Donnerstag, 20. September 2018
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Gut gemeint – auch gut gemacht? Die Nachhaltigkeit der deutschen Energiewende auf dem Prüfstand

Patrick Wörner, André Müller, Marleen Fischer und Carl-Alexander Graubner

Während die Kostenbelastung privater Haushalte durch die stetig steigende EEG-Umlage kontinuierlich zunimmt, ist gleichzeitig ein drastischer Investitionsrückgang beim Ausbau der erneuerbaren Stromerzeuger zu verzeichnen. Auch die Senkung des Energieverbrauchs im Wärmebereich sowie die Integration erneuerbarer Energien im Verkehrssektor halten nicht Schritt, um die gesetzten Ziele zu erreichen. Die Bundesregierung hat die anvisierte Treibhausgasreduktion für das Jahr 2020 bereits revidiert – doch ist die wenig zufriedenstellende Entwicklung gar ein Indiz für eine fehlerhaft konzipierte Energiewende? Im Rahmen einer umfangreichen Analyse des derzeitigen und zukünftigen Energiesystems soll evaluiert werden, ob die deutsche Energiewende technisch umsetzbar sowie ökologisch, wirtschaftlich und sozialverträglich ist.



Das moderne Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung betont die Notwendigkeit ganzheitlicher Strategien und Lösungen, um Umweltverträglichkeit, wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und soziale Gerechtigkeit miteinander in Einklang zu bringen. Die deutsche Nachhaltigkeitsstrategie manifestiert den Anspruch der Bundesregierung, die drei in Wechselwirkung stehenden Zieldimensionen Ökologie, Ökonomie und Soziokultur zur Grundlage jeglichen politischen Handelns zu machen. Folglich muss sich auch die konzeptionelle Ausgestaltung der deutschen Energiepolitik danach richten: Die Ziele und Anforderungen der Energiewende dürfen sich nicht auf eine bloße Senkung von Treibhausgasemissionen beschränken, sondern müssen ein bezahlbares und verlässliches Energiesystem garantieren, von dem letztlich alle profitieren. 

Status quo der deutschen Energiewende

Der globale Klimawandel ist das Produkt eines anthropogenen Treibhauseffekts, der die gesamte Erdoberfläche einem enormen Energieungleichgewicht aussetzt. Gleichwohl wächst der Ausstoß des klimaschädlichen Kohlenstoffdioxids (CO2) als maßgebendes Treibhausgas (THG) seit Jahren exponentiell. Die Bundesrepublik muss nicht zuletzt wegen ihrer Rolle als Industrienation einen signifikanten Beitrag leisten, um diesen Negativtrend zu stoppen und die Erderwärmung auf deutlich unter 2°C zu begrenzen.

Knapp 85 % der CO2-Emissionen gehen hierzulande auf die Verbrennung fossiler Brennstoffe im Energiesektor zurück [1]. Das Energiekonzept der Bundesregierung sieht deshalb vor, das derzeitige Energiesystem tiefgreifend zu transformieren. Demnach soll in den drei ausschlaggebenden Sektoren Strom, Wärme und Verkehr einerseits der Endenergieverbrauch drastisch gesenkt und andererseits der Anteil erneuerbarer Energien (EE) signifikant erhöht werden, um bis 2050 mindestens 80 % der THG-Emissionen des Referenzjahres 1990 einzusparen. Doch auch strategische Ziele wie die Wahrung von Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit stehen auf der Agenda der deutschen Energiepolitik. Die umgesetzten Maßnahmen im Zuge der Stromwende, allem voran die Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), haben fraglos die bisher größte Strahlkraft, obwohl der Energiebedarf Deutschlands maßgeblich durch den Endenergieverbrauch des Wärmesektors bestimmt wird. Dieser übersteigt den Nettostromverbrauch um mehr als das Doppelte [2]. Umgekehrt weist die Stromerzeugung mit Blick auf die spezifischen CO2-Emissionen ein doppelt so hohes Treibhauspotenzial auf als im Wärme- und Verkehrsbereich [1]. 

