Sonntag, 30. April 2017
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„Eine Zukunftsvision für die Post Paris-Energiewelt gemeinsam entwickeln“

Der geplante Wandel ist gewaltig. Von einem Energieträgermix zur Stromerzeugung in der EU mit 44 % fossilem, 27 % nuklearem und 29 % erneuerbarem Anteil im Jahre 2015 soll nach der EU Roadmap 2050 ein nahezu CO2-freier Strommix angestrebt werden. Wie kann das klappen und wie sind die Weichen aus Sicht der Strombranche zu stellen? „et“ sprach mit dem neuen Generalsekretär von EURELECTRIC in Brüssel, Kristian Ruby, über seine Ziele für den Verband und die Schwerpunkte auf dem Weg in eine nachhaltige Energiezukunft in Europa.

Kristian Ruby, Secretary General, EURELECTRIC – Union of the Electricity Industry, Brüssel

„et“: Ihre Vereinigung erstreckt sich auf die Strombranche in über 32 europäischen Ländern. Wie sind Sie, zuvor Vertreter der Windenergie auf europäischer Ebene, dazu gekommen, diesen Verband zu führen?

Ruby: Es gab in der Vergangenheit, insbesondere in meiner Tätigkeit als Assistent der Klimaschutz-Kommissarin Connie Hedegaard, viele Kontakte mit Adminstration und Industrie auf der Europaebene. Diese Erfahrungen nebst vielen persönlichen Kontakten zu maßgeblichen Institutionen und Personen sind sehr hilfreich für meine jetzige Tätigkeit. Ich kenne also die legislative Maschine „Brüssel“ aus erster Hand. Gemeinsam mit meinem durch Erfahrung gewonnenen generellem Verständnis der politischen Dynamik in der EU hat das vermutlich dazu geführt, dass mich Headhunter vorgeschlagen haben und ich schließlich vom Verwaltungsrat des Verbandes gewählt wurde.

„et“: Von wo aus können Sie loslegen und welche neuen Schwerpunkte wollen Sie setzen?

Ruby: Mein Vorgänger Hans ten Berge hat den Sektor in den letzten zehn Jahren hervorragend nach vorne gebracht. Ich spüre, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist herauszufinden, wie das Umfeld sowie unsere Mitglieder selbst unseren Verband sehen, und gemeinsam festzulegen, wo wir eigentlich hin wollen. Deshalb wird eines meiner ersten Vorhaben sein, einen Visionsprozess aufzusetzen, in den alle Mitglieder, ebenso aber die Vorstände der maßgeblichen Unternehmen, einbezogen werden und versucht wird, gemeinsam eine Zukunftsvision für die Post Paris-Energiewelt für den Stromsektor zu entwickeln.

„et“: Sehen Sie intern Verbesserungspotenzial hinsichtlich Effizienz und Schlagkraft?

Ruby: Wir wollen konkrete Wege finden, wie man die Organisation „EURELECTRIC“ fit machen kann für die Herausforderungen, die sich aus der Digitalisierung, der Kostenreduktion bei den erneuerbaren Energien und der geringeren aktuellen Nachfrage nach Strom ergeben. Wir müssen dabei prinzipiell klar unterscheiden zwischen dem, was Tagesgeschäft ist, und den mit der Vision korrespondierenden Konzepten. Wir müssen also unsere Prozesse effizient strukturieren, um stets mit den gefragten Informationen und Konzepten/Positionen parat zu stehen, wenn die politischen Beschlüsse gemacht werden sollen.

„et“: Und was steht auf Ihrer politischen Agenda ganz oben?

Ruby: Da ist zum einen das EU-Winterpaket, ein riesiges Projekt nicht nur der Kommission, sondern auch für uns. Es handelt sich dabei um nicht weniger als ein neues Spielfeld für die Zusammenarbeit zwischen erneuerbaren und konventionellen Energieträgern, für neue Geschäftsmodelle und so weiter. Ein anderer zentraler politischer Punkt ist der Emissionshandel bzw. dessen Reformierung, damit daraus ein effizientes Instrument wird. Schließlich gibt es ein neues Thema, das mir persönlich stark am Herzen liegt, und das ist die Sektorenkopplung.

„et“: Das Winterpaket ist ein sehr komplexes Werk mit 4.000 Seiten, deshalb hierzu nur zwei enge Fragen: Erstens, stimmt die Richtung, zweitens was ist dringend verbesserungswürdig?

Ruby: Das Paket geht in die richtige Richtung und ist nach Ausräumen von ein paar Fehlern sicherlich ein guter Rahmen für die europäische Energiewelt der Zukunft. Ein Punkt, bei dem ich noch viel Verbesserungspotenzial sehe, ist die Regulierung. Man sollte nicht den Fehler machen und von der EU-Ebene, unter Umgehung von Nationalstaaten, direkt auf die Region durchregulieren, das wird nicht funktionieren. Der Übergang zu einem europäischen System muss immer über die Mitgliedstaaten führen.

„et“: Was halten Sie von dem geplanten Übergang von Regional Security Centern (RSC) zu Regional Operation Centern (ROC)?

Ruby: Wenn wir die europäische Vision ernst nehmen, müssen wir irgendwann zur regionalen Ebene kommen, weil das Synergien bringt. Wir unterstützen die Übertragung von einigen Aufgaben zu den ROC und glauben, dass der von der Kommission vorgeschlagene kooperative Ansatz ein Schritt in die richtige Richtung ist.

„et“: Wie halten Sie es mit der wettbewerblichen Art und Weise des Ausbaus erneuerbarer Energien, der Ausschreibung – auch grenzüberschreitend?

