Samstag, 18. November 2017
-   Der Kommentar
Energie sparen ≠ Kosten sparen

Wieland Kramer, Fachjournalist, Wuppertal

Der et Kommentar

Ich besitze eine neue Heizungspumpe! Noch ehe das Licht im Heizungskeller angeht, blinkt mir eine niedrige einstellige Ziffer, meist eine Fünf, in leuchtendem Rot entgegen. Angezeigt wird – so hoffe ich wenigstens – der Verbrauch der Pumpe in Watt und Stunde. Das Signal strahlt jedoch viel mehr aus: Guten Morgen Energiesparer, hallo Klimafreund, schallt es mir unhörbar entgegen. Selten bis nie haben kleine farbige Leuchtdioden soviel gutes Gewissen erzeugt. Entsprechend hoch ist die Vorfreude auf die neue Stromrechnung. Tatsächlich, der Jahresverbrauch liegt um 13,3 Prozent niedriger als im Vorjahr und das trotz Schalttag, guter Binnenkonjunktur des eigenen Pressebüros und der kurzzeitigen Beschäftigung eines Migrations-Praktikanten. Ernüchterung eine Zeile tiefer: Die Jahresgesamtkosten haben sich gerade mal um 0,92 Prozent vermindert. Die Ausgabe für die neue Pumpe rentiere sich wahnsinnig schnell, oder so ähnlich, hatte sich der Heizungsinstallateur nach dem Einbau geäußert.

Ich kontaktiere per Telefon meinen persönlichen Berater aus dem Team Energieeffizienz und Energiedienstleistungen meines Versorgers, schildere das Problem und bin anschließend nachhaltig sprach- und ratlos. Zunächst darf ich mich im Lob des Energiesparexperten sonnen. Durch einen persönlichen Energiespar-Check seines Kollegen wäre aber bestimmt noch mehr drin gewesen. Ich lehnte mit Dank ab und insistiere, maßlos übertreibend, auf das offenbar umgekehrt reziproke Verhältnis zwischen Effizienzsteigerung und Kostensenkung. Prompt kommt die Antwort, die mich bis heute tief beeindruckt und einen dicken Absatz im Manuskript wert ist:

Ich hätte doch wohl nicht den aktuellen Abrechnungszeitraum mit dem Vorjahresjahreszeitraum verglichen, da müsse ich ja zu völlig falschen Ergebnissen kommen. Grundlage der Effizienzberechnung sei der fiktive aktuelle Jahresverbrauch ohne Berücksichtigung der durchgeführten Effizienzmaßnahmen. Mehr ahn- als hörbar gleiten die Finger des Effizienzexperten über den Tastenblock seiner Computertastatur und binnen weniger Sekunden präsentiert er stolz sein Ergebnis: Verglichen mit dem fiktiven Jahresverbrauch ohne Effizienzsteigerungsmaßnahmen im Abrechnungszeitraum und unter Berücksichtigung des veränderten Grund- und Arbeitspreises sowie sonstiger interner und externer Faktoren, deren Erläuterung hier und jetzt zu weit führen würde, liegt meine persönliche Energiekosteneinsparung bei 7,84 Prozent brutto. Das sei kein schlechter Wert, so der bilanzierende Schlusssatz meines persönlichen Effizienzberaters. Auf die angebotenen Erläuterungen zum Anteil von Steuern und Abgaben am Strompreis, den Großhandelspreisen und der überaus erfolgreichen Portfoliobeschaffung sowie dem aufpreisfreien Ökostrom meines Versorger verzichte ich, murmle noch eine rituelle Dankesformel und lege den Hörer auf.

Mein Fazit lautet jetzt: Man muss das Ereignis namens Energiewende offensichtlich neu und kreativ denken, dann klappt’s auch mit der Zufriedenheit. Allerdings keimen Zweifel, nachdem ich die Szenariorahmen für die zukünftigen Netzentwicklungspläne, das neue Gesetz zum Strommarktdesign und den Entwurf für das neue EEG durchgearbeitet und mir als Zugabe noch die Neuigkeiten zur Anreizregulierung und die neuen Pläne für die Weiterentwicklung des Europäischen Emissionshandelssystems zusammenrecherchiert habe. Schon seit Längerem dämmert mir, dass das im Energiewirtschaftsgesetz verankerte Gebot der wirtschaftlichen Energieversorgung in den Umsetzungsvorschriften zur Energiewende deutlich abgeschwächt zur Geltung kommt.

Doch die konkrete Erfahrung als Verbraucher und die Erkenntnisse aus der journalistischen Recherche zwingen zu der Einsicht, dass der Verbraucher und sein in der Regel schmaler Geldbeutel allenfalls ungern gesehene Partner der Energiewende sind. Ja, mehr noch, wer wirtschaftliche Bedenken oder Sorgen vorträgt, verstößt massiv gegen den neuen energiepolitischen Moral-Kodex. Dabei ist es alles andere als unstatthaft, ja vielleicht sogar dringend geboten, auf die nächsten Kostensteigerungen hinzuweisen. Schließlich steht der Wahlkampf für den 19. Deutschen Bundestag vor der Tür und damit eine zwar regelmäßig wiederkehrende, aber nur sehr kurze Phase des offenen Ohres der Politiker gegenüber dem Wähler.

Die EEG-Umlage zeigt wieder einen deutlichen Aufwärtstrend. Eine Sieben vor dem Komma der künftigen Cent-Abgabe wird nur sehr knapp vermieden. Die Abgabe hat bei mir und den meisten Deutschen noch immer als zentrale Säule für den Umbau des Energiesystems eine hohe Akzeptanz. Anders sieht es dagegen bei den Gesamtkosten für die Stromversorgung aus. Wie hoch sind eigentlich die gesamtwirtschaftlichen Belastungen dafür, dass wir uns noch für mindestens zwei Jahrzehnte ein doppeltes Stromerzeugungssystem leisten: Zum einen die erneuerbaren Energien für die Klimabilanz und zum anderen die konventionellen Kraftwerke für die Sicherheit? Aber das Kostenproblem ist nicht beschränkt auf die Erzeugungsanlagen. Die Netzentwicklungspläne geben Aufschluss über den Investitionsstau beim Leitungsbau. Und die Fortentwicklung der Anreizregulierung scheint dafür vorgesehen zu sein, eine neue Stufe der Kostenwälzung einzuführen. Es ist ein dringendes Gebot, dass der Verbraucher sich wieder stärker in die Energiepolitik einmischt.

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