Somit dürfte theoretisch das größte Optimierungspotenzial im weiteren Ausbau regenerativer Stromerzeugung und in der Minimierung des Energieverbrauchs für Raumwärme- und Warmwasserbereitstellung liegen. Dass es an der praktischen Umsetzung der Energiewende mangelt, zeigt die Tatsache, dass in keinem der drei genannten Sektoren die Energieverbrauchsziele für das Jahr 2020 erreicht werden. Zur Veranschaulichung der allgemeinen Diskussion liefern im Folgenden drei beispielhafte Maßnahmen der Strom-, Wärme- und Verkehrswende Anhaltspunkte, wie es zu dieser Zieldiskrepanz kommen konnte. 

Gegenläufige Entwicklungen im Stromsektor

In keinen anderen Energiesektor lassen sich die regenerativen Energiequellen Wind und Sonne besser einbinden als in die Elektrizitätswirtschaft: Mit einem Anteil an der Bruttostromerzeugung von 33 % steht der EE-Ausbau im Soll [3]. Die finanziellen Folgen dieser rasanten Entwicklung offenbart ein Blick auf die Stromrechnung, denn diese besteht inzwischen zur Hälfte aus Umlagen, Abgaben und Steuern. Allein die Förderung regenerativer Stromerzeugung in Form der EEG-Umlage entspricht einem Viertel des Haushaltsstrompreises und generierte 2016 Zahlungen von 24 Mrd. € zuzüglich eines Umsatzsteuerplus von 4,6 Mrd. €, welches – wohl gemerkt – nicht der Energiewende zur Verfügung steht [4]. Trotz des vermeintlichen finanziellen Spielraums gehen die Investitionen in erneuerbare Energien zurück und die CO2-Emissionen der Stromerzeugung sind seit 2008 nahezu konstant [5, 6]. Es bleibt daher zu prüfen, ob das derzeitige Umlagesystem ein nachhaltiges Steuerungsinstrument darstellt.

Die Stagnation der CO2-Emissionen ergibt sich in erster Linie aus zwei Einflüssen. Zum einen ging die Verdopplung des Anteils erneuerbarer Energien seit 2008 mit einer Halbierung der emissionsfreien Stromerzeugung aus Kernenergie einher, während der klimaschädliche Einsatz von Braunkohle nur minimal zurückging [3]. Zum anderen wird auch zukünftig ein wesentlicher Anteil des Strombedarfs konventionell gedeckt werden, denn die Einspeisung aus Wind- und Solarkraft verläuft in der Regel fluktuierend und nicht synchron zur Stromnachfrage. 

Dies wird insbesondere während einer typischen Dunkelflaute ersichtlich: Abb. 1 zeigt am Beispiel des 24.1.2017, wie an diesem Tag nur 2 % des deutschen Stroms durch Wind- und Solarenergie bereitgestellt wurde. Über zwei Wochen bewirkte dieser Zustand eine Residuallast, die neben Kernenergie hauptsächlich durch Kohlestrom gedeckt wurde, da dieser am deutschen Strommarkt ungeachtet seiner Umweltwirkungen konkurrenzlos günstig ist. Abweichungen zwischen Erzeugungsleistung und Nachfragelast sind vor allem das Ergebnis einer fehlenden Flexibilität der Grundlastkraftwerke und müssen unter anderem durch vorgehaltene Reserven im Ausland ausgeglichen werden.

Gleichzeitig wird am Beispiel des 7.6.2017 deutlich, dass auch eine alleinige Ausweitung der regenerativen Stromerzeugung keine Lösung zur Verdrängung fossiler Kraftwerke darstellt, denn bereits heute kommt es an Tagen erhöhter EE-Einspeisung zu erheblichen Stromüberschüssen, die zur Frequenzhaltung vorrangig in die europäischen Nachbarländer exportiert werden. Ob diese Ausweichmöglichkeit auch bei zunehmendem EE-Anteil und steigendem Stromüberschuss sowie vor dem Hintergrund einer ähnlichen Entwicklung im EU-Ausland dauerhaft bestehen wird, ist fragwürdig.

Stromerzeugung u. Last waehrend Dunkelflaute_erhoehte Einspeisung regenerativen Stroms

Im energetisch ungünstigsten Fall müssten EE-Anlagen abgeregelt und der regenerativ erzeugte Strom buchstäblich weggeworfen werden. Die Entschädigungszahlungen im Rahmen des Einspeisemanagements führten bereits 2016 zu Kosten in Höhe von 640 Mio. € [4]. Ohne entsprechende Vorkehrungen würde dieser Betrag zukünftig steigen.

