Montag, 24. April 2017
-   Der Kommentar
Doppelkapazitäten abbauen

Ursula Weidenfeld

Der et KommentarDoppelt genäht hält besser. Nach dem Motto der schwäbischen Hausfrau leistet sich Deutschland heute ein Energiesystem der doppelten Kapazitäten. Die erneuerbaren Energien nehmen an Bedeutung ständig zu. Doch auf die Kraftwerke, die den Strom mit fossilen Energien produzieren, kann man noch lange nicht verzichten. Das ist teuer, nicht effizient – und zum Teil vermeidbar. Die am meisten versprechenden Wege, Überkapazitäten abzubauen, sind allerdings unpopulär und schwierig. Die weniger durchschlagenden haben Sex Appeal und sprechen auch den privaten Verbraucher direkt an.

Man muss kein Rateprofi sein, um zu prognostizieren, auf welchen Weg sich Strategen der Energiewende verständigen. 195 Gigawatt an elektrischer Leistung sind in Deutschland installiert. Sie verteilen sich nahezu hälftig auf konventionelle und erneuerbare Energie. Weil die Erneuerbaren nicht immer zur Verfügung stehen und bis heute nur rund ein Drittel des benötigten Stroms liefern, braucht man die konventionellen Kraftwerke – obwohl inzwischen alle Beteiligten die meisten von ihnen lieber heute als morgen loswürden.

Jeder hat seine eigene Mängelliste. Die Speichertechnologie sei noch nicht so weit, stöhnen die Energiepolitiker. Das Stromnetz sei ungenügend ausgebaut, jammern die Übertragungsnetzbetreiber. Das Lastmanagement funktioniere nicht gut genug, kritisieren die Experten. Die Verbraucher seien immer noch so furchtbar unsmart, bemängeln die Start-ups und die Freunde der Digitalisierung. Jeder fordert „Anreize“, also weitere Subventionen. Die Branche ist so staatshörig, dass sich kaum noch jemand Innovationen vorstellen kann, die nicht mit neuem Steuergeld oder höheren Umlagen auf den Strompreis angeschoben werden. Der Bundesrechnungshof kritisiert in seinem neuesten Gutachten, dass selbst den Regisseuren der Überblick abhanden gekommen sei. Zu viele Programme, zu viele einander widersprechende Ziele, zu viel Geld, zu wenig Erfolgskontrolle. Kurz: Die Energiewende ist ein „Anreiz“-Dorado, aber keines der effizienten und vernünftigen Lösungen. Das übergreifende Ziel, Strom klimaneutral, preiswert und stabil herzustellen, gerät aus den Augen.

Dabei gibt es mittlerweile viele Hinweise, wie es gehen kann. Der einfachste und preiswerteste Weg, einen Teil der Doppelkapazitäten abbauen zu können, ist ein besseres Lastmanagement. Doch Leidenschaft ist in diesem Bereich nicht zu orten. Die Sache ist zu kompliziert, die Gewinne für die am System Beteiligten sind zu gering. Der zweite Weg ist der Ausbau der Stromtrassen. Funktioniert erst einmal der Energiestrom zwischen den Windstandorten im Norden und den Industrieanlagen im Süden, kann die Kapazität bei fossilen Kraftwerken reduziert werden. Auch das Thema ist nicht sehr beliebt, der Bürger lehnt es ab. Der dritte Aspekt sind die großen Energiespeicher. Sie könnten überschüssige Energie aus Wind und Sonne aufnehmen und in das Netz einspeisen, wenn sie gebraucht wird. Doch die Speicher haben ein besonderes Problem. Tatsächlich benötigt werden sie erst, wenn der Anteil der Erneuerbaren noch größer wird als bisher. Ob die Speicher dann noch so groß sein müssen, wie heute angenommen wird, ist ebenfalls nicht klar.

Das wissen auch die Energiepolitiker: Im Klimaschutzplan 2050 der Bundesregierung wird das Thema – in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends die ganz große Sache – zwar noch erwähnt. Mehr aber auch nicht. Lieber konzentriert sich die politische Energie auf das vierte Feld: die Digitalisierung. Wenn Sonne und Wind auf noch viel breiterer Basis und effizient eingesetzt werden sollen, muss der Verbrauch flexibilisiert werden. In Ländern wie Frankreich schließen Lastmanagement-Dienstleister Verträge mit großen Einzelhandelsketten, Logistikern und der Industrie. Stellen Einzelhändler beispielsweise ihre Tiefkühltruhen gebündelt zur Verfügung, um als Speicher, Überschussverbraucher und Lieferant zu fungieren, profitieren sie. Deutschland ist noch nicht so weit. Beiträge zum Lastmanagement sind hier immer noch vor allem eine Angelegenheit der Energieerzeuger.

Damit das flexible Potenzial auch von kleinen Unternehmen, Immobilien und privaten Verbrauchern genutzt werden kann, hat der Bundestag im vergangenen Jahr beschlossen, Smart Meter nach bestimmten Verbrauchsgrenzen stufenmäßig flächendeckend vorzuschreiben. Energiepolitiker träumen nun vom Smart Meter in immer mehr Haushalten, der alle Geräte von der Waschmaschine bis zum Kühlschrank und auch das E-Auto dazu bringt, zum Ausgleich des Strommarktes beizutragen. Damit machen sie den Verbrauchern etwas vor. Das tatsächliche Potenzial, einen Beitrag zur Reduzierung der fossilen Kapazitäten zu leisten, liegt im Handel und bei Unternehmen ohne eigene Energieerzeugung, aber großem Verbrauch.

Die Energiewende ist in ein Entwicklungsstadium eingetreten, in dem der Staat zwar enthusiastisch steuert, aber immer weniger Übersicht über das zu Steuernde hat. Der Ökonomie-Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek würde zur Abwechslung den „Wettbewerb als Entdeckungsverfahren“ empfehlen.

Suche

Aktuelles Heft
Inhalt der Ausgabe 4/2017
Schwerpunkt: Zukunftsfragen
Energieeffizienz: Zukunftsfähigkeit von Heizsystemen
Zukunftsfragen: Energiewende und Klimaschutz; Zahlungsbereitschaft für grünen Strom
Energiespeicher: Wo ist der „Market Pull“ für Batteriespeicher?
mehr...
 
EW Medien und Kongresse GmbH
Montebruchstraße 20 | D-45219 Essen | Telefon: +49 (02054) 9532-0 | Telefax:  +49 (02054) 9532-60

Aktuelles Heft  | Zukunftsfragen  | Topthema  | Weitere Themen  | Termine  | Heftbestellung  | Mediadaten  | Ansprechpartner

Copyright 2012 by ONexpo  |  anmelden  |  Impressum |  AGB