Freitag, 20. Juli 2018
-   Der Kommentar
Anreize für Flexibilität schaffen

Ursula Weidenfeld

Der et Kommentar

Normalerweise merkt der Verbraucher ja nichts. Wenn im Januar die Windräder wegen totaler Flaute stillstehen, die Sonne hinter tiefhängenden Winterwolken verschwunden bleibt, gibt es trotzdem Strom genug. Auch wenn an Pfingsten die Sonne scheint, ein kräftiger Frühsommerwind weht, kommt der Strom so wie immer aus der Steckdose – obwohl die Netzspannung nur mit vielen teuren Eingriffen stabil gehalten werden kann. Und alles zum selben Preis. Warum sich also Gedanken machen? Wenn Energieexperten dagegen eine Überschrift für das Jahr 2018 finden sollten, würden sie wahrscheinlich „Flexibilität“ wählen. Spitzenlast und Netzstabilität jederzeit zu garantieren, wird immer schwieriger. Energie-, Verkehrs- und Wärmewende werden sich im bestehenden System vermutlich nur dann bewerkstelligen lassen, wenn der Verbrauch und die Netze – vor allem die Verteilnetze – flexibler werden: Erstens, weil der Stromverbrauch steigt, wenn immer mehr Elektromotoren geladen und Wohnungen elektrisch geheizt werden sollen. Zweitens, weil nach den Plänen der Bundesregierung 65 Prozent des Stroms bis zum Jahr 2030 aus erneuerbaren Energien kommen sollen, die Produktion insgesamt also noch volatiler wird. Drittens, weil im selben Zeitraum die letzten Atom- und wenigstens einige Kohlekraftwerke endgültig abgeschaltet werden.

Mit Einspeisemanagement und Redispatchmaßnahmen werden sich die Probleme nicht mehr lösen lassen. Auch die Standardantwort „Ich werde den Netzausbau zur Chefsache machen“ (Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier) wird es nicht richten. Dazu geht es trotz der Milliardeninvestitionen sowohl bei den Übertragungsnetzen als auch bei den Verteilnetzen zu zäh voran. Nur wenn auch der Verbrauch flexibler wird, besteht Aussicht, dass der Ausbau der Erneuerbaren Energien integriert werden kann, ohne dass das Netz instabil wird. Künftig gilt: Je starrer der Verbrauch, desto teurer der Strom. Dumm nur, dass bisher ziemlich wenig getan wurde, um die notwendige Flexibilität zu klaren Bedingungen zu ermöglichen. Es fehlen die Anreize. Schlimmer noch: Stromverbraucher zahlen in der Regel auch dann noch hohe Preise, wenn erneuerbarer Strom an der Börse nur mit Zuschüssen losgeschlagen werden kann. Die zahlreichen Umlagen müssen nämlich auch dann bezahlt werden, wenn Strom gerade nichts kostet. Da kann man es niemandem verdenken, wenn er keine besondere Lust verspürt, in Flexibilität zu investieren.

Vor diesem Hintergrund ist es kaum verständlich, dass die Energiekommission der Koalition nur den Auftrag bekommen soll zu prüfen, wie und wann Kohlekraftwerke ohne Gefahr für Versorgung und Netzstabilität abgeschaltet werden können. Besser wäre es gewesen, sie gleich mituntersuchen zu lassen, wie ein funktionierendes Last- und Einspeise-Anreizsystem aussieht, wenn es keinen Atom- und vielleicht auch bald keinen Kohlestrom mehr gibt. Im Stromhandelssystem bildet sich der Bedarf an Flexibilität über den Preis ab. Bislang geschieht das vor allem an der Strombörse. Künftig aber wird es auch bei den Betreibern flexibler Lasten viel stärker als bisher der Fall sein müssen. Stromintensive Industrieunternehmen sind als Anbieter von Flexibilität notwendig, irgendwann werden auch Speicher eine Rolle spielen. Dafür aber sind die heutigen Systeme nicht gemacht. Die Regeln sind nicht flexibel genug, um kurzfristiges Einspeisungs- oder Lastmanagement zu ermöglichen und angemessen zu vergüten.

Auch die Erzeuger erneuerbarer Energien müssen anders motiviert werden. Solange die festen Einspeisevergütungen den Markt bestimmen, haben die Betreiber von Windenergieparks, Sonnenstromerzeuger oder die Eigentümer von Biogasanlagen überhaupt kein Interesse an Flexibilität. Warum auch? Ihnen fehlt ein Preisschema, das das Interesse an flexibler Einspeisung weckt. Erst wenn es das gibt, würden die Erneuerbare-Energie-Erzeuger in Speicher investieren. Und irgendwann würde die Speicherleistung selbst einen so wichtigen Beitrag leisten, dass sich der Bau, wenigstens aber der Betrieb, von existierenden Batterien oder Pumpspeicherkraftwerken wieder lohnt. Das gilt übrigens auch für die Netzbetreiber. Auch sie haben ein hohes Interesse an Speichern, um das Netz zu stabilisieren. Heute aber dürfen sie hier wegen der Entflechtungsvorschriften nicht tätig werden, weil sie selbst dann zum Anbieter von Energie würden. Wenn Bundeswirtschaftsministerium und Bundesnetzagentur in den kommenden Jahren einen neuen Rahmen für den flexiblen Strommarkt des Jahres 2030 formulieren, könnten sie dieses Verbot im Licht der neuen Anforderungen prüfen.

Auf der Ebene der Haushaltskunden muss sich ebenfalls in kurzer Zeit vieles ändern. Die wenigsten von ihnen können heute als Anbieter oder Nachfrager von Flexibilität in Erscheinung treten. Das gilt sogar dann, wenn die Haushaltskunden selbst Strom erzeugen. Auch Prosumer werden in der Regel immer noch nach dem Standardlastmodell abgerechnet. Dabei läge hier großes Potenzial. Vor allem wegen der PV-Anlagen oder der E-Autobatterien, die irgendwann ge- und entladen werden könnten, je nachdem, wie das Netz es verlangt. Wichtig ist, dass der Verbraucher bemerkt, wann Strom im Überfluss da ist, und wann es knapp wird. Kann das alles mit Reparaturen am alten System geleistet werden? Vielleicht ja. Vielleicht aber bietet der Neuanfang einer Bundesregierung die Chance, ein neues Modell zu entwickeln. Es wäre gut, wenn sich die Energiekommission der Bundesregierung auch fragen darf, ob das EEG für die Zukunft die richtigen Antworten für die Erzeuger erneuerbarer Energien findet.

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