Speicherbedarf vs. Stromüberschuss

Eine Reihe von Studien befasst sich mit der Gegenüberstellung prognostizierter Stromerzeugungs- und Lastzeitreihen für den Zeithorizont bis 2050, um eine Abwägung zwischen konventioneller und regenerativer Stromerzeugung sowie induzierter Speicherkapazitäten und Flexibilitätsmaßnahmen zu ermöglichen. Deren Ergebnisse sind allerdings mit Unsicherheit behaftet, weshalb sich die in diesem Beitrag zugrundeliegende Studie historischer Zeitreihen aus Datenpunkten in 15-minütigen Zeitschritten bedient. 

Mittels Optimierung und einer umfangreichen Datenbank an Kosten- und Emissionskennzahlen lassen sich je nach Randbedingungen energetisch sinnvolle, sprich Stromüberschüsse minimierende, Energiesysteme modellieren. Im hier vorgestellten Szenario beinhaltet die Strombereitstellung entsprechend der Zielvorgabe der Bundesregierung einen 80-prozentigen EE-Anteil am Bruttostromverbrauch, während aufgrund des politisch gewünschten Kohle- und Kernenergieausstiegs die Residuallast ausschließlich über flexible Gaskraftwerke gedeckt wird. Stromaußenhandel und Lastmanagementmaßnahmen bleiben unberücksichtigt.

Werden für 2050 vergleichbare Windverhältnisse und Sonnenstunden wie 2017 angenommen, wäre nur eine leichte Anhebung der Stromerzeugung aus Onshore-Windkraftanlagen notwendig, um das angestrebte Ziel zu erreichen. Dagegen sieht das Szenario eine deutliche Erhöhung der Stromerzeugung aus Windenergie auf See und Solarenergie vor. Demnach stiege die Gesamtzahl erforderlicher Offshore-Anlagen in Nord- und Ostsee von derzeit 950 [4] auf ca. 5.300. Zusätzlich wäre für Photovoltaik eine Fläche von etwa 140.000 Fußballfeldern nötig. Im Gegenzug könnten die jährlichen THG-Emissionen der Elektrizitätswirtschaft trotz Umweltwirkungen, die bei der Herstellung der zusätzlichen Stromerzeuger anfielen, um rund 74 % (ca. 225 Mio. t) gesenkt werden. Die unerwünschten Nebenwirkungen des EE-Ausbaus offenbaren sich in einem deutlichen Anstieg der jährlichen Kosten der Stromgestehung um etwa 15 Mrd. €. Gleichzeitig entsteht ein regenerativ erzeugter Stromüberschuss von etwa 50 
TWh, der einer energetisch sinnvollen Verwertung zugeführt werden muss, um eine Abregelung der Anlagen zu vermeiden.

Alternativ ließe sich der Stromüberschuss speichern und damit zu einem späteren Zeitpunkt nutzbar machen, schließlich legt das Energiekonzept der Bundesregierung ein besonderes Augenmerk auf die Weiterentwicklung innovativer Speichertechnologien. Notwendig wären allerdings Investitionen in Batteriespeicherkraftwerke mit einer Kapazität von 2 bis 3 TWh, wodurch die Wirtschaftlichkeit der Energiewende nicht mehr gegeben wäre. Unter Annahme einer Laufzeit von 20 Jahren und einer fiktiven Speicherumlage auf den Haushaltsstrompreis stiege die monat- liche Stromrechnung eines Durchschnittshaushalts von derzeit 85 € auf 150 €. Darüber hinaus würde allein die Herstellung der Batteriespeicher den CO2-Fußabdruck des künftigen Energiesystems derart verschlechtern, dass sich der positive Effekt einer weiteren Minimierung konventioneller Stromerzeugung ins Gegenteil verkehrt. Das Optimum liegt daher in einem Mix aus Speicherung einerseits und Verwertung der Stromüberschüsse im Wärme- und Verkehrsbereich andererseits.

