Mittwoch, 23. August 2017
-   Der Kommentar
Elektromobilität – endlich Anschluss gefunden

Jürgen Flauger, Handelsblatt

Der et KommentarDas Thema Elektromobilität hatte in den vergangenen Jahren in Deutschland ein sehr großes Nerv-Potenzial. Egal ob Politik, Autoindustrie oder Energiewirtschaft – alle Parteien waren sich einig, dass das Land dringend Elektroautos braucht, und zwar rasch und viele. Es wurde sogar eine branchenübergreifende und mit vielen Spezialisten besetzte Initiative gestartet, die Nationale Entwicklungsplattform Elektromobilität. Tatsächlich hat sich aber fast nichts getan. Von der einen Million Autos, die Politik und Entwicklungsplattform für 2020 als Ziel ausgegeben haben, gab es Mitte vergangenen Jahres gerade einmal 60.000. Und auch von den dafür nötigen 70.000 Ladepunkten waren gerade einmal 6.500 installiert.

Jetzt gibt es aber tatsächlich Hoffnung. In diesem Jahr könnte die Elektromobilität in Deutschland endlich in Schwung kommen. Endlich zieht auch die Energiebranche mit. Versorger aus der ganzen Republik, Energiekonzerne und Stadtwerke, wollen Tausende Ladepunkte installieren. Das Engagement kommt zwar nicht ganz freiwillig. Die Unternehmen stürzen sich schlicht auf die Fördergelder, die die Bundesregierung seit März bereitstellt.

Aber letztlich zählt das Ergebnis: Mit dem flächendeckenden Aufbau der Ladeinfrastruktur wird eine wichtige Voraussetzung geschaffen, damit die Elektromobilität auch hierzulande den Durchbruch schaffen kann. Zumindest haben die Autohersteller keine Ausrede mehr, endlich selbst preisgünstige Elektroautos in großer Auswahl anzubieten. Für die Versorger stellt sich dann aber nur auch eine entscheidende Frage: Wie können sie aus der gesellschaftlichen Verpflichtung, sich beim Aufbau der Elektromobilität zu engagieren, auch ein Geschäft machen?

Man kann über den Sinn und das Erfordernis von staatlichen Zuschüssen trefflich streiten. Bei der Elektromobilität war es aber offenbar bitter nötig, dass der Staat letztlich die Initiative ergriff. Die Autohersteller zögerten in den vergangenen Jahren mit dem Angebot an Elektroautos, weil es an der nötigen Ladeinfrastruktur fehlte. Sie sahen Probleme, die Kunden vom Kauf eines elektrisch angetriebenen Autos zu überzeugen.

Die Energiekonzerne wiederum zögerten mit der Installation der Ladesäulen, weil es bisher kaum Autos auf den Straßen gibt. Geld lässt sich schließlich keines verdienen, wenn die Säulen kaum frequentiert werden. Und eine normale Ladesäule kostet zwischen 7.000 und 10.000 Euro. Bei einer Schnellladesäule sind es schnell über 30.000 Euro. Es gab ein klassisches Henne-Ei-Problem.

Im vergangenen Frühjahr entschied der Bund, den beiden Parteien ihre Argumente zu nehmen und jeweils Anreize zu setzen. Autokäufer erhalten seither eine Prämie und für den Ausbau der Ladeinfrastruktur stellte die Bundesregierung rund 300 Millionen Euro zur Verfügung. Das kostet den Steuerzahler zwar viel Geld. Anders ging es aber wohl nicht.

Während die Kaufprämie kaum angenommen wird – die Elektroautos sind einfach trotzdem zu teuer –, gab es Anfang März einen regelrechten Run, als der Bund die erste Tranche für die Infrastruktur bereitgestellt hat. Allein die großen Konzerne Innogy, EnBW, Vattenfall und E.ON wollen auf einen Schlag ein paar Tausend Ladepunkte installieren. Und Kommunalversorger machen ebenfalls fleißig mit. Es zahlt sich offenbar aus, dass das Geld nach dem Windhund-Prinzip vergeben wird. Schnelligkeit zählt.

Durch die Förderung werden rund 40 Prozent der Kosten abgedeckt. Die Versorger kommen damit in eine Region, in der sich der Aufbau der Ladesäulen einigermaßen vertreten lässt. Die Branche ist endlich in der Lage, in Vorleistung zu gehen. Jetzt sind aber auch die Autokonzerne am Zug. BMW, Daimler und Volkswagen haben im vergangenen Jahr zwar allesamt Initiativen angekündigt. Die deutschen Hersteller wollen Milliarden investieren und viele Modelle auf den Markt bringen. Das machen die Unternehmen nicht ganz freiwillig. Zum einen müssen sie den Rückstand gegenüber dem US-Elektroautopionier Tesla verringern. Zum anderen müssen sie das miserable Image korrigieren, das sie seit der Dieselgate-Affäre haben. Tatsächlich müssen BMW, Daimler, Volkswagen & Co. jetzt aber auch Taten folgen lassen.

Den Versorgern kann das aber egal sein. Wenn endlich mehr Elektroautos auf die Straßen kommen, könnte auch für sie die Elektromobilität zum Geschäft werden. Dabei müssen sie aber einfallsreich sein. Alleine am Stromabsatz werden sie nichts verdienen, damit lassen sich die Kosten allenfalls an hochfrequentierten Standorten decken. Es geht darum, Zusatzleistungen zu entwickeln, Komplettangebote für Strom, Abrechnung und Service. Oder sie bieten ihr Know-how Großkunden an. Die Elektromobilität wird ihren Durchbruch sicherlich bei den Flotten großer Konzerne schaffen. Wer sich so einen Auftrag sichert, macht ein gutes Geschäft. Und viele Branchen entdecken die Elektromobilität als Chance zur Kundenbindung. Supermärkte beispielsweise locken mit Ladesäulen Kunden zu sich. Für Versorger sind das lukrative Partner. 2017 dürfte die Elektromobilität in Deutschland voran bringen. Im nächsten Schritt müssen die Versorger aber endlich ein Geschäftsmodell daraus machen.

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