Samstag, 16. Februar 2019
-   Der Kommentar
Ladehemmung bei den Ladesäulen

Daniel Goffart, Chefkorrespondent Focus Magazin Berlin

Die Deutschen haben nicht nur das Auto erfunden, sondern auch den Dieselmotor und die Zündkerze. Die „Energiewende“ ist ebenfalls eine deutsche Idee. Leider funktioniert sie nicht besonders gut – und das wiederum hat viel mit dem Auto zu tun. Seit Jahrzehnten bleibt der Verkehrssektor weit hinter den nationalen Klimazielen zurück. Zwar sind die Motoren immer sparsamer geworden, aber die Autos immer größer, stärker und schneller. Die schmutzige Luft in unseren Städten und die Fahrverbote für Dieselmotoren sind der sichtbare Beweis dafür, dass die PSstrotzende deutsche Autoindustrie die Zeichen der Zeit viel zu spät erkannt hat. Auch das Elektroauto ist hierzulande fast verschlafen worden. Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern ist die Heimat des Automobils in dieser Beziehung ein Entwicklungsland. Während in Norwegen knapp 40 Prozent der Pkw mit reinem Elektroantrieb fahren, haben wir in Deutschland gerade einmal 1,4 Prozent.

Die Ursachen für das äußerst schwache Ergebnis sind vielfältig. E-Autos sind nicht nur teurer als Benziner oder Dieselfahrzeuge. Ihnen haftet auch der Ruf mangelhafter Reichweite an. Die Infrastruktur mit Ladesäulen, vor allem mit Schnellladeeinrichtungen, wird als nicht ausreichend empfunden. Wer keinen Starkstromanschluss in der Garage hat, macht sich abends nur ungern auf die Suche nach einer der wenigen Ladesäulen. Und so lange ein durchschnittliches Elektroauto selbst an einer Schnellladesäule immer noch eine Stunde und mehr braucht, um komplett aufzuladen, wird sich an dieser Haltung wenig ändern – allen Fördermitteln des Bundes zum Trotz. Industrie und Politik stehen hier vor der Henne- Ei-Problematik: Gibt es nur so wenig Elektroautos, weil so wenig Ladesäulen verfügbar sind? Oder gibt es so wenig Ladesäulen, weil die Zahl der E-Autos so niedrig ist – und die Anbieter bislang wenig Anreiz verspüren, weiter viele Millionen Euro in den Ausbau der Infrastruktur zu investieren?

Zwar beteuern die Stromkonzerne unablässig ihre Bereitschaft. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass solche Bekundungen viel mit grüner Image-Pflege zu tun haben. Eigentlich fehlt den durch die Energiewende finanziell arg gebeutelten Stromkonzernen das Geld für neue Abenteuer wie Ladesäulen. Zumal die „Betankung“ der Elektroautos nicht gerade ein attraktives Geschäftsmodell darstellt. Wenn man die hohen Kosten für die Errichtung, Wartung und Abrechnung der Ladesäulen mit der Menge des gelieferten Stroms vergleicht, schlagen die Herzen der Investoren nicht gerade höher. Da die Zukunft den wesentlich teureren Schnellladesäulen gehört, ist viel Geld für eine entsprechende Infrastruktur erforderlich. Große Mineralölkonzerne wie Aral haben deshalb schon abgewinkt; sie wollen keine Ladesäulen auf ihren 2.500 Tankstellen in Deutschland.

Anders sähe das Geschäftsmodell aus, wenn die Stromlieferanten an die Daten der Autofahrer herankommen würden und damit die wirklich lukrativen Felder dieses Geschäfts abernten könnten. Im Kern geht es längst nicht um ein paar Kilowattstunden Strom für Elektroautos. Die wahren Goldadern in jedem Massengeschäft sind die personenbezogenen Daten von möglichst vielen Kunden, mit denen sich auf diese Weise ein direkter Kontakt herstellen lässt – was wiederum die Grundlage für weitere Services und lukrative Zusatzgeschäfte ist. Entsprechend zäh verläuft das Ringen um den Datenzugang zwischen den beteiligten Branchen. Nicht nur die Stromhersteller wollen über intelligente Netze und smarte Ladesäulen auf die persönlichen Daten der Autofahrer zugreifen. Auch die KfZ-Versicherungen und allen voran die Autohersteller selbst reklamieren dieses Feld für sich.

Die Menge der Daten ist dabei größer als man vermuten könnte: Das automatische Notrufsystem E-Call, das in allen Neuwagen vorgeschrieben ist, die miteinander vernetzten Fahrzeuge von morgen und erst recht die autonom fahrenden Autos von übermorgen basieren auf drahtloser Kommunikation und dem Internet. Entsprechend gewaltig ist die Fülle der Daten, die rund um das Auto und ihrer Fahrer und Eigentümer zirkulieren.

Noch sitzen die Autoproduzenten am längeren Hebel. Allerdings wird die Aufladung von immer mehr Elektrofahrzeugen künftig nur funktionieren, wenn dieser Vorgang über intelligente, digitale Netze erfolgt. Das beginnt beispielsweise damit, dass der Computer die Ladezeiten für die abends abgestellten Elektroautos bestimmen muss, damit die Netze nicht durch tausende gleichzeitig ladende Batterien überlastet werden. Also muss klar sein, bis wann das Auto am nächsten Morgen fertig aufgeladen sein muss. Solche Informationen erfolgen nur durch eine digitale Verbindung. Der anhaltende Streit zwischen Autoindustrie und Stromkonzernen wegen des Datenzugangs könnte den Ausbau stark hemmen. Wenn die Bundesregierung nur ansatzweise in die Nähe ihres Zieles kommen will, bis 2022 eine Million Elektrofahrzeuge auf Deutschlands Straßen zu haben, muss sie eingreifen und eine gesetzliche Reglung zugunsten der Investoren in die Ladesäuleninfrastruktur treffen.

Suche

Aktuelles Heft
Schwerpunkt: Digitale Energiewelt
Erhebliche Prozessbeschleunigung des Lieferantenwechsels
Robotic Process Automation; Intelligentes Messewesen; Cybersecurity
Wie zielführend sind regionalisierte Ausschreibungen
mehr...
Anzeige
EW Medien und Kongresse GmbH
Kaiserleistraße 8a | D-63067 Offenbach am Main | Telefon +49 (069) 7104487-0 | Telefax: +49 (069) 7104487-459

Aktuelles Heft  | Zukunftsfragen  | Topthema  | Weitere Themen  | Termine  | Heftbestellung  | Mediadaten  | Ansprechpartner

copyright by Friese Media GmbH 2012  |  anmelden  |  Impressum |  AGB  |  Datenschutz