Optimale Dämmstärke für mehr Gebäudedämmung

Über 80 % des Energieverbrauchs privater Haushalte fällt durch die Bereitstellung von Raumwärme und Warmwasser an, die überwiegend durch fossile Brennstoffe wie Gas und Öl erfolgt [2]. Durch den vermehrten Einsatz von Wärmepumpen, die zusammen mit solarthermischen Anlagen in ca. 30 % der nach Einführung der ersten Wärmeschutzverordnung errichteten Wohngebäude zu finden sind [7], rückt auch der Energieträger Strom in den Fokus des Wärmesektors, zumal dieser in Zukunft überschüssig aus regenerativen Quellen erzeugt werden könnte. Da diese Überschüsse meist in den Sommermonaten außerhalb der Heizperiode auftreten, wären thermische Speicherlösungen notwendig, die eine ähnlich elementare Kostensteigerung wie im Stromsektor zur Folge hätten. Ohnehin sollte der Fokus der Wärmewende in erster Linie auf der Ertüchtigung des Wohngebäudebestands liegen, denn über 90 % aller Wohnbauten wurden vor Einführung der Energieeinsparverordnung (EnEV) errichtet. Hier dominieren wiederum öl- und gasbefeuerte Wärmeerzeuger [7].

Vor dem Hintergrund des hohen Energiebedarfs zur Wärmebereitstellung unterliegen die Anforderungen an die energetische Quali- tät der Gebäudehülle einer fortwährenden Verschärfung. Um den aktuellen EnEV-Anforderungen für Neubauten zu entsprechen, ist beispielsweise eine 20 cm dicke Außendämmung aus Mineralwolle vorzusehen. Abb. 2 zeigt, dass noch größere Dämmstärken zu keiner weiteren nennenswerten Energieeinsparung und Emissionssenkung führen, weil sich die ökologische Umweltwirkung aufgrund der Produktion der Dämmmaterialien verdoppelt. Eine flächendeckende Sanierung sämtlicher Altbauten mit einer 10 cm starken Außendämmung würde dagegen bei vertretbarem finanziellen Aufwand bereits zu einer Emissionsreduktion von 10-15 % führen [8].

Aus ökonomischer Sicht zeigt sich die Unvorteilhaftigkeit großer Dämmstärken insbesondere an ihrer Amortisationszeit: Während eine 20 cm starke Dämmung knapp 25 Jahre bis zum Return-on-Investment benötigt, amortisieren sich größere Dämmstärken gegebenenfalls nicht mehr vollständig innerhalb ihrer Nutzungsdauer. Darüber hinaus existiert bei der Altbausanierung eine Reihe praktischer Hürden, z. B. im Bereich des Denkmalschutzes. Im Zusammenhang mit Mieterhöhungen nach erfolgter energetischer Sanierung wird die Problematik um eine soziale Komponente ergänzt, die im Sinne der Nachhaltigkeit gleichermaßen zu berücksichtigen ist.

Oekologische_oekonomische Amortisationszeit versch. Daemmstaerken

Steigende Verbrauchskosten infolge der Verkehrswende 

Das im Jahr 2009 formulierte Ziel der Bundes- regierung, bis zum Jahr 2020 eine Million Elektrofahrzeuge auf deutsche Straßen zu bringen [9], scheint bei einem Bestand von knapp unter 55.000 zugelassenen Elektroautos in weite Ferne gerückt [10]. Dabei wäre die Elektromobilität aus energetischer Sicht ein klarer Gewinn, denn sie senkt einerseits den Endenergieverbrauch durch den vergleichsweise hohen Wirkungsgrad des Elektromotors und erhöht andererseits den Anteil erneuerbarer Energien bei Betankung mit regenerativ erzeugtem Strom. Allerdings sind ergänzende ökologische Folgewirkungen zu beachten.

Wie in Abb. 3 skizziert, weisen die kumulierten Emissionen eines elektrisch angetriebenen Durchschnittswagens über die Fahrleistung einen deutlich flacheren Verlauf im Vergleich zum Pendant mit Benzinantrieb auf. Im zuvor vorgestellten Stromszenario für 2050 wäre sogar ein nahezu emissionsfreier Betrieb möglich. Die Emissionen bei der Herstellung der Fahrzeugbatterie führen jedoch zunächst zu einem erheblichen ökologischen Rucksack, der sich beim heutigen Strommix erst nach ca. 60.000 km amortisiert. Bei dieser Belastung ist es wenig verwunderlich, dass Automobilhersteller diese Emissionen bei der öffentlichen Darstellung ihrer Produkte in der Regel unerwähnt lassen.

