Dienstag, 17. Oktober 2017
-   Weitere Themen

Klimaschutzplan 2050 effizient und integrativ umsetzen

Ansatz des am 14.11.2016 im Bundeskabinett verabschiedeten Klimaschutzplanes (KSP) 2050 ist es, alle Energieverbrauchssektoren mit Zielen zu versehen. Zudem sollen bestehende Klimaschutzziele spezifiziert und mit konkreten Maßnahmen unterlegt werden. Zentrale Elemente sind das Langfristziel der weitgehenden Treibhausgasneutralität sowie Leitbilder und transformative Pfade für den Weg dorthin, mit der Zwischenstufe 2030. Es besteht jedoch der Eindruck, dass, gestützt auf Studien, politisch nach wie vor auf eine „all electric society“ abgestellt wird. Über einen effizienteren und integrativeren Ansatz diskutierte „et“ mit E.ON-Vorstand Leonhard Birnbaum, EnergyEfficiencyInvest-Geschäftsführer Stephan Kohler, dem Thüga-Vorstandsvorsitzenden Michael Riechel und dem Wissenschaftler Ulrich Wagner.

„More“ statt „all electric society“

„et“: Die Stromlastigkeit der Energiewende scheint auch im Klimaschutzplan nicht beendet. Wie realistisch erscheint Ihnen dieser Ansatz mit Blick auf die Wegmarken 2030 und 2050? Und: Was halten Sie vom KSP 2050 generell?

Dr. Leonhard Birnbaum, Mitglied des Vorstands der E.ON SE, Essen: Bis 2030 wird es sicherlich keine „all electric society“ geben. Das ist illusorisch, insbesondere was die Industrie betrifft. Es findet aber in jedem Fall mehr Elektrifizierung statt und es gibt sicherlich insbesondere eine stärkere Elektrifizierung des Verkehrs, so wie die Weichen jetzt stehen. Aber auch andere Energieträger und Konzepte werden ihren Platz finden. Es ist eben nicht belastbar geklärt, wie viel Erzeugung wir für den Vollelektrifizierungsansatz brauchen. Letztendlich ist das aber im Moment gar nicht so bedeutend. Wichtiger ist: Wir als Experten schauen auf die Technologien und das System, sollten aber lieber darauf achten, was die Kunden wollen. Was wir hierüber wissen ist, dass diese nicht primär von der Technologieseite her kommen, sondern in erster Linie Licht, Wärme und Mobilität wesentlich umweltschonender bereitgestellt haben wollen. Ob das dann „all electric“ ist, interessiert die Kunden weniger.

Stephan Kohler, Geschäftsführer EnergyE ciencyInvest GmbH, Berlin: Es ist unverständlich, dass die Bundesregierung sich auf eine „all electric“-Strategie festlegen will. Das hatten wir schon einmal vor, ebenfalls staatlich vorangetrieben, auf Basis der Kernenergie ab den 1960er Jahren. Der Ausgang ist bekannt. Der Klimaschutzplan ist das eine, die dahinter liegenden Energieszenarien, auf die er Bezug nimmt, das andere. Sie zeichnen das Grundbild und geben den Weg vor in eine „all electric society“ 2050, z. B. die Zielszenarien des Fraunhofer ISE.

Diese Zielszenarien haben mit der vorstellbaren Wirklichkeit nichts zu tun. So gehen sie von weiter steigenden Primärenergiepreisen für fossile Energieträger von jährlich 2 % im Durchschnitt aus. Von 2008 bis heute hat sich der Ölpreis aber halbiert, und er wird weiterhin unter Druck stehen, wenn die internationalen Klimaanstrengungen erfolgreich sind. Deshalb wird in den Studien auch eine CO2-Preiserhöhung auf ca. 100 €/t diskutiert, der aber nur wirksam ist, wenn er möglichst weltweit eingeführt wird. Nicht weniger utopisch ist die für 2050 abgeschätzte installierte Stromerzeugungsleistung aus Wind und Photovoltaik zwischen 450 und 520 GW. Ich plädiere deshalb an die Wissenschaftler, mehr Verantwortung zu übernehmen und keine Szenarien zu entwerfen, die absolut utopisch sind.

„et“: Darf die Wissenschaft denn nicht die Lösungen vorschlagen, die sie für richtig hält?

