare länger. Für die Unternehmen ist die Lage noch unübersichtlicher. Hier schwanken die Annahmen für den Rebound von 20 bis 40 Prozent der eingesparten Energie, die woanders zusätzlich verbraucht wird. Allerdings: Allein bei den Fahrzeugflotten wird der Rebound-Effekt auf bis zu 60 Prozent geschätzt. Oft ist zudem die Herstellung effizienter Maschinen und Produkte besonders energieaufwendig.

Dramatisch wäre es, wenn durch Effizienzinvestitionen am Ende unter dem Strich mehr Energie verbraucht als auf der anderen Seite gespart würde. Zwar meinen Forscher der amerikanischen Eliteuniversität Yale, das sei nur sehr selten der Fall. Doch stellen auch sie fest, dass der Klimavorteil großer Anstrengungen oft sehr bescheiden ist. Im Energiewende-Land Deutschland legten die Treibhausgasemissionen im vergangenen Jahr sogar wieder zu, obwohl immer mehr effiziente Geräte vorgeschrieben, Häuser eingepackt und E-Motoren auf die Straße geschickt werden.

Auch weltweit dürfte die Feierlaune des Jahres 2015 schon im nächsten Konjunkturaufschwung wieder verfliegen. Es ist immer noch kein Weg gefunden worden, Wachstum und Klimaschutz tatsächlich nachhaltig zu versöhnen. Für Politiker sind das schlechte Nachrichten. „Klimaschutz ohne Verzicht!“ (Ralf Fücks) ist eben doch noch nicht zu haben, jedenfalls nicht so schnell. Wer die CO2-Emissionen bis zum Jahr 2050 ernsthaft um 80 Prozent im Vergleich zu 1990 senken will, wird um die hässliche Verzichts-Debatte nicht herumkommen. Er wird entweder über eine umfassende CO2-Besteuerung reden. Oder über Obergrenzen für den Energieverbrauch. Mit einem solchen Programm zur Wahl anzutreten, sie zu gewinnen und danach erfolgreich zu regieren: Das ist bis auf Weiteres der gesuchte Trick.

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