Oekologische Armotisationszeit Renault ZOE vs. Renault Clio

Ähnlich problematisch gestaltet sich die Situation mit Blick auf die Kosten eines Elektrofahrzeugs. Während die Verbrauchskosten auf 100 km eines durchschnittlichen Benziners bei etwa 7,65 € liegen, fallen bei einem elektrisch angetriebenen Kleinwagen zum heutigen Haushaltsstrompreis zunächst nur ca. 5,85 € an. Allerdings führt eine Umlage der Batteriekosten gemäß der herstellergarantierten Lebensdauer zu einer Verdopplung der laufenden Kosten. Bedenkt man zusätzlich, dass bei einer Elektroautoquote von 50 % rund 15 Mrd. € Steuereinbußen bei Energie- und Umsatzsteuer entstünden und diese durch den Verkehrsstrompreis kompensiert werden müssten, stiege der Verbrauchspreis unter Berücksichtigung prognostizierter Preissteigerungen auf 16 € je 100 km. Elektromobilität stellt somit ohne staatliche Subventionen oder eine höhere Besteuerung fossiler Kraftstoffe keine wirtschaftlich sinnvolle Option dar.

Sektorkopplung als Kern der Energiewende

Die einzelnen Sektoren des Energiesystems sind eng verzahnt und müssen daher gemeinsam optimiert werden, um potenzielle Synergien zu identifizieren und auszuschöpfen. Im Stromsektor gilt dies auch beim Blick über den nationalen Tellerrand, denn durch eine europäische oder gar interkontinentale Vernetzung ließe sich die Stromerzeugung aus Wind- und Sonnenenergie verstetigen. Dadurch würde ein hoher Anteil erneuerbarer Energien auch ohne überdimensionierte Speicherkapazitäten möglich. Allerdings müssen alle Partner an einem Strang ziehen und Einzelinteressen zurückstellen – ein politisch mehr als schwieriges Unterfangen.

Synergien spielen auch im Wärmebereich eine besondere Rolle, wo eine Abkehr von der energetischen Optimierung des Einzelgebäudes hin zu einer umfassenderen Betrachtung ganzer Quartiere notwendig ist. Im Quartiersverbund lassen sich Speicher und regenerative Erzeugertechnologien besser einbinden sowie Effizienzgewinne aus verschiedenen Nutzungen und Gebäude- arten generieren. So können durch den gegenseitigen Ausgleich von Lastspitzen und einer besseren Auslastung der Energieerzeuger Energieeinsparungen von ca. 16 % erreicht werden [11].

In diesem Kontext bietet Power-to-X die Schlüsseltechnologie der Sektorkopplung: Die Umwandlung von regenerativ erzeugten Stromüberschüssen in andere Energieformen macht diese nicht nur speicherbar, sondern eröffnet auch eine Vielzahl an Verwertungsoptionen zur Substitution fossiler Energieträger. Auf diese Weise kann vor allem im Gebäudebestand der Einsatz erneuerbarer Energien vergleichsweise einfach realisiert werden. Durch die Erzeugung synthetischer Kraftstoffe erschließt Power-to-X auch enorme Potenziale in der Mobilität, sofern ein ausgewogener Mix aus Antriebstechnologien und Kraftstoffen forciert wird. Leider schaffen regulatorische Rahmenbedingungen und fehlende Umlagebefreiungen noch keine wirtschaftlichen Voraussetzungen zum Einsatz von Power-to-X abseits der Stromspeicherung.

