Samstag, 17. November 2018
-   Der Kommentar
Die nächste Revolution

Jürgen Flauger, Handelsblatt

Der et KommentarEs gibt mal wieder einen neuen Spieler auf dem deutschen Energiemarkt. Seit kurzem ist das Hamburger Unternehmen Enyway am Start. Der Newcomer wirbt mit einem nach eigenen Worten „revolutionären“ Geschäftsmodell: Er bringt die Erzeuger von grünem Strom über einen Online-Marktplatz direkt mit den Stromkunden zusammen – und will somit die klassischen Versorger überflüssig machen. Natürlich ist ein gesundes Maß an Skepsis angebracht, wenn ein Unternehmen selbst die Revolution ausruft. Und natürlich ist das auch nicht der erste Versuch, mit einem völlig neuen Geschäftsmodell auf dem deutschen Energiemarkt Fuß zu fassen. Und es wäre auch nicht der erste Versuch, der krachend scheitern würde. Und natürlich wurde den klassischen Versorgern, insbesondere den Stadtwerken, schon oft das Aus prognostiziert – und nichts geschah.

Die Platzhirsche, egal ob großer Energiekonzern oder Kommunalversorger, sollten diesen Versuch aber durchaus ernst nehmen. Zum einen steht dahinter ein Mann, der schon einmal erfolgreich den deutschen Strommarkt ausgemischt hat: Lichtblick-Gründer Heiko von Tschischwitz, der mit seinem Unternehmen Ende der 1990er Jahre den Schwierigkeiten bei der Liberalisierung getrotzt und Lichtblick als einen der wenigen erfolgreichen Newcomer etabliert hat. Er ist so überzeugt von seiner Idee, dass er direkt den Vorstandsvorsitz bei Lichtblick aufgegeben hat. Zum anderen müssen sich die etablierten Versorger einfach auf Disruptionen in ihrer Branche einstellen. Eine solche wird aller Wahrscheinlichkeit nicht von einem kleinen Newcomer wie Enyway ausgelöst. Die Digitalisierung wird den Markt aber auf jeden Fall komplett verändern. So viel ist sicher. Es werden Geschäftsmodelle entstehen, die heute noch unvorstellbar sind und es werden ganz neue Spieler auf den deutschen Energiemarkt kommen: Startups, ausländische Konkurrenten und High-Tech-Größen. Die Branche hat ja auch schon eine Disruption hinter sich – und die hat sie komplett verschlafen: Die Energiewende.

Die Digitalisierung hat schon ganz andere Branchen aufgemischt: Die Musik- und Filmbranche, den Handel, die Telekommunikation, selbst das Taxigewerbe ist davor nicht gefeit. Und auch in der Energiebranche rückt das Geschäft mit den Daten zunehmend in den Vordergrund. Die Versorger legen ja die Grundlage dafür, indem sie das Stromnetz intelligent machen, den Stromfluss mit dem Austausch von Daten kombinieren. In die privaten Haushalte werden intelligente Zähler eingebaut, die punktgenau Verbrauchsdaten steuern. Sogar ganze Städte werden zu Smart Cities. Mit den Daten, die dabei gesammelt werden, ergeben sich ganz neue Möglichkeiten, das eigene Geschäft zu optimieren. Beispielsweise lassen sich mit einer intelligenten Verknüpfung von Daten zu Produktion, Wetter und Strompreisen Betrieb und Wartung von Offshore-Windparks effizienter planen. Die Energiewende, mit ihren vielen dezentralen Stromproduzenten, ist ohne ein effizientes Datenmanagement bald überhaupt nicht mehr zu bewältigen.

Es ergeben sich aber auch völlig neue, überraschende Geschäftsmodelle. An intelligenten Stromzählern lassen sich beispielsweise komplette Verbrauchsprofile von Endkunden erstellen. Jedes elektrische Gerät, egal ob Fernseher, Fön oder Waschmaschine, hat einen elektronischen Fingerabdruck, einen ganz spezifischen Ausschlag im Stromverbrauch. Ein US-Unternehmen hat ein Analysetool entwickelt, um dem Verbraucher aufzuschlüsseln, wann er mit welchem Gerät wieviel Strom verbraucht hat – und ihm einen Anreiz zum Stromsparen zu geben. Und offenbar, das zumindest beweist Enyway, lassen sich tradierte Geschäftsmodell plötzlich infrage stellen. Dem Unternehmen gelingt es, einen kompletten Teil der Wertschöpfungskette auszuschalten: Den Vertrieb. Bislang konnten die Betreiber von Solar- und Windanlagen ihren Strom nur anonym ins Netz speisen oder allenfalls über Großhändler vermarkten. Über das Internet ist der direkte Kontakt zum Kunden möglich, können die Betreiber selbst Verträge mit den Stromkunden schließen.

Ob das auch im großen Stil ein Erfolg wird? Das kann man infrage stellen. Aber alleine die Tatsache, dass es funktioniert, beweist doch eines: Die Energiekonzerne und Stadtwerke müssen achtsam sein. Vielleicht versucht sich ja demnächst wirklich eine Internetgröße wie Google an einer Energie-Plattform, die den Markt dann so richtig durcheinanderwirbeln könnte. Bei der Stromproduktion wurde die Marktmacht der Konzerne und Stadtwerke ja auch gebrochen. Viel zulange haben sie die erneuerbaren Energien belächelt, jetzt speisen Privatpersonen zu Hunderttausenden Solarstrom ins Netz. Die Energiewende hat schon die Macht der Kunden gestärkt. Die privaten Haushalte sind selbst zu Produzenten geworden. Auch im Vertriebsgeschäft werden sie selbstbewusster auftreten. Sie verlangen schon heute nach neuen Produkten und Dienstleistungen – und vielleicht brauchen sie ja wirklich bald keinen Energievertrieb mehr als Partner. Die Energiekonzerne und Stadtwerke haben noch die Möglichkeit, die Digitalisierung als Chance zu betrachten und nicht von der Entwicklung überrollt zu werden. Es ist auch nicht so, dass sie komplett untätig sind. Die großen Konzerne haben allesamt ihre Innovationsabteilungen – und auch die Stadtwerke versuchen sich zunehmend an neuen, digitalen Geschäftsmodellen. Die Zeit der „Versorger“, die dem „Verbraucher“ ihre Produkte vorsetzen, die dieser gefälligst zu akzeptieren hat, ist aber auf jeden Fall vorbei. Auch Energieunternehmen sind Dienstleister.


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