Mittwoch, 14. November 2018
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Digitale Plattformen für die urbane Energiewende


Stefan Dörig


Den Städten und Kommunen kommt bei der Energiewende eine herausragende Rolle zu. Doch die damit verbundenen Herausforderungen sind enorm und lassen sich mit den herkömmlichen Methoden kaum noch bewältigen. Digitale Plattformen können Abhilfe schaffen.

Laut Berichten des Weltklimarates (IPCC) und der Internationalen Energie-Agentur (IEA) sind Städte bereits heute für 70 % des weltweiten Energieverbrauchs und über 70 % der CO2-Emissionen verantwortlich. Gleichzeitig sind sie selber stark vom Klimawandel betroffen. Ein weiterer Aspekt, der die Bedeutung der Städte und Kommunen bei der Energiewende unterstreicht, ist deren Nähe zu den Hauptakteuren – den Bürgerinnen und Bürgern. Vielen Städten ist diese herausragende Rolle bewusst und sie haben bereits begonnen, entsprechende Konzepte und Strategien umzusetzen.

Komplexe Fragestellungen

Wagen Städte und Kommunen den Weg in eine nachhaltige Energieversorgung, ergeben sich einige grundsätzliche Fragen, deren Beantwortung für den Erfolg entscheidend ist. Wenige Verwaltungen haben beispielsweise einen umfassenden Überblick über den Stand der Energiewende in ihrer Stadt. Die Informationen sind zwar vorhanden, aber auf verschiedene Dienststellen verteilt und liegen oft nur in analoger Form vor. Wie geht man außerdem mit der überwältigenden Vielzahl von Themen und Perspektiven um, welche alle miteinander verknüpft sind? Wie trifft man gute Entscheidungen in diesem hochkomplexen, unsicheren Umfeld? Um die beschränkten Mittel effizient einzusetzen, müssen darauf adäquate Antworten gefunden werden. Hat sich die Stadt oder Kommune einen Überblick verschafft, eine Strategie erarbeitet und Maßnahmen beschlossen, sollten diese und die Wirkung derselben regelmäßig überprüft werden. Nicht zuletzt gilt es auch, die Bürgerinnen und Bürger für die Energiewende zu motivieren. Angesichts dieser überwältigenden Fragestellungen stehen den Städten und Kommunen zwei Optionen offen. Entweder sie kapitulieren vor der Herausforderung und konzentrieren sich auf einzelne konkrete Projekte und Maßnahmen, oder sie versuchen, sich der Aufgabe in einer strukturierten Form anzunehmen. Die zweite Variante ist allerdings mit den herkömmlichen Methoden kaum zu bewältigen – das energetische Ökosystem der Stadt ist zu komplex geworden.

Digitaler Lösungsansatz

Um für die Herausforderungen der urbanen Energiewende gewappnet zu sein, braucht es in erster Linie Transparenz bezüglich des Status quo. Eine Plattform ist vonnöten, wo alle relevanten Informationen zusammenfließen und die verschiedenen Perspektiven bedient werden (Abb. 1 und 2). Dafür ist es notwendig, bestehende Silos in der Verwaltung aufzubrechen und neue Kommunikationskanäle zum örtlichen Energieversorger herzustellen. Von herausragender Wichtigkeit ist schließlich ein dritter Aspekt, nämlich die Reduktion der Komplexität. Die Realität des Energiesystems ist heute so komplex geworden, dass man ihr nur noch mit Modellieren beikommen kann. Man kreiert einen sog. digitalen Zwilling, um damit Strategien zu planen, in Szenarien zu denken und die Zukunft zu simulieren. Basierend auf den gewonnenen Erkenntnissen lassen sich gute Entscheidungen treffen, welche für das Gelingen der urbanen Energiewende erforderlich sind.



Die gute Nachricht besteht darin, dass die Technologien und digitalen Hilfsmittel vorhanden sind, um solche digitalen Zwillinge bereits heute anzuwenden. Auch die Datenlage verbessert sich stetig und mit einem entsprechenden Qualitätsmanagement lassen sich die digitalen Plattformen laufend verbessern. Intelligente Mechanismen und Data Analytics ermöglichen außerdem ganz neue Möglichkeiten bei der Planung von Strategien und der Definition von Maßnahmen. Ein entscheidendes Element – an dem bisher manche Energiestrategie gescheitert ist – lässt sich mithilfe eines digitalen Plattformansatzes ebenfalls elegant und effizient umsetzen, nämlich das fortlaufende Monitoring, um die Wirkung der getroffenen Maßnahmen zu überprüfen und gegebenenfalls Korrekturen vorzunehmen

Mehrwert von digitalen Plattformen

Dank der digitalen Plattform lässt sich ein Regelkreis schaffen, in dem vom transparenten Status quo abgeleitet, konkrete Ziele und Handlungsbedarf festgelegt werden. Mit Simulationen und intelligenten Algorithmen lassen sich anschließend Maßnahmen definieren, welche mithilfe von automatisierten Berichten laufend überwacht werden. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse fließen daraufhin wieder in die Gesamtübersicht und in die Konzeption der Maßnahmen ein.

Mit der digitalen Plattform und dem Regelkreis wird der Prozess der urbanen Energiewende transparent und beherrschbar. Das hochkomplexe und unsichere Umfeld kann mit Szenarien-Simulation fassbar gemacht werden, was die Festlegung von validen Zielen, Strategien und Maßnahmen ermöglicht. Durch die Vernetzung der unterschiedlichen Sektoren und Perspektiven werden zudem Synergien geschaffen, welche vorher teilweise gar nicht sichtbar waren. Eine einfach verständliche digitale Grundlage erlaubt außerdem eine adressatengerechte und effiziente Kommunikation mit den Bürgerinnen und Bürgern, Industrie, Gewerbe und Handel. Die Bewusstseinsbildung und Motivation dieser Akteure für die Energiewende sind entscheidende Faktoren für deren Erfolg. Fördermittel können beispielsweise gezielter eingesetzt und der Widerstand gegen konkrete Maßnahmen und Projekte gemindert werden. Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass der Mitteleinsatz dank besseren Planungsgrundlagen effizienter und zielgerichteter erfolgen kann. Finanziell lohnt sich der digitale Ansatz schließlich auch, weil das Datenmanagement deutlich vereinfacht wird und die Kosten für die Datenbereitstellung sinken.

Fazit

Viele Städte und Kommunen haben entschieden, den Weg in eine nachhaltige Energiezukunft anzutreten. Die Vielzahl von Beteiligten und verteilten Verantwortlichkeiten sowie der Umfang der Herausforderungen lassen sich mit den herkömmlichen Methoden und Hilfsmitteln jedoch kaum mehr bewältigen. Zudem empfiehlt sich angesichts der Dynamik und Komplexität des Themas eine Fokussierung auf Datenintegration und Datenmanagement anstelle einer reinen Digitalisierung von Prozessen und Funktionen. All dies spricht für einen digitalen Plattformansatz, welcher das städtische System als digitalen Zwilling abbildet und es damit greifbar und steuerbar macht. Damit können Städte und Kommunen ihre entscheidende Rolle bei der Energiewende weiterhin vollumfänglich ausfüllen.
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S. Dörig, Director Markets, enersis suisse ag, Bern
stefan.doerig@enersis.ch

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