Nachhaltige Energiewende als Herausforderung

Energiewende und Klimawandel sind die zentralen Herausforderungen unserer Generation. Ob die deutsche Energiewende nachhaltig ist, kann auch deshalb nicht abschließend beurteilt werden, weil sie eine soziale Komponente besitzt, die bislang nur am Rande betrachtet wurde. Fakt ist, dass einkommensschwache Haushalte aktuell eine tendenziell stärkere Kostenbelastung durch die Energiewende erfahren. Es wird von technischen Weiterentwicklungen und politischem Geschick abhängen, diese bereits spürbare Konsequenz im Sinne der Nachhaltigkeit einzudämmen. Die Energiewende ist und bleibt eine langfristige Entwicklung, deren Erfolg oder Misserfolg sich vor allem auf nachfolgende Generationen auswirkt. Daher sollten energiepolitische Entscheidungen sorgfältig und wissenschaftlich fundiert abgewogen werden, denn das Weltklima denkt nicht in Legislaturperioden.

Literatur

[1] Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (Hrsg.): Zahlen und Fakten Energiedaten. Nationale und internationale Entwicklung, Berlin 2017.
https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Artikel/Energie/energiedaten-gesamtausgabe.html

[2] AG Energiebilanzen e.V. (Hrsg.): Zusammenfassung Anwendungsbilanzen für die Endenergiesektoren, Berlin 2017.
https://www.ag-energiebilanzen.de/80-Anwendungsbilanzen.html

[3] AG Energiebilanzen e.V. (Hrsg.): Bruttostromerzeugung in Deutschland ab 1990 nach Energieträgern, Berlin 2018. 
https://www.ag-energiebilanzen.de/

[4] Bundesnetzagentur (Hrsg.): EEG in Zahlen, Bonn 2016. URL:
https://www.bundesnetzagentur.de/DE/Sachgebiete/ElektrizitaetundGas/Unternehmen_Institutionen/ErneuerbareEnergien/ZahlenDatenInformationen/zahlenunddaten-node.html

[5] Umweltbundesamt (Hrsg.): Entwicklung der spezifischen Kohlendioxid-Emissionen des deutschen Strommix in den Jahren 1990-2016, Dessau-Roßlau 2017.
https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/entwicklung-der-spezifischen-kohlendioxid-3

[6] Arbeitsgruppe Erneuerbare Energien-Statistik (Hrsg.): Zeitreihen zur Entwick-lung der erneuerbaren Energien in Deutschland, Dessau-Roßlau 2017.
http://www.erneuerbare-energien.de/EE/Navigation/DE/Service/Erneuerbare_Energien_in_Zahlen/Zeitreihen/zeitreihen.html

[7] Deutsche Energie-Agentur GmbH (Hrsg.): denaGebäudereport 2016. Statistiken und Analysen zur Energieeffizienz im Gebäudebestand, Berlin 2016.
https://www.dena.de/themen-projekte/projekte/gebaeude/dena-gebaeudereport/ 

[8] Weißmann, C.: Effizienter Einsatz erneuerbarer Energieträger in vernetzten Wohnquartieren – Entwicklung eines simulationsbasierten Verfahrens zur energetischen, ökologischen und ökonomischen Bewertung. Dissertation, Institut für Massivbau, TU Darmstadt, Heft 37, Darmstadt 2017.

[9] Bundesregierung (Hrsg.): Nationaler Entwicklungsplan Elektromobilität der Bundesregierung, Berlin 2009.
https://www.bmvi.de/SharedDocs/DE/Artikel/G/elektromobilitaet-nationaler-entwicklungsplan.html

[10] Kraftfahrt-Bundesamt [Hrsg.]: Bestand am 1. Januar 2017 nach Umwelt-Merkmalen, Flensburg 2018.
https://www.kba.de/DE/Statistik/Fahrzeuge/Bestand/Umwelt/umwelt_node.html

[11] Weißmann, C.; Wörner, P.; Hong, T.: Analysis of heating load diversity and application in a district heating system, Proceedings of the 15th IBPSA Conference (Building Simulation 2017), 7.-9. August 2017, San Francisco, CA, S. 18-27, DOI: 10.26868/25222708.2017.009
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P. Wörner, M.Sc.,
A. Müller, M.Sc.,
M. Fischer, M.Sc.
Wissenschaftliche Mitarbeiter

Univ.-Prof. Dr.-Ing. C.-A. Graubner, Geschäftsführender Direktor, Institut für Massivbau, Technische Universität Darmstadt

woerner@massivbau.tu-darmstadt.de

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