Mittwoch, 23. Mai 2018
-   Der Kommentar
Von der Langeweile zur Dynamik

Udo Rettberg

Der et Kommentar

Wertpapierbörsen sind verlässliche Signalgeber und Stimmungsindikatoren. Das gilt auch oder gerade für die Energieversorger. Über Dekaden hinweg wiesen die Aktien dieser Branche nur geringe Schwankungen auf – mal abgesehen von den vergangenen zehn Jahren. Die über Jahrzehnte hinweg als sicher und verlässlich geltende Branche hatte lange keine neuen Reizpunkte mehr setzen können. Zuvor hatte sie sich das Image eines stabilen und sicheren – aber eben langweiligen – Wirtschaftszweigs erarbeitet. EVU-Aktien galten bei Kapitalanlegern über Jahrzehnte hinweg als sicheres und vor allem auch als renditestarkes Investment. Aus Sicht der Börsianer lag die Aufgabe der „Stromer“ schließlich angeblich „nur“ darin, die Akteure der Volkswirtschaft mit Strom zu versorgen – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die Wertpapiere der Energiewirtschaft schienen zuletzt an Phantasie zu verlieren – das scheint sich indes jetzt zu ändern. Denn die Börse hat erkannt, dass die einstige Sichtweise viel zu kurzsichtig war und hinter den Aktivitäten und Aufgaben der Energieversorger viel mehr steckt als bis dato geglaubt. Hinter dem erst seit kurzem festzustellenden Umdenken stehen die Fortschritte der Technologisierung, der Siegeszug der Digitalisierung und der Durchbruch von „big data“ und „artificial intelligence“. Seit den Akteuren an der Börse irgendwann einmal der Lichtblitz erschien und ihnen klar wurde, dass sich die Digitalisierung der Wirtschaft zu einem langanhaltenden Megatrend entwickelt, besannen sie sich. Man erkannte: Strom wird auch in der Zukunft gebraucht – und zwar in zunehmenden Mengen.

Von Bedeutung ist in der aktuellen Situation der CO2-Debatte und des Diesel-Skandals, dass Menschen nicht wirklich bereit sind, sich in ihrer Mobilität einschränken zu lassen. Dies wiederum stellte die Verkehrs-, Auto- und Energiewirtschaft gemeinsam vor riesige Herausforderungen. Vom Verkehrssektor gingen in der Folge entsprechende Energie- Initiativen aus, wenngleich zu beklagen ist, dass gerade weite Teile der hiesigen Autoindustrie viel zu behäbig agierten. Aber den Vertretern der Autobranche wurde klar (gemacht), dass das Zukunftsthema Elektromobilität ohne den großen vielfältigen fortschrittlichen Beitrag der Stromproduzenten nicht funktionieren kann. Ohne Strom stehen auch im e-Zeitalter letztlich die Räder still – gerade auch auf den Straßen und Schienen.

Aber die Anforderungen an die Energiewirtschaft kommen längst nicht nur aus dem Verkehrssektor. Getrieben werden die Initiativen für Energie 3.0 von unzähligen technologischen Entwicklungen und von der Phantasie auf heute noch kaum Vorstellbares. Die moderne umweltfreundliche Verkehrs- und Energie-Zukunft wird wohl rascher kommen, als sich der Mensch das heute vorstellen kann. Dies auch deshalb, weil die Energiewirtschaft heute längst nicht mehr nur Garant einer sicheren Stromversorgung der Bürger und der Wirtschaft ist, sondern sie darüber hinaus als Innovator und Entwickler neuer Ideen vielmehr inmitten der technologischen Schaltzentralen von Volkswirtschaften sitzt. Hier sei lediglich an die Entwicklung modularer Baukästen und anspruchsvoller Sensoren und anderer adaptiver Systeme u.a. zur Sicherstellung der Telekommunikation erinnert.

Ein sich bereits deutlich abzeichnender neuer Zyklus im Bereich datengetriebener und -basierender Technologien bietet gigantisches Potenzial für die Volkswirtschaften und fordert gerade auch die Energieversorger zu Höchstleistungen. Es sollte nicht vergessen werden, dass die Welt nach Erkenntnissen amerikanischer Forscher gerade in einen neuen Zyklus eingetaucht ist, in dem verschiedene moderne, auf Daten basierende Technologien wie das Internet der Dinge, künstliche Intelligenz, Automatisierung und virtuelle Realität zusammenfallen. Amerikanische Analysten sehen für das kommende Jahrzehnt gigantische IT-Investments in Höhe von 1,6 Billionen Dollar voraus. Jeder sollte wissen, dass all diese Systeme und Anwendungen mit Strom versorgt werden müssen. In diesem Kontext ist auf den gigantischen Energiebedarf im Bereich Kryptowährungen wie Bitcoin und andere Blockchain-Anwendungen hinzuweisen, die Strom auf Dekaden hinaus zu einer „Rarität“ werden lassen könnten. Auch Batterien werden dabei eine große Rolle spielen. Bereits heute greifen die Menschen im Alltag auf ein Heer von Batterien zurück. Auch für die Wirtschaft gilt es, diese Batterien ständig mit Strom zu versorgen. Ergo: Die Energieversorger werden in den kommenden Jahrzehnten also an Bedeutung gewinnen.

Dies auch deshalb, weil sich die Zahl der Erdenbürger aller Voraussicht nach von heute rund 7,5 Milliarden Menschen in den kommenden Jahrzehnten in Richtung zehn Milliarden und mehr entwickeln dürfte. Und das wiederum bedeutet: Die Energienachfrage wird überdurchschnittlich steigen. Diese riesigen Herausforderungen sollen sich nur mit sauberer Energie bewerkstelligen lassen. Der Frage der Rohstoffversorgung gilt in diesem Kontext große Aufmerksamkeit. Hier tut sich sehr viel. So wie EVU in früheren Zeiten mit den „alten“ energetischen Rohstoffen Kohle, Gas und Öl einen Anker der Volkswirtschaften darstellten, so gewinnen andere moderne Rohstoffe in der Ära der Digitalisierung, der künstlichen Intelligenz und von "big data" eine zumindest ebenso große Bedeutung. Hier ist die Rede von Lithium, Kobalt, Graphene und anderen zum Beispiel für die Herstellung von Batterien notwendigen Commodities. Es ist Optimismus angebracht, dass die Zukunft weitere gigantische Fortschritte bringen wird. Denn ohne Energie geht nichts, überhaupt nichts in einer Welt, die sich vor dem Hintergrund steigender Bevölkerungszahlen auch einen Rückgang der CO2-Emissionen und anderer umweltschädlicher Stoffe als ökologisches Ziel setzen muss.

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