Ruby: Die Erneuerbaren haben es absolut nötig gehabt, dem Wettbewerb ausgesetzt zu werden. Nicht zuletzt wegen der rasanten Kostenreduktion beim Windkraftzubau, bei dem ich mich aufgrund meiner letzten Tätigkeit bei WindEurope auskenne, halte ich Ausschreibungen für einen vielversprechenden Weg. Das gilt auch für grenzüberschreitenden Ausschreibungswettbewerb, der zwischen Nachbarn wie Deutschland und Dänemark gut funktioniert, wenngleich es vorstellbar ist, dass es an anderer Stelle schwieriger sein könnte.

„et“: Sie fangen Ihren Job in einer turbulenten Zeit an: Uneinigkeit der EU in der Flüchtlingsfrage, Überschuldung von Mitgliedstaaten, Brexit sowie insgesamt schwindende Akzeptanz für das Projekt Europa.

Ruby: Das sind zweifellos riesige Herausforderungen. Das europäische Projekt steht in der Tat unter starkem Druck. Ich persönlich bin überzeugter Europäer: in Dänemark aufgewachsen, in Deutschland zur Schule gegangen und in Belgien lebend. Umso wichtiger ist für mich, dass die Energieunion gelingt. Denn dieses Thema ist sehr eng mit dem Kern der europäischen Zusammenarbeit verbunden. Die Energieunion ist eines der wenigen Felder, in denen versucht wird, mehr Kompetenzen für die EU zu schaffen. Die Vorteile sind offensichtlich: Alle Mitgliedstaaten profitieren von einem besser funktionierenden Markt mit mehr Transparenz und niedrigeren Preisen.

Der Brexit könnte durchaus zu Verzögerungen bei der Entwicklung der europäischen Energieunion führen. Insbesondere wegen institutioneller Fragen wie der neuen Anzahl der Parlamentarier, der Stimmgewichtung im Rat etc. Es gibt aber auch Dimensionen zu klären beim Emissionshandel und der Energieeffizienz – also legislativen Instrumenten. Hierzu werden unsere Experten praktikable Optionen entwickeln.

„et“: Es tun sich aber auch Gräben zwischen Blöcken von Mitgliedstaaten auf, z. B. die klimapolitische Wetterscheide zwischen der Visegradgruppe und dem restlichen Europa. Wie sollte man damit umgehen?

Ruby: Für mich ist das genau der Grund, warum wir in Europa eng zusammenarbeiten sollten. Auch wenn bei den Maßnahmen gegen die Klimaänderung manche Länder im Hintergrund bleiben, wäre es dennoch keine Option, den Dialog abzubrechen, denn dann hätte man dort mit ungebremster Emission zu tun. Einen Kompromiss mit diesen Mitgliedstaaten im Rahmen der Lastenteilung (effort sharing) zu finden, ist deshalb ein absolutes Muss. Letztlich sind wir also gut beraten, wenn wir den Ländern, die beim Klimaschutz von einem schwierigen Ausgangspunkt kommen, die Hand reichen, statt sie auszugrenzen.

„et“: Wie ambitioniert kann man bei den großen Unterschieden in den Ausgangsbedingungen und Möglichkeiten der Mitglieder in Ihrem Verband beim Klimaschutz überhaupt sein?

Ruby: EURELECTRIC hat beim Klimaschutz in der Vergangenheit eine sehr konstruktive Rolle gespielt und ich strebe an, dass das auch in Zukunft so sein wird. Der Verband hat zum Beispiel beim Emissionshandel mit einem linearen Reduktionsfaktor von 2,4 % pro Jahr einen Wert vorgeschlagen, der wesentlich ambitionierter als der des Rates und der Kommission ist; und ebenso in die Diskussion gebracht, 24 % statt der festgelegten 12 % der Zertifikate im Emissionshandel jährlich unter bestimmten Bedingungen vom Markt zu nehmen und in die Marktstabilitätsreserve einzulagern. Letztendlich deshalb, um das Überschussproblem bereits mittelfristig in den Griff zu kriegen.

„et“: Ist der u. a. in Deutschland forcierte „More electric society“-Ansatz vielversprechend?

Ruby: Auf jeden Fall. Der Stromsektor hat die Energiewende angeführt, indem er die Emissionen sehr schnell nach unten gebracht hat. Das ist aber nicht der einzige Weg, deshalb werden wir die Sektorenkopplung mit Gas forcieren, um über grünen Wasserstoff für weniger Emissionen im Wärmemarkt und über sauberen Strom auch im Verkehr zu sorgen. Es gilt also, das Potenzial der Elektrifizierung auszubauen. Diesen Prozess zu unterstützen, ist für mich eine Hauptpriorität für die nächsten fünf Jahre.

„et“: Europa ist Vorreiter in der Klimapolitik, das Paris-Agreement gab Rückenwind, nun bremst die neue US-Administration. Was ist Ihre Antwort darauf?

Ruby: Wir müssen erst einmal schauen, wie sich die Dinge tatsächlich entwickeln. Es gibt zwar starke Signale in den USA gegen Klimapolitik, andererseits haben sich die Investitionsbedingungen für erneuerbare Energien in den Vereinigten Staaten bislang nicht groß verändert. Europa muss weitermachen. Im Englischen würde ich sagen: „Keep calm, carry on!“.

„et“: Vielen Dank für das Interview.

Die Fragen stellte Franz Lamprecht, „et“-Redaktion

Diesen Artikel können Sie hier als PDF kostenlos downloaden.

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