Kohler: Das darf sie im Prinzip schon, sie sollte aber die Augen vor der Realität nicht komplett verschließen. Denn es werden auf Basis derartiger Studien heute die Entscheidungen getroffen, die dann die Energiewelt strukturieren. Alle Szenarien und die Politik in BMWi und BMUB zielen in die Richtung dieser realitätsfernen Vorgaben. Das ist nicht nur wegen der exorbitanten Kosten, sondern wegen der nicht darstellbaren Versorgungssicherheit gefährlich. Wenn wir auf Basis des EEG weitermachen, beim Netzausbau aber weiterhin auf der Stelle treten – von den in der dena-Netzstudie bis 2012 notwendigen 1.800 km sind bis heute erst wenige hundert Kilometer gebaut, nicht mehr in fossile Technologien investieren wollen wegen lock in, alles unter das Diktat von Wind und Sonne stellen und die Kraft-Wärmekopplung nicht als eigenen Klimaschutzbeitrag, sondern als Ergänzung des Wind-PV-Systems betrachten, werden wir scheitern.

Michael Riechel, Vorstandsvorsitzender der Thüga AG, München: Egal ob wir über Ziele für 2030 oder 2050 sprechen, es gibt eine deutliche Diskrepanz zwischen politischen Zielen, Leistungsfähigkeit der Energiewirtschaft und der Kundensicht. Wenn wirklich alle Bereiche verstromt werden sollen, würde mit dem Erdgassystem eine bestehende, bestens funktionierende, umfangreiche sowie effiziente Infrastruktur entwertet und es müsste eine neue komplett aufgebaut werden. Allein wenn man die Verhältnisse sieht: Die benötigte Energiemenge im Wärmesektor ist in Deutschland mit circa 1.180 TWh doppelt so hoch wie der komplette Stromverbrauch mit 600 TWh und im Verkehrsbereich ist der Verbrauch in etwa gleich hoch wie beim Strom. Bei diesen Zahlen wird sofort klar, dass eine Elektrifizierung nicht allein durch den Überschussstrom erneuerbarer Anlagen abgedeckt werden kann. Es wäre fahrlässig, in diesem Transformationsprozess den Gassektor nicht zu berücksichtigen.

„et“: Wäre das auch im Sinne der Kunden?

Riechel: Die Kunden wollen dreierlei, das aber zugleich: Ökonomie, Ökologie und Versorgungssicherheit. Diese für unsere Branche fundamentale Erwartung wird leider in vielen Debatten ausgeblendet. Darum geht es aber im Kern. Schon heute sind Industriekunden hochsensibilisiert, wenn es um ihre elektrische Versorgungssicherheit geht. Ihnen auch noch die Versorgungssicherheit im Wärmemarkt zu nehmen, wäre nicht zu vermitteln. Deshalb müssen wir das besser und breiter kommunizieren.

Prof. Dr-Ing. Ulrich Wagner, Lehrstuhl für Energiewirtschaft und Anwendungstechnik, TU München: In unserer Situation, in der ein in Rekordzeit erreichtes Drittel des Strombedarfs auf regenerativer Energiebasis erzeugt wird, ist der Ansatz, dies auch in anderen Sektoren zu erreichen, sicherlich vernünftig. Strom hat zudem den großen Vorteil, dass er effizienter und breiter einsetzbar ist, auch im Wärmebereich in Niedrigstenergiehäusern, wo nur noch 20–30 kWh pro m2 gebraucht werden. Allerdings wäre eine „more electric society“ ein Begriff, der mehr Sinn ergibt als die Vollelektrifizierung aller Sektoren. Denn es wäre töricht, auf eine bestehende Infrastruktur wie das Erdgas zu verzichten, die flächendeckend und noch dazu mit riesigen Speichern vorhanden ist. Um diese nutzen zu können, müssen wir sie stärker mit dem Strom koppeln.

Den vollständigen Artikel finden Sie in Ausgabe 1–2/2017

Service
   Heftbestellung / Abo
   Termine
   „et“ online lesen
   Shop
   Verlagsverzeichnis
   Jahresinhalte
   Mediadaten
   "et" für Autoren
   Kontakt

Energiekarriere

Das neue Karrieremagazin energiekarriere jetzt kostenlos lesen!
Energiekarriere
Online lesen
Download als PDF


Sommer-Special 2017

Intelligente Energieinfrastruktur

Jahrgangs-CD

Suche

Anzeige
Aktuelles Heft
Inhalt der Ausgabe 10/2017
Schwerpunkt: Wende in der Energiewende?
Energiepolitik: Energiewende-Index Deutschland 2020+
Zukunftsfragen: Wandel: „Old“ und „New School“; Klimaschutzplan als Politikum
Energiemarkt: Der Prosumer und die Energiewirtschaft
mehr...
 
EW Medien und Kongresse GmbH
Montebruchstraße 20 | D-45219 Essen | Telefon: +49 (02054) 9532-0 | Telefax:  +49 (02054) 9532-60

Aktuelles Heft  | Zukunftsfragen  | Topthema  | Weitere Themen  | Termine  | Heftbestellung  | Mediadaten  | Ansprechpartner

Copyright 2012 by ONexpo  |  anmelden  |  Impressum |  AGB