Dienstag, 26. September 2017
-   Der Kommentar
Trump als Sündenbock ist zu einfach

Daniel Goffart, FOCUS-Magazin

Der et KommentarDonald Trump ist noch kein Jahr im Amt, aber er führt bereits mit weitem Abstand die Liste der unbeliebtesten Präsidenten an – vor allem in Europa. Gründe dafür gibt es mehr als genug: Das Einreiseverbot für Muslime aus bestimmten Ländern sorgte für Kopfschütteln, ebenso der geplante Mauerbau an der Grenze zu Mexiko oder Trumps Drohung mit Strafzöllen im Rahmen seiner „America-First“-Strategie. Den größten Unmut hat der US-Präsident aber zweifellos mit der Ankündigung bewirkt, das Pariser Klimaschutzabkommen zu sabotieren. Weltweit erhob sich lauter Protest; die USA als einer der größten Luftverschmutzer der Welt wurden als skrupellos und unverantwortlich gebrandmarkt.

Die Kritik ist im Kern sicherlich berechtigt. Als globale Führungsmacht trägt Amerika besondere Verantwortung – auch und gerade in Sachen Klimaschutz. Allerdings verstellt die einseitige Kritik an den USA leicht den Blick darauf, dass die anderen Länder auch nicht viel besser handeln. Eine neue Studie belegt nämlich, dass die internationale Staatengemeinschaft auf dem besten Wege ist, die im Pariser Abkommen feierlich vereinbarten Klimaschutzziele ebenfalls zu verfehlen. So gelangt der neue „Allianz Climate and Energy Monitor 2017“ zu dem Ergebnis, dass die G–20-Staaten ihre jährlichen Investitionen in erneuerbare Energien verdoppeln müssten, wenn sie das im Pariser Klimaschutzabkommen vereinbarte Ziel einhalten wollen, die Erderwärmung nicht über zwei Grad ansteigen zu lassen, besser noch um höchstens 1,5 Gad im Verhältnis zur vorindustriellen Zeit. Dafür sind allerdings jährliche Investitionen von mehr als 700 Milliarden Dollar bis zum Jahr 2035 erforderlich.

Die G–20-Konferenz Mitte Juli in Hamburg wäre eine gute Gelegenheit gewesen, das bislang Erreichte mit dem vereinbarten Ziel abzugleichen und daraus gemeinsame Strategien und Handlungsoptionen zu entwickeln. Immerhin stehen die 20 größten Volkswirtschaften der Welt für rund 80 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung und für 85 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen. Doch im Krawall des Schwarzen Blocks und im Protest gegen „Klima-Cowboy“ Trump ging die eigentliche Botschaft der neuen Klima-Studie unter: Nicht nur die USA, sondern auch die anderen 19 Großmächte dieser Welt unternehmen viel zu wenig, um die dramatische Erwärmung zu stoppen. Der Bundeskanzlerin, die sich im aktuellen Wahlkampf gerne als weitsichtige Weltenlenkerin inszeniert, konnte diese Wahrnehmungslücke nur recht sein. Denn auch Deutschland, das sich international als ökologischer Musterknabe feiern lässt, sieht bei näherem Hinsehen in Sachen Klimaschutz gar nicht gut aus. Von dem selbst gesetzten CO2-Minderungsziel in Höhe von minus 40 Prozent bis 2020 gemessen an 1990 ist die Bundesrepublik noch meilenweit entfernt. Allerdings liegt Deutschland gemeinsam mit Frankreich und Großbritannien weit vorne beim Ausbau erneuerbarer Energien. Ausdrücklich wird in der Studie darauf hingewiesen, dass die drei Länder eine langfristige Strategie verfolgen – immerhin. Eine besondere, wenn auch widersprüchliche Rolle nimmt China ein. Auf der einen Seite installierten die Chinesen im vergangenen Jahr 2016 mehr Photovoltaik-Anlagen als die anderen G–20-Staaten zusammen. Andererseits konterkariert kaum ein Land seine ökologischen Bemühungen so sehr wie das Reich der Mitte. Gleichzeitig zu den Solaranlagen nämlich lässt die Regierung in Peking reihenweise neue Kohlenkraftwerke errichten. Wie sich das mit dem Versprechen der chinesischen Staatsführung verträgt, künftig eine Führungsrolle im globalen Klimaschutz einnehmen zu wollen, bleibt ein Rätsel.

Weltweit sind rund 1.600 neue Kohlekraftwerke in Bau oder in Planung – die meisten davon in China und in Indien. Nicht nur Umweltschützer sehen das kritisch. Wenn alle diese Anlagen tatsächlich wie geplant in Betrieb genommen werden, gilt der Klimavertrag von Paris als weitgehend wertlos. Da lässt es sich aus Sicht der anderen G–20-Länder dann besonders gut auf Donald Trump schimpfen – das lenkt zuverlässig vom eigenen Versagen ab. Unter den Kohle-Sündern befinden sich jedoch nicht nur Inder und Chinesen, sondern auch die Europäer. Verglichen mit Asien ist die Kohle in Europa zwar eindeutig auf dem Rückzug. Aber auch hier sind Kohlekraftwerke mit einer Kapazität von knapp 190.000 Megawatt in Planung oder im Bau. In den USA und in Kanada wird sogar eine Leistung von knapp 300.000 Megawatt ausgebaut – und das trotz einer enormen Zunahme der Gasgewinnung durch Fracking. Der Energiehunger der USA scheint grenzenlos; ebenso stark ist allerdings die Neigung, sich von Ölimporten aus dem politisch instabilen Nahen Osten unabhängig zu machen. Die kleinste Rolle spielt die Kohle in Afrika. Auf dem gesamten schwarzen Kontinent wird gerade einmal ein Viertel der Kohle verfeuert, die in Europas Kraftwerken landet.

Die Entwertung der globalen Klimaschutzbemühungen durch den massiven Ausbau der Kohlekraftwerke wird von der breiten Öffentlichkeit vielleicht nicht wahrgenommen. Dafür stößt die klimaschädliche Kohle-Konjunktur bei immer mehr Investoren auf Widerstand. So schließt die Allianz „die Finanzierung von kohlebasierten Geschäftsmodellen für die Investition der Eigengelder“ aus, wie der Versicherungskonzern bekräftigt. Auch Union Investment und andere große Investoren schauen auf Druck ihrer Aktionäre genauer hin, ob die finanziellen Engagements dem Klimaschutz schaden oder nicht. Die Fondsmanager lassen sich eben nicht nur von öffentlichen Stimmungen gegen den Sündenbock Trump leiten.

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