Montag, 16. Juli 2018
-   Editorial
Marktdesign statt Pragmatismus

Liebe Nutzerin, lieber Nutzer,

Franz Lamprecht - Stellv. Chefredakteur der „et“mittlerweile zeigt sich an vielen Stellen, dass das Jahrhundertprojekt Energieumbau ein völlig neues – Unwort hin oder her – Marktdesign erfordert. Dieses muss sowohl die technische und wirtschaftliche Integration der Erneuerbaren forcieren, genauso aber für neue effiziente und flexible fossile Kraftwerke, die für die Systemstabilität mindestens noch mittelfristig benötigt werden, sorgen können. Es geht um mehr, als den nächsten Winter mittels Kaltreserve zu überstehen und ansonsten am EEG weiter „herumzudoktern“ – das ist bloßer Pragmatismus. Statt die schlimmsten Symptome zu mildern, sollte die Politik die Ursachen des Marktversagens anpacken und gleich einen großen Wurf wagen, und dabei, im 20. Jahr des Binnenmarktkonzepts, die europäische Ebene stark im Blick haben.

Die Suche nach einem neuen Markrahmen ist Titelschwerpunkt in dieser „et“. Wir bringen einen pragmatischen Vorschlag zum Systemreservemarkt, der mit vergleichsweise einfachen Mitteln bewerkstelligt werden könnte, schauen aber über das Kapazitätsmarktkonzept hinaus, indem wir eine marktwirtschaftliche Lösung für das Versorgungssicherheitsproblem vorstellen. Letztendlich trifft, wie gezeigt wird, selbst die Frage „Strategische Reserve oder Kapazitätsmarkt?“ nicht ins Schwarze, besser denkt man an einen Markt für Flexibilitäten.

Es mag weit hergeholt sein, in diesem Zusammenhang an die Vergabe des diesjährigen Wirtschaftsnobelpreises an die beiden Amerikaner Alvin Roth und Lloyd Shapley zu erinnern. Sie erhielten die Auszeichnung für spieltheoretische Überlegungen gepaart mit ökonomischen Experimenten zu Market Design und Market Engineering. Zwar bewegen sich ihre Arbeiten vorwiegend jenseits des Energiemarktes, z. B. im Gesundheitsbereich, sorgen dort aber aufgrund weniger, einfach verständlicher Leitplanken für besseres Funktionieren und mehr Zufriedenheit bei den Akteuren.

Es ist angesichts der Flut von Gesetzesnovellen und Verordnungen im deutschen Energiemarkt wohl völlig illusorisch, sich einfache Vorgaben für einen neuen deutschen Marktrahmen zu wünschen. Es wäre aber sicherlich schon viel erreicht, wenn man sich bei diesem enorm wichtigen Unterfangen in gewissem Umfang davon leiten ließe.

Eine interessante Lektüre wünscht

Signatur Franz Lamprecht

Franz Lamprecht

Stellv. Chefredakteur „et“

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